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| 20:47 Uhr

Dublin-Abkommen
Neue Aufgaben für Erstaufnahme erhöhen Frustrations-Potenzial

 Veit Klaue (l.) und Claudia Schmidt (r.) – Fotos und Interviews mit Bewohnern sind in der Einrichtung nur nach Genehmigung der ZABH gestattet.
Veit Klaue (l.) und Claudia Schmidt (r.) – Fotos und Interviews mit Bewohnern sind in der Einrichtung nur nach Genehmigung der ZABH gestattet. FOTO: LR / Daniel Roßbach
Doberlug-Kirchhain. In der Erstaufnahme-Einrichtung des Landes werden in Zukunft vor allem unter dem Dublin-Abkommen behandelte Geflüchtet untergebracht. Die Bewohner müssen sich darauf einstellen, dass Doberlug-Kirchhain nicht der Ausgangspunkt für ein neues Leben in Deutschland ist. Von Daniel Roßbach

Auf die Erstaufnahmestelle für geflüchtete Menschen des Landes Brandenburg in Doberlug-Kirchhain kommen neue Herausforderungen zu. Gemäß einer Umstrukturierung der Brandenburger Zentralen Ausländer-Behörde (ZABH) sollen dort in Zukunft vor allem Geflüchtete unterkommen, deren Status gemäß des „Dubliner Übereinkommens“ geregelt wird. Das bedeutet, dass diese Menschen innerhalb Europas in die Länder müssen, wo sie zuerst einen Asylantrag gestellt haben. Das ist oft nicht Deutschland, sondern eins der Länder an den Außengrenzen der Europäischen Union.

Zukunft wohl nicht in Deutschland

Für die Bewohner der Unterkunft folgt daraus, dass unwahrscheinlicher ist, dass sie nach ihrem Aufenthalt dort in Deutschland bleiben können – selbst wenn es sich um Fachkräfte in Bereichen handelt, in denen diese hier dringend benötigt werden. „Das erhöht das Frustrations-Potenzial“, sagt Dietmar Loose, der Leiter der Einrichtung bei der Flüchtlingshilfe des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Gleichzeitig sei aber auch beeindruckend, wie vielfältig die Erfahrungen und Talente der Bewohner der Einrichtungen seien: „Man lernt hier ungeheuer viel über Länder wie Somalia oder Nigeria und über die Geschichten der Menschen.“

Frustration unter den Bewohnern beobachten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des DRK aber auch jetzt schon. Das liege etwa an den oft schlechten Aufenthalts-Perspektiven der Bewohner des Heims, sagt Claudia Schmidt, die dort die Sozialbetreuung leitet. Aber auch an der sozialen Isolation in der außerhalb der Stadt gelegenen Unterkunft. Oder an den Einschränkungen durch die gesetzliche „Residenzpflicht“, nach der sich die Bewohner der Erstaufnahmestelle nur in Brandenburg und Berlin frei bewegen dürfen, sich aber auch nicht länger als 48 Stunden außerhalb der Unterkunft aufhalten dürfen. Schon um nach Sachsen zu fahren, braucht es so eine gesonderte Erlaubnis der Ausländer-Behörde.

Hohes Konfliktpotenzial auf sehr engem Raum

 Die Erstaufnahmestelle Doberlug-Kirchhain stellt Ansätze für ehrenamtliches Engagement vor: Sozialbetreuerin Claudia Schmidt (l.) und Ehrenamtskoordinator Veit Klaue (r.).
Die Erstaufnahmestelle Doberlug-Kirchhain stellt Ansätze für ehrenamtliches Engagement vor: Sozialbetreuerin Claudia Schmidt (l.) und Ehrenamtskoordinator Veit Klaue (r.). FOTO: LR / Daniel Roßbach

„Man darf nicht verheimlichen, dass wir, der Staat, hier so etwas wie strukturelle Gewalt den Geflüchteten gegenüber ausüben.“ Das gibt Dietmar Loose, Leiter der vom DRK im Auftrag der ZABH betriebenen Erstaufnahmestelle, zu. Dadurch entstehe, so Loose, auch ein Gewaltpotenzial, das sich auch in Konflikten äußere, die es unter den Geflüchteten gibt, die aus sehr unterschiedlichen Kulturen und Verhältnissen kommen und auf sehr engem Raum mit wenig Privatsphäre zusammen leben müssen.

590 Menschen wohnten unter diesen Bedingungen bis gestern in Doberlug-Kirchhain – 50 wurden am Donnerstag in Kommunen transferiert. „Wenn, wie heute Morgen geschehen, Menschen sich, bevor sie die Einrichtung verlassen, bei uns für die Arbeit und Betreuung bedanken, ist das eins der Erfolgserlebnisse für uns Mitarbeiter“, sagt Veit Klaue, der seit etwa zwei Monaten die ehrenamtlichen Leistungen in der Erstaufnahme-Einrichtung koordiniert. Eine Stelle, die zuvor fast ein Jahr lang nicht besetzt war, wie Claudia Schmidt, die Leiterin der Sozialbetreuung in dem „Camp“, sagt. Zum Teil habe sie ebenso wie andere Mitarbeiter zwar Aufgaben aus diesem Portfolio übernommen, doch das sei weder ausreichend noch langfristig zu leisten. „Wir sind also sehr froh, Veit dazu gewonnen zu haben“, sagt Claudia Schmidt.

Erstaufnahme-Einrichtung sucht ehrenamtliche Mitarbeiter

Bedarf für ehrenamtliche Arbeit gibt es vor allem bei den Deutschkursen in der Einrichtung. Die werden aktuell von fünf ehrenamtlichen Kräften angeboten, erläutert Klaue: „Diese Lehrkräfte sind hervorragend – für uns sind sie quasi Goldstaub. Aber natürlich gibt es auch da Ausfallzeiten.“ Und die Nachfrage nach den Kursen sei groß: „Die Bewohner sind wirklich sehr daran interessiert, Deutsch zu lernen“, sagt Claudia Schmidt.

Und das, obwohl viele der Menschen, die in Doberlug-Kirchhain leben, keine (aussichtsreiche) Perspektive haben, in Deutschland bleiben zu können. Das erschwere zum Teil die Motivation sowohl von Mitarbeitern als auch Bewohnern, geben Dietmar Loose und Claudia Schmidt zu. „Wir sagen dann aber, dass es trotzdem einen Wert hat, etwas aus der Zeit in Deutschland und in Doberlug-Kirchhain mitzunehmen“, sagt die Sozialbetreuerin.

Am besten funktioniere das Sprachenlernen in der Kita der Einrichtung: „Da unterhalten sich Kinder mit ganz verschiedenen Muttersprachen wie selbstverständlich auf Deutsch“, sagt Loose.