ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:51 Uhr

5 Minuten Heimatgeschichte
Die ganze Palette an Schimpfwörtern und Beleidigungen

Sallgast. Seit 1827 gab es im Königreich Preußen das Amt des Schiedsmannes. Was in den Sallgaster Protokollbüchern so alles zu lesen ist. Von Wolfgang Bauer

Ich beziehe mich auf den Beitrag in der LR vom 3. Juli 2019 – „Vor 100 Jahren“. Die als „Danksagung“ des Karl P. an einen Karl B. aus Grube Henriette aufgegebene Zeitungsanzeige vom 3.Juli 1919 enthielt ja neben der Verleumdung und Verunglimpfung seiner Frau auch noch eine öffentliche Beleidigung des mit Klarnamen in der Anzeige genannten Karl B.

So etwas war auch damals schon ungewöhnlich, soweit es in der Zeitung ausgetragen wurde, im täglichen Leben kam es jedoch sehr häufig vor. Davon zeugen überlieferte Protokollbücher von Schiedsleuten in den Ämtern der Region.

Im Königreich Preußen wurde bereits 1827 das Amt des Schiedsmannes eingeführt. Dessen Aufgabe war es, bei kleinen Privatrechtstreitigkeiten und Ehrverletzungen (Hausfriedensbruch, Beleidigung, Verleumdung, Verletzung des Briefgeheimnisses, Körperverletzung, Bedrohung, Sachbeschädigung) vor einem Gang zu den ordentlichen Gerichten einen Sühneversuch zwischen den streitenden Parteien zu erreichen.

Auch für den Amtsbereich Sallgast gab es eine solche Schiedsstelle, zuständig für die Gemeinden Sallgast mit Grube Henriette, Klingmühl, Poley mit Kunstziegelei, Gohra, Lichterfeld, Lieskau, Betten, Dollenchen und Zürchel .

Schiedsmänner im Amt Sallgast waren: 1881 – Grubenbesitzer Salomo / Vertreter: Gemeindevorsteher Radochla; 1895 – Kaufmann Otto Lehmann, Sallgast /Vertreter: Gemeindevorsteher Carl Lehmann; April  1913 bis Nov. 1914   -  Gäbler, Dollenchen / Vertreter: Paulisch, Sallgast; März 1915 bis Juli 1918     -  Paulisch, Sallgast  / Vertreter: Thiemig, Klingmühl; September 1918 bis Okt. 1919  -  Thiemig, Klingmühl; Dezember 1919 bis Okt. 1933   -  Paulisch, Sallgast.

Die am häufigsten aufgeführten Streitigkeiten waren hier tatsächlich: Beleidigungen, Verleumdungen, Anschuldigungen sowie Handgreiflichkeiten.

Vielfach sind es aber auch Unterstellungen zu angeblichen Diebstählen, Unterschlagungen von Geldforderungen, angeblicher sexueller Belästigung, unflätigen Ausdrücken in Gaststätten, auf der Straße, am Arbeitsplatz usw. Die folgenden Beispiele aus den Protokollbüchern sollen dies verdeutlichen:

 „... der Verklagte hat mich Weibervergifter genannt, weil ich angeblich meine Frau vergiftet hätte.“

 „ ... der Verklagte hatte die Klägerin eine faule, dreckige, dicke Sau genannt.“

„ ... der Verklagte hat zu der Klägerin gesagt: Du Luder hast meinen Jungen geschlagen und sie verfluchte schwarze Hexe und Saustücke genannt und ihr gedroht, er werde seine Axt schärfen und ihr den Schädel auseinander schlagen.“

Manchmal gab es ganze Listen von Beleidigungen wie diese:

„Der Verklagte hatte

1. den Kläger einen hinterlistigen Hund genannt und er könne ihn am A …  lecken;

2. am .... als Betrüger, Spitzbube, Lump und dreckiger Hund bezeichnet.“

Dass es ähnliche Fälle wie die vom 3. Juli 1919 gegeben haben muss, davon zeugt jene Auseinandersetzung, wo es heißt:

1. „Die Verklagte N. hatte die Hebamme L. durch eine Veröffentlichung im Niederlausitzer Anzeiger beleidigt und verleumdet. Dort stand:

20 Mark Belohnung - Bitte um die Adresse der Person, welche zweimal in der Woche den Landsturmmann Paul D. ... besuchte. Beschreibung: Rotes, spitzes Gesicht, schlank, mittelgroß, trug im Winter blaues Kostüm, schwarzen Damenhut mit weißem Flockenfedernkranz. Näheres in der Geschäftsstelle  des NLA. Und werde den Namen der Aufgeberin der Annonce mitteilen. Und weiß ein jedes Kind, dass sich die L. mit jedem Kerl herumtreibt.“

In vielen Fällen wurde der Niederlausitzer Anzeiger aber auch zur öffentlichen Widerlegung von gemachten Äußerungen herangezogen, indem dem Beklagten auferlegt wurde, hier eine öffentliche Ehrenerklärung auf seine Kosten abzugeben.

Alle Protokolle wurden beim Schiedsmann von den Beteiligten unterschrieben. In den ersten Jahren (1913-1918) gab es mehrere Personen, die des Schreibens unkundig waren und daher mit 3 Kreuzen abzeichneten.

Zu der Anzeige von Karl P. gegen Karl B. aus Grube Henriette vom 3.Juli 1919 gibt es allerdings keinen Vermerk im Protokollbuch des Schiedsmannes von Sallgast. Hier bleibt also offen, wie dieser Fall beendet wurde.

(Die Schreibweise der Zitate entspricht dem Original im Protokollbuch)