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| 17:43 Uhr

Der Treibjagd-Selbstversuch
Auge in Auge mit Schwein und Hirsch

Querfeldein auf der Suche nach Wild FOTO: LR / Josephine Japke
Staupitz. RUNDSCHAU-Volontärin Josephine Japke war auf Treibjagd und zieht völlig erschöpft ihren Hut vor Jägern und Treibern. Von Josephine Japke

Still und starr liegt er da, der Grünewalder Lauch, während bei minus vier Grad Celsius die Sonne am wolkenlosen Himmel aufgeht. Doch es ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Minuten später brechen etwa 120 Jäger in den Wald auf, um  Rehe, Rotwild und Wildschweine vor die Flinte zu bekommen.

Jäger aus Österreich, den Niederlanden, der Schweiz und Sachsen sind in der vergangenen Woche nach Staupitz gekommen, um bei der Jagd dabei zu sein. In orangenen Jacken, grünen Hosen und dicken Stiefeln gekleidet, begrüßen sie sich wie alte Bekannte. Die einzige Außenstehende bin ich. „Hast du keine anderen Stiefel dabei? Die Schühchen weichen in Nullkommanichts durch“, werde ich derb begrüßt. Ein paar Minuten später dann der nächste Fettnapf: „Wie funktioniert so eine Treibjagd?“, frage ich und werde abermals milde belächelt. „Das ist keine Treibjagd. Das ist eine Ansitz-Drückjagd, bei der Mensch und Tier gemeinsam das Wild aus dem Wald treiben und Jäger vom Hochsitz aus danach schießen“, erklärt Reiko Schröter, Revierförster vom Revier Hohenleipisch.

Gemeinsam mit Nico Friedrich richtet er ein paar letzte Worte an die Jäger und Treiber: „Der Fokus liegt auf Schwarzwild. Nicht zuletzt wollen wir mit der Jagd die Schweinepest und Wildschäden eindämmen.“ Weil die Jagd an diesem Tag im Auerhuhn-Auswilderungsgebiet stattfindet, dürfen auch Füchse und Waschbären geschossen werden.

Dann werden die Gruppen eingeteilt, mein Ansprechpartner und Begleiter ist Torsten Pawlak von der Greifvogelstation in Oppelhain. „Es ist wichtig, dass auch Leute von außerhalb an der Jagd teilnehmen, denn es gibt immer weniger Treiber. Doch ohne die geht es nicht. Wir brauchen da jeden Mann ... und jede Frau“, sagt er mit einem Augenzwinkern. In unserem Team sind auch Andreas und Silvio aus dem Erzgebirge. „Eigentlich haben wir damit nichts am Hut, aber unser Kumpel ist Jäger und hat die Leidenschaft nun auch bei uns geweckt“, erklärt Silvio.

Außerdem ist Andreas Polz dabei, seines Zeichens Amtsdirektor vom Schliebener Land. „Bei der Jagd geht es darum, sich gegenseitig zu helfen. Mensch und Tier müssen zusammenarbeiten, aber auch die Menschen untereinander. Deshalb bin ich heute hier, denn ich weiß, dass hier Not am Mann ist“, sagt er. Mit dabei hat er seine zwei Bayerischen Bergschweißhunde, Gitti (10) und Hexe (4). „Schweiß“ bezeichnet das ausgetretene Blut des Wildtieres. „Sie sind dafür ausgebildet, das in der Nachsuche aufzuspüren. Außerdem können sie ein Wildschwein solange beschäftigen, bis der Hundehalter da ist, um den Fangschuss abzugeben“, erklärt Andreas Polz. Auch er hat eine Repetier-Waffe, eine Art Gewehr, dabei.

Etwa 4000 Quadratmeter sollen in den kommenden drei Tagen rund um Gorden-Staupitz, Hohenleipisch, Plessa und Grünewalde bejagt werden. Bei einem Blick auf die Karte erkennt auch Torsten Pawlak, dass wir an diesem Tag einiges vorhaben. „Aber nichts, was nicht zu schaffen ist. Wenn du nicht hinterher kommst, mach dich bemerkbar“, sagt er und biegt vom Waldweg kurzerhand in das nächste Farn-Feld ab. Und während er mühelos über sämtliche Hindernisse hinweg zu gleiten scheint, bleibe ich an jedem Baum, Strauch, Ast und Busch hängen und komme deshalb schnell nicht mehr hinterher. „Ich mache das schon seit 33 Jahren. Ich kenne den Wald hier in- und auswendig“, erklärt er.

Auf der Suche nach Wild erklärt er mir ein paar Jagd-Regeln: Vorm Kreuzen eines Waldweges immer erst beim Jäger auf dem Hochsitz bemerkbar machen, in der Aufbrechpause rasten und nicht schießen, damit die Innereien aus dem schon geschossenen Wild entnommen werden können und es so besser auskühlt. „Und was macht man, wenn so ein Wildschwein auf einen zugerannt kommt?“, frage ich besorgt. Immerhin können die Tiere bis zu 30 Stundenkilometer schnell werden. „Den nächsten Baum suchen und drauf springen“, sagt er locker. Aber vor einem Wildschwein musste er noch nie fliehen, ich solle mir keine Sorgen machen. Nur von einem Hirsch sei er beinahe mal umgerannt worden. Alles halb so schlimm.

Etwa zwei Stunden dauert das Treiben und Jagen an sich. Die Zeit reicht aus, dass ich vom ganzen Füßeheben, Stolpern und Klettern vollkommen erschöpft und kaum noch bewegungsfähig am Mittagstisch im Café „Lollipop“ zusammensinke. Weitere drei Stunden werden damit verbracht, jedes Tier einzusammeln, zu wiegen und sorgsam auf einem Reisig-Feld zu betten, sortiert nach Reh-, Schwarz- und Rotwild. Für jede Art wird eine eigene Melodie von den Jagdhornbläsern gespielt, die dem Tier die letzte Ehre erweisen soll.

„Jagen ist kein sinnloses Abschlachten. Damit wird ein wichtiger Zweck erfüllt und der Natur geholfen. Jedes einzelne Tier wird ethisch korrekt behandelt, es muss nicht leiden und stirbt nicht umsonst“, erklärt mir Torsten Pawlak. 45 Stück Wild liegen nach diesem Tag auf der Strecke, die nach der letzten Ehrerweisung in die Wurstfabrik nach Wurzen kommen. „Keine schlechte Bilanz für den ersten Tag“, resümiert Nico Friedrich.

Querfeldein auf der Suche nach Wild FOTO: LR / Josephine Japke