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| 17:17 Uhr

Finsterwalder Berühmtheit
Später Ruhm für die kupferne Nixe

 Museumsleiter Olaf Weber zeigt die Druckstelle, die durch das Abknicken der Nixe in der Turmkugel entstanden ist. In ihrem Inneren befand sich nur ein Haufen Rost.
Museumsleiter Olaf Weber zeigt die Druckstelle, die durch das Abknicken der Nixe in der Turmkugel entstanden ist. In ihrem Inneren befand sich nur ein Haufen Rost. FOTO: LR / Jenny Theiler
Finsterwalde. Derzeit wird die abgeknickte Wasserturm-Spitze im Sänger- und Kaufmannsmuseum Finsterwalde ausgestellt und zum ersten Mal seit ihrer Fertigung vor über 100 Jahren genauer betrachtet. Von Jenny Theiler

Sie hat in den vergangenen 109 Jahren viel gesehen. Keine Wetterkatastrophe und nicht einmal die beiden Weltkriege konnten der Nixe des Finsterwalder Wasserturms etwas anhaben – bis zum Nachmittag des 9. März dieses Jahres. Sturmtief Eberhard war zu viel für die kupferne Dame, die dem Sturm nicht mehr standhalten konnte und abknickte. Seit dem
23. März fehlt dem Wasserturm sein Schmuckstück und vermittelt den Finsterwaldern ein Gefühl von Unvollständigkeit. „Er sieht komisch aus, so ganz ohne Figur. Immer wenn ich hier vorbei laufe, fehlt mir etwas“, sagt Heidemarie Brunner und hofft auf eine baldige Rekonstruktion der Figur.

Damit die Finsterwalder nicht ganz auf die Spitze ihres Wahrzeichens verzichten müssen, wird die kupferne Nixe derzeit im Rahmen der Märchenhaus-Sonderausstellung im Sänger- und Kaufmannsmuseum ausgestellt und kann erstmals aus der Nähe bestaunt werden. Der grün angelaufenen Nixe mit dem Horn wird seit den vergangenen Wochen viel Aufmerksamkeit zuteil – wahrscheinlich auch zum ersten Mal seit über 100 Jahren.

Im Jahr 1909 ist mit dem Bau des Finsterwalder Wasserturms begonnen worden. Um die Fertigstellung 1910, sowie um seine kunstvolle Spitze, ist allerdings kein großes Aufhebens gemacht worden – im Gegenteil. Es gab kein Einweihungsfest, nicht einmal eine öffentliche Meldung im Stadtanzeiger über die bauliche Errungenschaft. „Die Finsterwalder waren im frühen 20. Jahrhundert vom neuen Wasserturm wenig begeistert“, sagt Museumsleiter Olaf Weber. Dafür gab es verschiedene Gründe. „Der Turmbau war sehr teuer, und mit der zentralisierten Wasserversorgung kamen auch noch Wassergebühren auf, die nun jeder zu zahlen hatte“, sagt der Museumsleiter. Zudem sei die Wasserqualität in der Sängerstadt damals sehr schlecht gewesen. Daran änderte sich mit dem neuen Wasserturm zunächst auch nichts. „Das neue Wasserwerk musste vieles nachbessern und teure Enteisungsanlagen anschaffen“, sagt Olaf Weber über die schwierigen Anfangsjahre des Turms.

Die nächste Bewährungsprobe folgte in den 40er-Jahren mit der Besetzung durch russische Soldaten. „Wahrscheinlich haben sich die Soldaten einen Spaß daraus gemacht, auf die Turmspitze zu schießen“, sagt Olaf Weber und deutet auf die Einschussstellen an der Figur. Eindeutige Belege gäbe es dafür aber nicht. Reparaturmaßnahmen seien in den 50er-Jahren durchgeführt worden, wie die geflickten Stellen an Wange, Schulter, dem Oberarm und dem Horn der Nixe zeigen. „Vermutlich haben sie auf die Turmkugel gezielt und stattdessen die Figur getroffen“, erklärt Olaf Weber.

Doch auch das konnte die Nixe nicht beeindrucken. Unterhalb des Schaftes befand sich ein Kugellager, wodurch die Figur nicht fest auf der Turmkuppel stand, sondern sich wie eine Wetterfahne im Wind drehen konnte. „Das war sicherlich nicht ihre Hauptfunktion, aber man kann es durchaus als eine Vorsorgemaßnahme gegen Stürme deuten“, sagt Olaf Weber. Im Laufe der Zeit könnte durch Rost und Schmutz vielleicht die Beweglichkeit der Figur beeinträchtigt worden sein, wodurch das Abknicken begünstigt wurde.

 Einige Blessuren hat sich die Finsterwalder Nixe in den vergangenen Jahrzehnten zugezogen. Bei den dunklen Stellen handelt es sich vermutlich um geflickte Einschusslöcher.
Einige Blessuren hat sich die Finsterwalder Nixe in den vergangenen Jahrzehnten zugezogen. Bei den dunklen Stellen handelt es sich vermutlich um geflickte Einschusslöcher. FOTO: LR / Jenny Theiler

Welchen Bezug die Nixe zur Sängerstadt hat, kann nur vermutet werden. „Es könnte sein, dass sie eine Anspielung auf die Lausitzer Sagenwelt ist oder das Horn an die Sängerstadt anlehnen soll. Das sind aber nur Vermutungen“, betont Olaf Weber. Wahrscheinlicher sei, dass die Nixe einfach als Symbolfigur für Wasser und Wasserversorgung auf den Turm gesetzt wurde. Die meisten Klempner hatten damals spezielle Vorlagen, nach denen sie solche Figuren zu gestalten hatten. Welche Motive Klempnermeister Rudolf Kropke bei der Fertigung des kupfernen Fabelwesens hatte, ist nicht überliefert.

Ob Mensch oder Fantasiewesen – die Figur des Wasserturms hat für die Finsterwalder einen hohen Stellenwert. Aus diesem Grund hat sich der Verein Lange Straße der Figur angenommen und startet demnächst eine größere Spendenaktion.

„Wir wollen die Nixe so schnell wie möglich wieder auf dem Turm sehen. Wir identifizieren uns mit unserem Wahrzeichen und deswegen sammeln wir für die Restauration“, sagt Vereinschef Lutz Müller. Am Dachstuhl habe auch schon der Zahn der Zeit genagt. Deswegen sei es wichtig, die marode Dachkuppel gleich mit zu rekonstruieren, damit die Spitze wieder richtig hält.

Um die Spendenbereitschaft in der Region zu steigern, hat sich der Verein „Lange Straße“ in Kooperation mit der Mineralquellen Bad Liebenwerda GmbH ein Projekt überlegt. „Jeder Bürger, der zehn Euro für die Turmspitze spendet, bekommt als Dankeschön eine Flasche Spitzenwasser“, sagt Lutz Müller. Dazu werde eine Mineralwasserflasche kreiert, die den Wasserturm abbildet und nur in limitierter Auflage von 1000 Stück vergeben wird. Die großzügigen Spender werden dann auf Tafeln verewigt, die in einer Zeitkapsel mit der Nixe wieder auf den Turm befördert werden. „Das ist vor allem für die Finsterwalder eine tolle Sache, die dann in 50 Jahren vielleicht mal zu ihren Enkeln sagen können, dass auch ihr Name dort oben auf einer der Tafeln geschrieben steht“, sagt der Vereinschef.

Vorerst steht die Wasserturm-Nixe sicher im Sänger- und Kaufmannsmuseum in der Langen Straße. Dort wird sie noch bis zum 30. Juni zu sehen sein. Die Stadtwerke Finsterwalde nehmen die Figur dann wieder an sich. Wann die Restauration beginnen soll und was an der Nixe alles gemacht werden muss, steht nach Aussage des Stadtwerke-Geschäftsführers Andy Hoffmann noch nicht fest. Dennoch wünschen sich die Finsterwalder, dass die Nixe in 53 Metern Höhe wieder über die Sängerstadt wachen und ihre Entwicklung weiterhin beobachten wird. „Könnte sie sprechen, hätte sie wohl einiges zu erzählen“, sagt Olaf Weber.

 Museumsleiter Olaf Weber zeigt die Druckstelle, die durch das Abknicken der Nixe in der Turmkugel entstanden ist. In ihrem Inneren befand sich nur ein Haufen Rost.
Museumsleiter Olaf Weber zeigt die Druckstelle, die durch das Abknicken der Nixe in der Turmkugel entstanden ist. In ihrem Inneren befand sich nur ein Haufen Rost. FOTO: LR / Jenny Theiler