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| 01:10 Uhr

Die Gerber von Kirchhain Mit Teilerfolg begnügt

Doberlug-Kirchhain.. Auch Robert Hoffmann aus Doberlug-Kirchhain hat Ergänzungen zur RUNDSCHAU-Beitragsfolge „Die Gerber von Kirchhain“ :


Die Erzielung stabiler Preise der gefertigten Leder lag im Interesse der Gerbermeister der Stadt, deren Wohlstand sich mehrte. Die Gerberinnung, die alle Gerbereigewerbetreibenden Kirchhains umfasste, war eine mächtige Unternehmerorganisation, deren Bedeutung weit über die Niederlausitz hinausging. Durch diese Geschlossenheit hatte letztendlich auch die Ver einigung für Lederversteigerung Erfolg. Der Bau der Lederhalle und ihre Inbetriebnahme erwiesen sich für den Verkauf der Leder als ein großer Vorteil für die Arbeitgeber.
Andererseits sorgte diese Geschlossenheit auch dafür, dass von allen Gerberstädten in Kirchhain die niedrigsten Löhne gezahlt wurden. Die Kirchhainer Chronisten Zahn und Tegtmeyer haben diese Seite der Gerbereigeschichte allerdings ausgespart, ebenso auch die sozialen Konflikte, die sich in diesem Zusammenhang entwickelt hatten, mit keinem Wort erwähnt. Das in den Chroniken dargestellte Bild vom harmonischen Leben in dem Städtchen wäre sicher durch die Beschreibung von Arbeitskämpfen in erheblichem Maße getrübt worden.
Da in den Akten der Gerberinnung keine Einzelheiten über diese Lohnkämpfe vermerkt sind, hat Hans-Georg Procopius auch diese Seite der Kirchhainer Gerbereigeschichte in seiner Artikelserie nicht entsprechend gewürdigt. Ebenso unerwähnt blieben die maßgeblichen starken Einflüsse der Gerbermeister auf das Stadtparlament und die Verwaltung, eine gerbereibranchenfremde Industrieansiedlung in der Stadt, die nach der Einführung der beiden Bahnlinien Halle/Sorau und Berlin/Dresden für Investoren attraktiv geworden war, zu verhindern. Es musste befürchtet werden, dass die Arbeiter der Gerbereien zu den neuen Industriebetrieben, falls sich solche ansiedelten, abwanderten, weil sie dort möglicherweise bessere Arbeits- und Lohnbedingungen hätten vorfinden können. Deshalb wurde eine Entwicklung, die in eine solche Richtung ging, im Keim erstickt.
Die Lederarbeiter Deutschlands hatten zwar in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts den elfstündigen Arbeitstag bzw. die 66-stündige Arbeitswoche erkämpft, doch waren die Arbeiter kontraktlich zu Überstunden und zur Sonntagsarbeit verpflichtet. So erhöhte sich in der Regel die Zahl der Arbeitsstunden auf 72 bis 78 wöchentlich, was einem durchschnittlichen Arbeitstag von 12 bis 13 Stunden entsprach, wobei die geleistete Mehrarbeit nur nach dem normalen Stundenlohntarif vergütet wurde.
Für den gelernten Lederarbeiter, den „Gerbergesellen“ , betrug der Stundenlohn 223/4 Pfennig. Bei einer Arbeitszeit von 66 Stunden ergab das einen Wochenlohn von 15 Mark. Durch die Überstunden und die Sonntagsarbeit erhöhte er sich auf 16,35 bis 17,70 Mark.
Am Anfang des Jahres 1899 forderten die Kirchhainer Gerbergesellen zum wiederholten Male ihren Verband, den Lederarbeiterverband (Vorläuferorganisation der Ledergewerkschaft) auf, bei der Gerberinnung Schritte zur Verbesserung ihrer Lebenslage zu unternehmen. Da dieser zögerte, weil die Verbandsleitung durch friedliche Verhandlungen mit den Arbeitgebern eine Erleichterung der Lage anstrebte, nahmen die Kirchhainer Gesellen die Angelegenheit selbst in die Hand und stellten ihre Forderungen zur Diskussion: zehn Prozent Lohnerhöhung, Abschaffung der Überstunden und Sonntagsarbeit, Einführung des 10-Stunden-Tages.
Nachdem ein Vertreter des Verbandes die Interessen der Unternehmer verteidigte und zu beweisen versuchte, dass die Forderungen für die Arbeitgeber unannehmbar seien, einigte man sich auf folgende Bedingungen: 1. Festsetzung des Wochenlohnes auf 16,50 Mark, 2. Abschaffung der Überstunden und Sonntagsarbeit, 3. für unbedingt nötige Überstunden einen Aufschlag von 50 Prozent.
Auch diese Forderungen wurden von den Unternehmern abgelehnt. Die Gerbermeister zeigten sich in keiner Weise verhandlungsbereit und lehnten auch spätere abgemilderte Forderungen rundweg ab. In einer Vollversammlung wurde am 11. Juni 1899 einstimmig der Streik beschlossen, nur war man sich über dessen Beginn nicht einig. 111 Lederarbeiter erschienen am nächsten Tage nicht zur Arbeit, während die übrigen 240 erst die gesetzliche Kündigungsfrist abwarten wollten, die am 26. Juni abgelaufen war, denn es existierte zur damaligen Zeit noch kein Streikrecht, so dass ein Streik also gleichbedeutend mit einer freiwilligen Massenkündigung der Arbeiter war, die nach Beendigung des Streiks wieder neu eingestellt wurden. Also begann erst Ende Juni 1899 der allgemeine Streik, der sich bis Dezember hinzog. Die Unternehmer, die größere Einbußen im Geschäft wegen der Gefährdung ihrer Lieferverpflichtungen befürchten mussten, lenkten ein und waren zur Zahlung von 16,50 Mark Wochenlohn bereit, ohne allerdings die anderen Forderungen zu erfüllen. Da andererseits der Lederarbeiterverband die Streikenden ab 1. Januar 1900 aber auch nicht mehr finanziell unterstützen wollte, begnügten sich die Arbeiter mit ihrem Teilerfolg.
Die 111 Arbeiter, die ohne Einhaltung der gesetzlichen Kündigungsfrist ihre Arbeit niedergelegt hatten, wurden von den Unternehmern wegen Kontraktbruches angezeigt und von den Gerichten abgeurteilt, wobei die Art und Höhe der Strafen heute leider nicht mehr zu ermitteln ist.