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Die Geschichte vom Hammer

Die beste Geschichte, die ich in letzter Zeit gelesen habe: Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer.

Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht's mir wirklich. Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er "Guten Tag" sagen kann, schreit ihn unser Mann an: "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!"

Der österreichische Psychologe Paul Watzlawick veröffentlichte diese Geschichte 1983 in seinem Buch "Anleitung zum Unglücklichsein".

Erst habe ich gelacht. Dann bin ich mir selbst in der Geschichte begegnet. Den einen und die andere habe ich ebenso darin wieder entdeckt. Vielleicht geht es Ihnen, liebe Leser, ähnlich.

Da konstruiert einer sein Gegenüber. Nicht "dieser Kerl" von nebenan vergiftet das Leben, sondern der Mann vermiest sich seine Tage selbst. Was hat er nun gewonnen? So viel Ärger und Frust. Und das Bild ist immer noch nicht aufgehängt.

Ich möchte gerne auch aus dieser Geschichte lernen, was mir zum glücklichen Leben nützlich ist. Jesus hat das schon damals gesagt: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Nicht, dass alle sich in den Armen liegen müssten und Harmonie und Kuscheligkeit über alles gegossen wird. Doch dass wir uns über andere und ihre Situation informieren, dass wir den Anderen und das Andere respektieren und achten, dass wir entdecken, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind.

Martin Buber, ein jüdischer Religionsphilosoph, hat die Worte Jesu so übersetzt: "Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du." Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag.

Stephan Magirius ist

Pfarrer in Altdöbern.