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| 18:42 Uhr

"Der tiefste Schlag in meinem Leben"

Gottfried Richter hat noch alle 20 Terminkalender aufgehoben. Sie erinnern den Amtsdirektor an Freudiges, aber auch Unangenehmes.
Gottfried Richter hat noch alle 20 Terminkalender aufgehoben. Sie erinnern den Amtsdirektor an Freudiges, aber auch Unangenehmes. FOTO: Babbe
Massen. Am morgigen Sonntag sind es 20 Jahre, in denen Gottfried Richter als Amtsdirektor die Geschicke der Dörfer und ihrer Bewohner zwischen Massen, Crinitz und Sallgast lenkt und leitet. Anlass, einem der dienstältesten Verwaltungschefs im Elbe-Elster-Kreis Fragen zu stellen – mit Antworten, die Verblüffendes an den Tag bringen. Mit Gottfried Richter sprach Dieter Babbe

In 820 Beiträgen hat Gottfried Richter allein seit 1998 in der Lausitzer Rundschau für Schlagzeilen gesorgt. Gibt es etwas, was noch nicht in der Zeitung stand?
Gibt es. Die Wohnsiedlung auf dem Flugplatz hat mich beinahe um Kopf und Kragen gebracht. Wir wollten sie als Amt kaufen, hatten bereits den Notarvertrag abgeschlossen - als er nicht vollzogen werden konnte, weil Bürgermeister Wohmann aus Finsterwalde, auf dessen Territorium die Hälfte der Wohnungen lag, nicht zugestimmt hat. Daraufhin hat die Bank mich und das Amt auf 2,5 Millionen Euro verklagt.

Sie haben Ihren Kopf noch - wie ist die Sache ausgegangen?
Erst nach einem dreijährigen Nervenkrieg konnten beide Klagen abgewiesen werden. Das war dennoch der tiefste Schlag in meinem Leben.

Der Amtsdirektor - wie fing eigentlich alles an?
Im Grunde bereits am 28. Mai 1990. An dem Tag habe ich als neuer Bürgermeister von Massen das Büro in der Finsterwalder Straße von Ulrike Borchert, der Vorgängerin, übernommen. Die erste Wahl des Amtsdirektors im August 1992 in Eichholz war am Ende für ungültig erklärt worden. Fischwasser, Eichholz und Drößig wollten mit zum Amt Kleine Elster - was im Nachhinein nicht zulässig war, weil die drei Dörfer durch die Eingemeindung von Sorno nach Finsterwalde keine gemeinsame Grenze zum Amt hatten. Hier bewarben sich übrigens Detlef Bönisch, Volkmar Hübsch und auch Frank Stellmach als Amtsdirektor. Ich bekam die meisten Stimmen - die, wie gesagt, ungültig waren.

Der zweite Anlauf klappte besser.
Der startete drei Monate später in Lindthal. Hier bewarb sich noch ein Herr von der Lahr aus Niedersachsen, er hatte von der Ausschreibung gelesen. Er bekam eine Stimme, ich 21, eine war ungültig. Mit Wirkung vom 20. Januar 1993 war ich Amtsdirektor. Meine erste Neueinstellung war Simone Erpel, sie ist noch immer meine Sekretärin.

Schulen, Kitas, Straßen sind überall gebaut worden. Mit Ihrem Namen wird immer auch das Gewerbegebiet in Massen in Verbindung gebracht. Welche Begegnung war Ihnen besonders wichtig?
Solch ein Gewerbegebiet auf die Beine zu stellen - nur deshalb bin ich von der Wirtschaft in die Politik gegangen. Als erste lief mir Helmut Klotz über den Weg. Dieser 1,90-Meter-Hüne, der auch aus einem bäuerlichen Betrieb im Siegerland stammte, hat mich beeindruckt: Eine kleine Drei-Mann-Firma hat er zu einem Unternehmen mit 400 Leuten gemacht. Der hatte schon eine Fläche in Massen gekauft, da war die noch gar kein Bauland.

Sie waren ja nie "nur" Amtsdirektor. Sie nennen sich auch Bergwerksdirektor...
... vom Lichterfelder Besucherbergwerk. Außerdem habe ich in meiner Amtszeit vier Firmen gegründet, die alle noch bestehen, erfolgreich arbeiten und Nachgründungen nach sich zogen: mit Landrat Haas und Bürgermeister Wohmann zusammen die Wirtschaftsförderungsgesellschaft, wo ich zehn Jahre lang Geschäftsführer war, die PILZ und die EppL GmbH und zuletzt die IVVB, die Immobiliengesellschaft Bergheider See.

Das Amt Kleine Elster wird - wegen der weiter sinkenden Einwohnerzahlen - vermutlich so wie es ist nicht bleiben. Welche Zukunft geben Sie dem Amt?
Ich habe bei Problemen immer Alternativen im Kopf, kann um die Ecke und zehn Schritte voraus denken. Doch hier fällt mir keine Antwort ein.

Fragen wir so: Wenn Sie über die Zukunft des Amtes mitentscheiden könnten, was würden Sie sich wünschen?
Wir kommen nicht daran vorbei, größere Verwaltungsstrukturen zu entwickeln. Wo sich die Meldestelle befindet oder wo man die Baugenehmigung herbekommt, ist dem Bürger eigentlich egal. Ob aber eine Straße gebaut, ein Spielplatz gebraucht wird oder sonst was im Dorf passiert, müssen die Bürger mitbestimmen dürfen - sonst wird das Leben in den Dörfern lahm gelegt. Das heißt, ein Teil der finanziellen Entscheidungen müssen in den Orten bleiben.

Egal wie und wo die Dörfer des Amtes Kleine Elster später verwaltet werden - sie werden dann nicht mehr mitmischen. Oder?
Nein, in vier Jahren bin ich 63, dann ist Schluss für mich.

Nur noch Ruheständler, können Sie sich das vorstellen?
Immer wieder versuchen namhafte Unternehmen mich abzuwerben. Das reizvollste Angebot war das als Oberbauleiter einer großen deutschen Baufirma im Nahen Osten, wo ich deutlich mehr als jetzt verdient hätte. Ich habe immer mit der Begründung abgelehnt: Ich bin mit den Projekten hier noch nicht fertig. Im Gewerbegebiet habe ich noch viele Pläne, die Industriebahn muss Fahrt aufnehmen, am Bergheider See geht es erst richtig los. Ich will hoffen, dass ich das mit meiner engagierten Mannschaft und den politisch Verantwortlichen - denen ich in den zwei Jahrzehnten viel zu verdanken habe - in den vier Jahren alles schaffen. Vielleicht nehme ich dann noch mal ein anderes Angebot an. Im Übrigen: Als Nebenerwerbslandwirt habe ich genug zu tun.