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| 15:36 Uhr

5 Minuten Heimatgeschichte
Der Goldene Löwe als Hoffnungszeichen

Haus- und Namensschild der ersten Finsterwalder Apotheke.
Haus- und Namensschild der ersten Finsterwalder Apotheke. FOTO: Rainer Ernst
Finsterwalde. Die Finsterwalder Apotheke an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert birgt interessante Hintergründe. Von Rainer Ernst

Nach dem Zeugnis ihrer damaligen Besitzerin Christiane Elisabeth Tzschierig bestand 1814 die Finsterwalder Apotheke schon seit „unvordenklicher Zeit“. Eine solche nicht gerade präzise Datierung ist verständlicherweise ein Albtraum für jeden Historiker. Da haben es die Chronisten der Nachbarstädte doch wesentlich besser getroffen. Sie können auf konkrete Gründungsjahre, mitunter sogar Gründungstage ihrer Apotheken verweisen: 1685 Apotheke Sonnewalde, die 1705 und 1719 vom Grafen Solms privilegiert wurde; 10.10.1689 Privilegierung der Gertruden-Apotheke  Doberlug durch den Herzog von Sachsen-Merseburg; 30. Mai 1701 Privilegierung der Rats-Apotheke Kirchhain.

Das Finsterwalder Apothekengebäude am Markt wurde wahrscheinlich 1806 errichtet. Ob das gewiss wesentlich ältere arzneikundliche Offizin schon im Vorgängerbau sein Domizil besaß, kann nur vermutet werden. Kein Zweifel besteht jedoch über dessen Namen, der wohl gleichzeitig auch als Bezeichnung des Hauses diente: „Apotheke zum Goltnen Löwen“. Das schöne historische Haus- und Namensschild blieb glücklicherweise erhalten und befindet sich im Inneren des 1858 im Stile des Klassizismus umgebauten Gebäudes. Ob es je seine Außenfassade zierte, bleibt fraglich. Der Löwe als Namenspatron für Apotheken ist nicht ungewöhnlich, vermochte er doch – nach frühchristlichen Legenden – durch seinen Odem die von der Löwin totgeborenen Jungen zum Leben zu erwecken. Damit galt das doch eigentlich grimmige Raubtier als Symbol für die Auferstehung Christi. Auch die 1568 gegründete Apotheke in Cottbus wurde nach ihm benannt.

Ausschnitt einer Ansichtskarte. Häuserzeile am Finsterwalder Markt mit der Apotheke rechts im Bild, um 1939.
Ausschnitt einer Ansichtskarte. Häuserzeile am Finsterwalder Markt mit der Apotheke rechts im Bild, um 1939. FOTO: Rainer Ernst

Der erste namentlich überlieferte Finsterwalder Apotheker ist Johann Ernst Tzschierig. Er verstarb 1789. Seine Witwe, die oben erwähnte Chr. E. Tzschierig, die als Frau ohnehin keine Apotheke führen durfte, verpachtete sie nun zunächst an ihren Schwiegersohn Johann Christian Ludwig Liphardt. Dieser war 1758 in oder bei Halberstadt geboren worden, hatte in namhaften Apotheken gelernt und kam nach einem bewegten Wanderleben in unsere Stadt [1]. Liphardt besaß offenbar wissenschaftliche Ambitionen, wovon zwei Fachbücher aus seiner Feder zeugen: Ein 440 Seiten umfassendes „Handbuch der Chemie: nebst einer moralischen Bildung des Apothekers“, das 1800 in Leipzig erschien, und dem ebenfalls 1800 in einem Wittenberger Verlag herausgegebenen „Versuch einer Musterung ausländischer, kostbarer, aber zum Theil entbehrlicher Arzneymittel und Angabe der an deren Stelle mit Nutzen anzuwendenden einheimischen: nebst einer richtigen Anweisung zur leichten Zubereitung des teutschen Zuckers aus verschiedenen Pflanzen“. Es bleibt zu prüfen, was Liphardt unter „moralischer Bildung“ verstand. Sicherlich nicht in erster Linie Lauterkeit im Wissenschaftsbetrieb, denn er hatte große Teile des Handbuches bei dem damals renommierten Naturwissenschaftler Martin Heinrich Klapproth abgeschrieben und ge­riet dadurch in den Ruf des Plagiators. Nach J. Chr. L. Liphardt sollte dessen Sohn die Finsterwalder Apotheke übernehmen, aber der junge Mann starb schon 1813 als Lehrling in der Salomonis-Apotheke in Dresden. Diese Apotheke ging übrigens später in die Literaturgeschichte ein, weil Theodor Fontane seine hier genossene Ausbildung in den Lebenserinnerungen „Von Zwanzig bis Dreißig“ verarbeitete.

Ansichtskarte mit Blick vom Markt in die Berliner Straße, um 1909.
Ansichtskarte mit Blick vom Markt in die Berliner Straße, um 1909. FOTO: Rainer Ernst

Nach dem Tode des Enkels blieb der Großmutter Tzschierig nichts anderes, als sich einen anderen Pächter zu suchen. Sie fand ihn in dem Apotheker Heinrich Adolph Kleine.

Dennoch sorgte sich die Besitzerin um die Existenz ihrer „Apotheke  zum Goltnen Löwen“. Welche Befürchtungen sie hegte und wie sie den Fortbestand sichern wollte, erfahren Sie in den nächsten „5 Minuten Heimatgeschichte“.

Hauptquelle: Stadtarchiv Finsterwalde, Rep. 8, Nr. 002