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Die letzten Mohikaner einer alten Zunft

Einige der letzten Altmeister des Schuhmacherhandwerks trafen sich jetzt in Massen am Denkmal der Schwarzen Frau.
Einige der letzten Altmeister des Schuhmacherhandwerks trafen sich jetzt in Massen am Denkmal der Schwarzen Frau. FOTO: Dieter Babbe
Massen. Ein altes Handwerk ist auf dem Wege auszusterben. "Nicht mehr lange, dann gibt es keine Schuhmacher mehr", sagen die Letzten ihrer Zunft. Einige von den Wenigen, die in Südbrandenburg noch existieren, trafen sich nach vielen Jahren jetzt das erste und vielleicht letzte Mal in Massen. Dieter Babbe

Wenn ein Schuhmacher bei seiner anstrengenden Arbeit in der Werkstatt - er brauchte immerhin 30 bis 40 Stunden, bis ein handgefertigter Schuh fertig war - eine Pause einlegen wollte, schlug er mit dem Hammer mehrmals auf den eisernen Reparaturständer. "Das war das Zeichen für alle, das Werkzeug fallen zu lassen, zusammenzukommen - und eine Flasche Bier zu trinken", erinnert sich Klaus Naumann, der Meister in Finsterwalde, an die goldenen Zeiten des Handwerks, als noch mehrere Schuhmacher in der Werkstatt zu tun hatten.

Diese Zeiten sind längst vorbei. Ganze 25 Schuhmacherwerkstätten gibt es im Süden Brandenburgs noch - vor der Wende waren es weit mehr als dreimal so viel. "In den 50er-Jahren hatte Kirchhain sogar mindestens 13 Schuhmacher, Finsterwalde auf jeden Fall 15 - in fast jedem Dorf gab es welche, neben den ungelernten Schustern, die Leder auf Holz nageln und so Pantinen herstellen konnten", erinnert Horst Müller aus Tröbitz. Sein Vater hat die Werkstatt 1924 im Dorf eröffnet, bis zur Wende führte sie der Sohn weiter - dann war Schluss.

Den klingenden Hammerschlag von einst brauchten die sieben Meister diesmal nicht, um aus allen Ecken des Landes in Massens Bierbar zusammenzukommen. Bis 2004 sind die Schuhmacher aus Südbrandenburg regelmäßig zusammengekommen, haben weite Reisen durch ganz Europa unternommen - bis die Innung 2004 aufgelöst wurden. Den Anstoß für den ersten Treff nach all den Jahren hat Lothar Förster, der Schuhmachermeister aus Spremberg, gegeben. "Wir werden immer weniger", bedauert Förster, der noch in diesem Jahr 80 Jahre alt wird. Er sowie Klaus Naumann aus Finsterwalde, Thomas Zwanzig aus Falkenberg und Frank Lubosch aus Leibchel, dem Ortsteil der Gemeinde Märkische Heide, sind die Einzigen in dieser Runde, die noch in ihren Werkstätten arbeiten. Allerdings können die meisten nicht nur von der Schuhmacherei leben - Verkauf, Schlüsseldienst und Großhandel sorgen für notwendiges Zubrot. Dennoch ist Fritz Lubosch - mit 82 der Älteste beim Massener Treff - froh, dass sein Sohn Frank das 85 Jahre alte Geschäft in der dritten Generation weiterführt. Dieses Glück hatte Günther Kreische aus Elsterwerda nicht, sein Großvater hat die Werkstatt bereits 1899 gegründet - die seit Jahren geschlossen ist.

Die Werkstatt von Hans Lauckner in der Dresdner Straße im Finsterwalder Ortsteil Nehesdorf gibt es immer noch - allerdings hat hier längst sein Sohn einen Installateurbetrieb. "50 Jahre hatte ich meine Schuhmacherwerkstatt, bis zur Wende. In der Zeit habe ich ständig Lehrlinge ausgebildet - alles Behinderte, die in der DDR besonders gefördert wurden und einen Beruf erlernen sollten. Von denen hat aber kein Einziger nach der Lehre weitergemacht, als Schuhmacher hat man zu wenig Geld verdient", erinnert sich der heute 79-jährige Meister.

Obwohl Klaus Naumann schon lange keine Schuhe mehr mit der Hand hergestellt hat, verweist er auf eine reiche Tradition seiner Zunft. "Finsterwalde war eine bedeutende Schuhstadt", sagt der Meister. "Auf Schrickels Hof in der Leipziger Straße hat es bis in die 60er-Jahre die große Schuhfabrik Bayer gegeben. Die Firma ,Modeschuh‘ in der Langen Straße produzierte noch länger eigene Modelle unter der Bezeichnung Jaku-Schuhe, kommt vom Namen des Besitzers Jakubasch", weiß Klaus Naumann. Auch daran wird er in einem kleinen Museum erinnern, das neben seiner Werkstatt in einem der ältesten Häuser von Naundorf entstehen soll.