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| 02:35 Uhr

Der Gedenkstein am Sallgaster Dorfanger

Erst vor kurzem ist ein Bild dieses Steins (links im Bild) aufgetaucht. Rainer Paulisch aus Sallgast hat ein Foto von der Poleyer Straße mit Gedenkstein und Feuerlöschteich zur Verfügung gestellt.
Erst vor kurzem ist ein Bild dieses Steins (links im Bild) aufgetaucht. Rainer Paulisch aus Sallgast hat ein Foto von der Poleyer Straße mit Gedenkstein und Feuerlöschteich zur Verfügung gestellt. FOTO: unbekannt
Sallgast. In der Rubrik "Vor 100 Jahren" ist am 25. Februar von einem Sallgaster Denkmal berichtet worden, das selbst die meisten der Einwohner nie selbst gesehen haben. Wie berichtet, verschwand es Ende der 1950er oder Anfang der 1960er Jahre. Wolfgang Bauer vom Heimatverein Sallgast hat noch einiges mehr über den Gedenkstein zu erzählen.

Nur die ältesten Einwohner von Sallgast erinnern sich vielleicht noch an einen großen Stein am Dorfanger in der Poleyer Straße, der aufrecht stehend, von vermörtelten Feldsteinen gestützt, nur wenig vom Zweck seiner Errichtung preis gab. Lediglich eine einzelne Tafel verwies auf eine "Erhebung Deutschlands". Andere, früher hier befindliche Tafeln, waren an nur noch fragmentarisch vorhandenen Befestigungspunkten erkennbar.

Start mit "Zeitungsente"

Die Geschichte dieses Gedenksteines beginnt mit einer "Zeitungsente". Am 19. August 1913 erscheint im "Luckauer Kreisblatt" eine Meldung, wonach man bei Ausschachtungsarbeiten für das Leitungsnetz der neu entstehenden Wasserleitung von Sallgast im Frühjahr gleichen Jahres auf einen "Findling von gewaltigem Umfang" gestoßen sei. Wahrscheinlich, so wurde vermutet, stammt er noch aus der letzten Eiszeit, die auch die Lausitz überdeckte und hier eine Endmoräne gebildet hatte. Und nun habe die Gemeinde den Entschluss gefasst, damit ein Denkmal "zum Andenken an die große Zeit vor 100 Jahren" im Dorfe aufzustellen.

Doch wenige Tage später, am 22. August 1913, wird in der gleichen Zeitung eine Berichtigung dieses Beitrages gebracht. Danach sei es nicht zutreffend, dass der betreffende Stein bei Tiefbauarbeiten für den Bau der Wasserleitung gefunden und gehoben wurde, vielmehr sei er im Tagebau Henriette freigelegt worden.

Und Bergwerksdirektor Dr. Gebhardt habe den Block "in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt". Der Stein, der ein geschätztes Gewicht von über einer Tonne hatte, musste zunächst mit Muskelkraft aus dem Tagebau nach oben an die Kante der Grube geschafft werden.

Im Luckauer Kreisblatt konnte man dazu folgendes lesen: "(Dr. Gebhardt) ... ließ zur Heraufbeförderung desselben seine Leute antreten. Die Weiterbeförderung zur Wirkungsstätte in der Poleyer Straße wurde von Fuhrwerksbesitzern ausgeführt." Für damalige Verhältnisse eine gewaltige Leistung.

Der Kriegerverein, der bereits 1896 am Dorfplatz ein Denkmal für die Gefallenen des Krieges 1870/71 eingeweiht hatte, bemühte sich nunmehr um die Errichtung eines neuen Denkmals am Dorfanger. Anlass dafür war die Völkerschlacht bei Leipzig vor damals 100 Jahren und das fünfundzwanzigste Regierungs-Jubiläum Kaiser Wilhelms II.

Handwerker aus der Region

Als Ausführende der erforderlichen Arbeiten waren der Maurermeister Willy Hampe aus Anna-hütte für die Fundamentierungs- und Sockelarbeiten, und der Steinbildhauer Trachbrodt aus Finsterwalde, der bereits das Kriegerdenkmal am Dorfplatz gestaltete, für die Bearbeitung des Steines beauftragt worden. Die Kosten in Höhe von 400 Mark wurden durch den Kriegerverein unter Vorsitz von Franz Paulisch "durch Liebesgaben" aufgebracht, wie es dazu in einer Meldung hieß.

Im ganzen Land herrschte damals eine patriotische Stimmung mit stark chauvinistischen Zügen. Schließlich bereitete man sich in ganz Preußen auf das 100. Jubiläum dieses bedeutsamen Sieges über Frankreich vor, zu dem keine besonders freundschaftlichen Beziehungen bestanden. In Leipzig liefen die Vorbereitungen zur Einweihung eines monumentalen Denkmals auf vollen Touren.

Feiern zur Einweihung

Im Luckauer Kreisblatt vom 26. August 1913 wird für die am 18. Oktober geplanten Einweihungsfeierlichkeiten geworben. Anmeldungen dafür waren noch bis Ende August beim Deutschen Patriotenbund in Leipzig möglich. Schließlich könne daran "jeder deutsche Mann und jede deutsche Frau teilnehmen", wie es in dem gleichen Beitrag hieß.

Für Mitglieder der "Krieger-, Militär- und Veteranenvereine, der freiwilligen Sanitätskolonnen, Samaritervereine vom Roten Kreuz und der Genossenschaft freiwilliger Krankheitspfleger im Kriege" war bei den Preußisch-Hessischen Staatsbahnen und den Reichseisenbahnen eine Fahrpreisermäßigung bewilligt worden. Es sollte ein patriotisches Fest großen Ausmaßes werden.

Da wollten die Sallgaster Patrioten nicht zurückstehen. Sie bereiteten ihr Fest für Sonntag, den 24. August 1913 vor, Beginn nachmittags 2 Uhr. Der Wetterbericht sagte ein vorwiegend heiteres und trockenes Wetter voraus. Tagsüber sollte es ziemlich warm werden, bis plus 27 Grad Celsius. Der richtige äußere Rahmen für ein größeres Volksfest.

Zapfenstreich und Schaulustige

Bereits am Vorabend verkündete ein Zapfenstreich vom bevorstehenden Ereignis. "Fleißige Hände hatten in der Stille den Stein mit Laub- und Blumenarrangements stilvoll dekoriert. Und es hatte sich eine Anzahl Schaulustiger vorher eingefunden, um das Werk zu besichtigen", heißt es in der Zeitung.

Am Morgen des 24. August ertönt dann ein Weckruf durch den Ort. Und bald sind sie angetreten: der Kriegerverein Sallgast, der Militärverein Poley und Umgebung, der Turn-, Gesang- und Flottenverein, die Freiwillige Feuerwehr, und die festlich geschmückten Schulkinder, die gleichzeitig ihr Schulfest begehen. Allen voran das Korps der Spielleute und eine Blaskapelle aus Barzig, beginnt ein bunter Umzug durch den Ort.

Dieser endet in der Poleyer Straße am "Kaiser-Wilhelm-Denkstein", wie er seit diesem Tag genannt wird. Neben dem Denkmal hatte hoch zu Ross Kriegervereins-Major Franz Paulisch Aufstellung genommen. Neben ihm seine Adjutanten. Die Vereine und Gäste gruppierten sich im Halbkreis davor. Die Begrüßungsansprache hielt Ortsvorsteher Karl Paulisch, bevor Hilfsprediger Lehnigk in einer Weiherede "beherzigenswerte Worte an die Festversammlung" richtete. Mit dem gemeinsamen Gesang von "Lobe den Herren" wurde die Weihe beendet.

"Während die Vereine ihre Lokale aufsuchten, zogen die Schulkinder auf den schattigen Platz neben dem Kriegerdenkmal (am Dorfplatz), und bald herrschte das fröhlichste Treiben."

Das Aussehen des Gedenksteines wird wie folgt beschrieben: "Auf einem Fundament von Feldsteinen erhebt sich der Koloß in einem annähernden Gewicht von 25 Zentnern. Die vordere eingefügte Marmorplatte enthält das Relief Kaiser Wilhelms II. mit den Jahreszahlen 1888 - 1913, dem Regierungsjubiläum gewidmet. Die Seitenplatte führt u.a. die Zahlen 1813 - 1913. Um das Denkmal wird eine Anlage von Ziersträuchern gegeben werden...". Letzteres wird in einer Nachricht vom 25. Februar 1914 nochmals bekräftigt, wobei zusätzlich ein Zaun "aus eiserner Ketten, die auf rohen Granitsäulen ruhen", errichtet werden sollte, was aber wohl er Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhindert hat.

Ohne Aufsehen verschwunden

Der verlorene Krieg und die Abdankung des Kaisers haben als erstes die Ehrentafel für den Kaiser verschwinden lassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand er ohne großes Aufsehen von seinem Platz, den er rund ein halbes Jahrhundert innehatte. Sein Verbleib ist ungeklärt.