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| 02:41 Uhr

Der schwere Weg zur deutschen Schriftsprache

Gehörlose lernen die deutsche Schriftsprache in einem neu aufgelegten Angebot und viele unterstützen sie dabei. Ivonne Bellen von der Fortbildungsakademie der Wirtschaft, die gehörlose Mitarbeiterin des Wirtschaftshofes Andrea Herrmann, Kay Schröter, Trainer für Gebärdenschrift, Jeanine Metasch, Leiterin des Wirtschaftshofes der Stadt Finsterwalde, Manuela Philipp, Schwerbehindertenvertreterin und Kollegin von Andrea Herrmann (v.l.).
Gehörlose lernen die deutsche Schriftsprache in einem neu aufgelegten Angebot und viele unterstützen sie dabei. Ivonne Bellen von der Fortbildungsakademie der Wirtschaft, die gehörlose Mitarbeiterin des Wirtschaftshofes Andrea Herrmann, Kay Schröter, Trainer für Gebärdenschrift, Jeanine Metasch, Leiterin des Wirtschaftshofes der Stadt Finsterwalde, Manuela Philipp, Schwerbehindertenvertreterin und Kollegin von Andrea Herrmann (v.l.). FOTO: Böttcher
Finsterwalde. Für gehörlose Menschen ist es eine besondere Herausforderung, die deutsche Schriftsprache zu erlernen. Andrea Herrmann aus Finsterwalde gehört zu den Ersten im Süden Brandenburgs, die jetzt an einem Kurs teilgenommen haben, der den Weg von der Gebärdensprache über die Gebärdenschrift bis hin zur deutschen Schriftsprache aufzeigt. Gabi Böttcher

Die Anstrengung, die es einen gehörlosen Menschen kostet, Teil der Kommunikationswelt Hörender zu sein, ist schnell nachvollziehbar. Um sich inhaltsreich mit Hörenden zu verständigen, ist ein Gebärdendolmetscher notwendig. Ein solcher ist jedoch eher selten verfügbar. Umso erfreulicher ist es, wenn, wie im Falle von Andrea Herrmann, eine Kollegin wie Manuela Philipp zur Seite steht. Und das seit fast 25 Jahren. Beide sind im Wirtschaftshof der Stadt Finsterwalde bei der Grünanlagenpflege in einem Team tätig. Manuela Philipp, zugleich Schwerbehindertenbeauftragte, hat sich über die Jahre in der Gebärdensprache einiges angeeignet, sodass sich die Frauen verständigen und auch Dritte ins Gespräch einbezogen werden können. Doch selbst wenn es mit der Gebärdensprache ganz gut klappt, ist da immer noch die deutsche Schriftsprache, die für Gehörlose schwer zu erlernen ist.

Neuer Kurs aufgelegt

Andrea Herrmann ist eine von drei Gehörlosen, die jetzt in Finsterwalde an einem vollkommen neu aufgelegten Kurs teilgenommen haben. Ivonne Bellen, Leiterin der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) in Cottbus, ist froh, dass dies dank der Finanzierung durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales möglich geworden ist. "Es fließen Gelder aus der Ausgleichsabgabe, die von den Unternehmen gezahlt werden, die nicht in gesetzlich vorgegebener Weise schwerbehinderte Menschen beschäftigen", erklärt die Akademieleiterin. Zunächst bis Mai 2017 besteht nunmehr die Möglichkeit, gehörlosen Menschen, die wie Andrea Herrmann berufstätig sind, beim Erlernen der deutschen Schriftsprache zu helfen.

Und das geht so: Zunächst kann die deutsche Gebärdensprache mithilfe einer speziell entwickelten Software 1:1 in Gebärdenschrift übersetzt werden. Die Gebärdenschrift-Bilder verdeutlichen einzelne Gebärden und sind gut nachvollziehbar. Schließlich kann diese Gebärdenschrift in die deutsche Schriftform übersetzt werden. Die Delegs-Editor-Software ist hierbei unerlässliches Hilfsmittel.

Für die meisten Hörenden wohl unbekannt ist, dass die Gebärdensprache einer anderen Grammatik folgt, als die deutsche Sprache. Manuela Philipp erzählt ein Beispiel: "Du fährst in die Bürgerheide, heißt bei Gehörlosen, Du Bürgerheide fahren. Das Verb steht am Ende."

Damit der erste Deutsch-Kurs für gehörlose Beschäftigte direkt in Finsterwalde stattfinden konnte, waren drei Teilnehmer notwendig. Andrea Herrmann war selbst auf das neue Angebot aufmerksam geworden. Die hoch motivierte 40-Jährige arbeitet immer wieder an ihrer Weiterbildung. Nicht zuletzt fühlt sie sich von ihren drei Kindern, die alle das Gymnasium besuchen, herausgefordert. "Sie wollen, dass ich auch einmal so schreiben kann wie sie", erzählt sie. Manuela Philipp stand ihrer Kollegin zur Seite, dass mit Karin Laurisch und Ilona Krause zwei weitere Teilnehmer ins Boot kamen.

Betroffener ist Trainer

Kay Schröter, selbst gehörlos und dank des Bundesprogrammes jetzt bei der FAW als Trainer für Gebärdenschrift eingestellt, weiß um den auf das Üben der Lautsprache konzentrierten Unterricht an der Gehörlosenschule und die großen Lücken, die bis hin zur deutschen Schriftsprache klaffen. Er freut sich, jetzt mit der Vermittlung seiner Kenntnisse eine Brücke bauen zu können.

"Gehörlose werden oft viel zu schnell abgestempelt, so als wären sie dumm", sagt die Schwerbehindertenbeauftragte, die sich gleichzeitig mehr Weiterbildung für Hörende wünscht.

Ganz schön herausgefordert ist nunmehr auch Jeanine Metasch, seit Jahresbeginn Leiterin des Wirtschaftshofes: "Ich hatte zuvor nie Kontakt zu Gehörlosen. Ich finde es wichtig, dass es auch für Menschen mit Handicap Weiterbildung gibt." Ivonne Bellen wünscht sich die Ausweitung des Programmes auf jede Altersgruppe und gehörlose Menschen, die auf der Suche nach Arbeit sind. "Wir möchten Gehörlosen Mut machen, an einem unserer Deutsch-Kurse teilzunehmen. Wir möchten aber gleichzeitig auch Arbeitgebern Mut machen, Gehörlose zu beschäftigen. Ich erlebe sie als sehr soziale, sehr ausgeglichen wirkende Menschen."

Zum Thema:
Die Zahl der Gehörlosen in Brandenburg wird mit 2600 angegeben. In Vereinen in Finsterwalde sind 30 und in Oberspreewald-Lausitz 40 Mitglieder eingeschrieben. Schnupperkurse Deutsche Schriftsprache für gehörlose Arbeitnehmer: 30. Juli und 3. September, jeweils ab 16 Uhr, Fortbildungsakademie der Wirtschaft, Am Seegraben 21c, Cottbus, bei entsprechender Nachfrage aber auch in Finsterwalde möglich. Nächste Schulung 27. bis 31. Juli in Cottbus, Fortbildungsakademie der Wirtschaft, Am Seegraben 21c, Cottbus. Kontakt: 0355 48370230