| 01:10 Uhr

Ein Bayer im alten „Preußenzug“

Crinitz.. In den beiden Reisewagen der Niederlausitzer Museumseisenbahner herrschte ein wahres Dialektgewirr. Da wurde berlinert, die Hessen unterhielten sich mit den Bayern, nur der gemeine Niederlausitzer zog es am vergangenen Samstag vor, das tolle Angebot der Hobbyeisenbahner nicht wahrzunehmen. Erstmals ging es in Kombination Bahn-Fahrrad auf Reisen und es wurde ein Paket für einen ganzen Tag geschnürt. Von Torsten Pötzsch

Pünktlich 10.30 Uhr war Abfahrt am Frankenaer Weg und dann ging es auf die bekannte Strecke nach Crinitz. Doch dort spuckte der Zug die Leute nicht einfach aus und überlies sie ihrem Schicksal. Es wurde diesmal eine Radtour nach Fürstlich-Drehna organisiert, mit einer fachmännischen Führung durch den Park des Wasserschlosses, in dem unverkennbar von Linné seine Spuren hinterlassen hat, einer Rast im historischen Gasthaus „Zum Hirsch“ - und dann wieder retour. Ein schöner Plan, eine schöne Tour, viel Abwechslung, viel Sehens- und Wissenswertes, eine kleine Zeitreise - doch es waren fast ausschließlich Touristen von außerhalb, die das Angebot wahrnahmen.
„Vielleicht lag es am widrigen Wetter, vielleicht daran, dass auf jedem Dorf jetzt was los ist, wir werden die Sache jedenfalls noch genau auswerten“ , grübelte Hagen Lotzwig, an diesem Tag Schaffner, sonst Schatzmeister und Mitglied im Vorstand vom Verein der Museumseisenbahner.
„Es soll nicht nur bei einem Experiment bleiben, auch wenn wir am Anfang auf mehr Resonanz gehofft hatten. Vielleicht ist der Sonntag geeigneter, denn samstags haben doch viele Leute noch viel zu erledigen. Jedenfalls geben wir nicht auf, es gibt dieses Angebot im kommenden Jahr wieder und vielleicht sogar zweimal im Jahr.“ An der Organisation und den inhaltlichen Angeboten kann es wirklich nicht gelegen haben, denn auf Nachfrage schätzten alle Mitwirkenden und Mitreisenden den Tag als „wunderschön“ ein.
Gereist wurde mit dem „Preußenzug“ , bestehend aus zwei Reisewagen aus den Jahren 1892 und 1894, einem Gepäckwagen, der Platz für 30 Fahrräder hat. Und da man nicht wusste, wie viele Leute kommen werden, hatte man vorsichtshalber einen Flachwagen noch mit angehangen. Gezogen wurde der Zug von einer V 10 auf dem Hinweg und einer V 18/22 auf dem Rückweg. Verantwortlich dafür, dass man immer pünktlich in der Spur blieb, war an diesem Tag der versierte Lokführer Detlef Schwede.
Unter den Reisenden befand sich auch der Bayer Jürgen Liebe nebst kanadischer Gattin, dem es überhaupt nichts ausmachte, in einem „Preußenzug“ zu sitzen. „Über Bekannte habe ich von der Aktion erfahren und es ist wirklich eine sehr urige Art zu reisen. Alles in allem ein wunderschöner Tag, ich werde für die Sache hier, die Gegend und die Leute bei uns mächtig die Werbetrommel rühren.“
Dem konnte sich Familie Anton aus Kronenberg, bei Frankfurt am Main, nur anschließen. „Wir sind seit einer Woche hier zu Gast bei der Familie von Wiedner“ , erklärte Sylvia Anton, „und jeder Tag brachte uns Neues. Wir waren im Spreewald, in der Slawenburg, auf der F 60, machten ausgedehnte Radtouren, heute der Tag mit dieser wunderbaren historischen Bahn und dem romantischen Ort Fürstlich-Drehna, wir sind voller Eindrücke. Für uns steht fest, dass hier ist schon ein echtes Urlaubsgebiet, denn man kann jeden Tag etwas Neues sehen, erfahren und erleben.“ Defizite sahen die Antons noch im Tourismusmarketing. „Uns fehlte etwas die Vernetzung der Angebote. Ohne Führung, ohne die Ideen von Verwandten, ohne Internet ist man doch etwas hilflos.“ Richtig begeistert dagegen waren sie von ihrer 2-Zimmerwohnung, die sie bei der Finsterwalder Wohnungsgenossenschaft gemietet hatten. „Das ist eine super Idee und ein tolles Angebot. Ich bin zu Hause Stadtverordneter, das werde ich weitererzählen.“ Doch dann hob Hagen Lotzwig schon wieder die Schaffnerkelle, bat alle Reisenden, die Plätze einzunehmen und gemächlich ging die Fahrt zurück nach Finsterwalde.