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| 02:40 Uhr

"Der Wolf – von Scheu keine Spur"

Ein Wolf streift bei bei Tageslicht durch die Natur in Elbe-Elster.
Ein Wolf streift bei bei Tageslicht durch die Natur in Elbe-Elster. FOTO: privat
Finsterwalde. "Der Wolf ist scheu, er weicht den Menschen aus, selbst Jäger bekommen ihn ganz selten zu sehen, wenn überhaupt", beruhigen stets Wolfsexperten. Doch immer mehr Jäger haben ganz andere Erfahrungen. Dieter Babbe /

"Von Scheu keine Spur. Der Wolf kommt uns immer näher, er hat die Angst vor dem Menschen verloren. Eines Tages läuft er bei uns über den Hof", ist sich Günter Wolf sicher. Eine Gruppe von Jägern wendet sich warnend über die LAUSITZER RUNDSCHAU an die Öffentlichkeit - "bevor es zu spät ist", wie sie sagen. Der Nabu-Experte spricht von Panikmache.

15, vielleicht sogar 20 Wölfe hat der Jäger aus Finsterwalde mit seinen eigenen Augen gesehen. "Vorigen Herbst ist ein Wolf, der angeblich nachtaktiv sein soll, am hellerlichten Tage zwischen Birkwalde und Goßmar an mir vorüber gelaufen, obwohl er mich längst entdeckt hatte - ganz seelenruhig, keine 30 Meter von mir entfernt", berichtet Günter Wolf. "Erschreckend" auch, wie die zahlreichen Spuren im Schnee auf eine Vielzahl von Wölfen in seinem Revier hindeuten. Auch Manfred Kollesser, Jäger im Revier zwischen Großbahren, Kleinbahren und Goßmar, kommt nach seinen Beobachtungen zu dem Schluss: "Die offiziellen Zahlen stimmen nicht, bei uns leben deutlich mehr Wölfe."

Vor allem seit die Wölfe im Rudel auftreten, habe das deutliche Auswirkungen auf den Wildbestand, erklärt Wolfgang Bernau. "Das Reh- und das Schwarzwild sind stark zurückgegangen, Rotwild gibt es so gut wie keins mehr." Der Jäger aus Finsterwalde befürchtet, dass durch die hohen Pachten Jäger sich gezwungen sehen, die Jagdreviere abzugeben. Sollten die Jäger hier ihr Jagdrevier aufgeben, hätte das fatale Folgen für die Wildhege, sagen die Jäger.

Schließlich sehen sich die Jäger auch als Heger. Dietrich Bock, Jäger aus Birkwalde, will sein Revier jetzt aufwerten - mit Jagdfasanen, die es hier bis zum Zweiten Weltkrieg gegeben habe. "Bis die Russen, die in Kleinbahren stationiert waren, die Tiere abgeschossen haben", behauptet Reinhard Bock. Zu Weihnachten habe er einen Hahn und drei Hennen geschenkt bekommen - den Nachwuchs will er in den nächsten Jahren im Wald auswildern und so langsam wieder einen Bestand an Fasanen aufbauen.

Reinhard Bock betont, dass er sich als ein "Freund der Wölfe" sehe. "Das sind wunderbare Tiere", schwärmt der leidenschaftliche Jäger, wenn er sich seine mitunter einzigartigen Bilder ansieht. 14 Fotofallen hat er in seinem Revier verteilt angebracht - "fast täglich sind irgendwo Wölfe, manchmal ganze Rudel drauf, fotografiert zu jeder Tages- und Nachtzeit", stellt der Jäger fest, dem es nicht einfallen würde, auf einen Wolf, der streng geschützt sei, zu schießen. Zwölf bis 15 Wölfe vermutet Reinhard Bock im Babbener Rudel, das in seinem Revier zu Hause ist.

Doch Reinhard Bock, Günter Wolf, Manfred Kollesser und Wolfgang Bernau machen sich zunehmend Sorgen - "weil es inzwischen zu viele Wölfe bei uns gibt, die nach unseren Beobachtungen um Menschen längst keinen Bogen mehr machen und sich immer dichter an unsere Dörfer heranwagen". Die Jäger glauben, den Grund für die verlorene Scheu zu kennen: "Es leben nun bereits einige Generationen Wölfe bei uns. Das sind schlaue Tiere, die gelernt haben, dass vom Menschen keine Gefahr ausgeht - das geben die Alttiere an ihre Jungen weiter." In Einzelfällen auf Wölfe zu schießen, die sich Stallanlagen, Koppeln oder gar menschlichen Siedlungen nähern, würde das Verhalten der Tiere ändern. Zudem sollte die Politik endlich Quoten festlegen, "wie viele Wölfe unsere Region verträgt - wie es die in anderen Ländern schon gibt".

Mit ihren Sorgen stehen die vier Jäger nicht allein. Auch Dietrich Krill aus Züllsdorf, Vorsitzender des Kreisjagdverbandes Herzberg, hat seine Erfahrungen mit dem Wolf gemacht: "Seit zwei Jahren schleicht der Wolf um mein Haus." Auch er warnt vor möglichen Folgen des hohen Wolfsbestandes. Das Raubtier sorge dafür, dass das Wild als Verteidigungsreaktion große "Angstrotten" bilde, die hohen Schaden in der Landwirtschaft verursachten. "Aber auch die zunehmende Wolfsdichte in unserem eng bewohnten Siedlungsraum beunruhigt mich. Ernstzunehmende Wissenschaftler warnen vor dieser Entwicklung und verweisen auf Todesfälle in Amerika, wo Wölfe Menschen angegriffen und auch getötet haben." Er hoffe, nicht Recht zu haben, sagt Dietrich Krill, "doch ich behaupte: Es kommt der Tag, wo auch bei uns der erste Mensch von einem Wolf angegriffen wird."

Für Dr. Reinhard Möckel, Wolfsexperte beim NABU und selbst Jäger, sind solche Äußerungen Panikmache. Er widerspricht der Behauptung, die Zahl der Wölfe würden immer mehr zunehmen und so eine Gefahr für den Menschen werden. "Wir haben in Südbrandenburg nahezu flächendeckend - mit Ausnahme des Spreewaldes - jetzt 18 Wolfsvorkommen, das sind Rudel und Paare mit insgesamt knapp über 100 Wölfen. Mehr werden es nicht. Alle Wölfe, die dazu kommen sollten, verlassen die Rudel auf der Suche nach einem eigenen Revier. Insofern stellt die Natur eine Obergrenze." Seine Beobachtung: "Ja, Wölfe halten sich auch an Dorfrändern auf, aber nicht, um dem Menschen aufzulauern, sondern weil dort das Wild steht. Große Rudel bei Reh-, Rot- und Schwarzwild habe es schon immer gegeben, "das hat nichts mit dem Wolf zu tun, sondern mit dem Nahrungsangebot", behauptet Möckel.

Reinhard Möckel räumt ein: "Wir dürfen hier nichts beschönigen, aber auch nichts dramatisieren. Sollte sich das Raubtier irgendwo unnormal verhalten, müssen wir davon wissen und darauf reagieren - doch kaum ein Jäger meldet seine Beobachtungen. Gerüchte helfen uns nicht weiter."

Ein Wolfsrudel in der Fotofalle.
Ein Wolfsrudel in der Fotofalle. FOTO: privat
Der Jäger Reinhard Bock will jetzt Fasane auswildern.
Der Jäger Reinhard Bock will jetzt Fasane auswildern. FOTO: dbe