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Den Marktschreiern verschlug es die Sprache

Finsterwalde.. Finsterwalde. „City-Sommer – Wie war’s?“ fragte die RUNDSCHAU gestern. Nur wenige Leser haben ihre Meinung gesagt. Die laute Musik bis spät in die Nacht, die vielen Western-Stände wurden bemängelt. Lob gab es für die Modenschau am Samstagnachmittag. Kraft Stöber war an allen drei Tagen für die RUNDSCHAU unterwegs und hat sich in der City umgesehen.


Freitagabend: Der Marktplatz ist so gut wie leer, ein paar angetrunkene Jugendliche stehen herum, zerschlagene Flaschen, Bierbüchsen liegen auf der Straße. DJ Amino weiß vermutlich nicht so recht, für wen er überhaupt auflegt und dreht seine Anlage voll auf. So kriegen die Leute in den Häusern wenigstens etwas von der Party mit, die den City-Sommer eröffnen soll. Irgendjemand fragt nach dem angekündigten Freibier. Niemand weiß, wo es das geben soll. Die Trucks der sächsischen Marktschreier umkreisen den Markt auf der Suche nach einem guten Stellplatz.
Wer etwas Gutes sucht, geht auf den Figaro-Hof. Dort herrscht schon richtige Party-Stimmung. Dort wird auch etwas fürs Auge geboten: Modenschauen, Schaufrisieren. Der Hof wirkt viel einladender als der ungeschmückte, eher schmuddelige Markt. Die Lange Straße ist noch nicht für den Autoverkehr gesperrt und so nutzen nicht viele Leute die leckeren Drink-Angebote des Fidelen Kastros oder setzen sich auf ein gepflegtes Bier vor den Country-Saloon. Draußen im Garten der Gaststätte „Zur Erholung“ amüsieren sich die Leute gut. Die Express-Party-Band sorgt für geniale Stimmung, und sie tut das bis in den frühen Morgen hinein.
Samstagnachmittag: Den Marktschreiern hat es mangels Kundschaft die Sprache verschlagen. Sie bepöbeln sich gegenseitig ein bisschen und hoffen, dass sich doch noch ein paar Menschen in die City verlaufen, denen sie ihre Waren feil bieten können. Eine sportliche Truppe aus dem Fit-In präsentiert, was man mit Hanteln zu rhythmischer Musik alles anstellen kann . Es ist wohl mehr eine zusätzliche Trainingseinheit, denn es interessiert sich kaum jemand für die Sport-Show. Im Figaro-Hof ist Kaffee-Zeit, in die Lange Straße kann man kaum hinein schauen, weil sie von fliegenden Händlern zugestellt ist.
Samstagabend: Endlich! Die Stadt, ja sogar der Markt füllen sich. Die Leute, die auf der Bühne das Programm bestreiten, haben endlich Zuschauer und Zuhörer. Der Figaro-Hof ist brechend voll. Man sieht hier mit Spannung der Erotik-Show um Mitternacht entgegen. Beim Fidelen Kastro herrscht Gedränge, der Country-Wirt rennt sich die Hacken ab, in der City herrscht Party-Stimmung. Im Garten der „Erholung“ wird schon seit halb acht getanzt, DJ Hamster macht ordentlich Volksmusik-Party. Hier wie in der City werden die Verstärker erst nach 3 Uhr am Sonntagmorgen ausgeschaltet.
Sonntagmittag: Die Stimmen der meisten Marktschreier sind nun endgültig verstummt. Nur an einer Ecke des Marktes werden ziemlich monoton fünf Paar Socken für einen Euro und Strings zu dem gleichen Preis angeboten. Die Gastronomen, die den Feinschmeckertag gestalten sollen, sucht man vergebens. Selbst der Figaro-Hof ist ziemlich leer. Es ist Mittagszeit, und anstatt sich in der City zu versorgen, kochen die meisten Finsterwalder doch lieber zu Hause. Hatten sie eine Ahnung, dass der Feinschmeckertag eine Luftnummer im Programm war„
Wer das ganze Wochenende über hin und wieder mal in der Stadt seine Runde drehte, kam zu dem Schluss, dass beim City-Sommer nicht viel los ist. Lag es daran, dass das Wetter zu gut war oder daran, dass auf vielen Dörfern genau an dem Wochenende auch traditionelle Veranstaltungen angesagt waren“ Ist der Zeitpunkt zum Monatsende unklug gewählt, weil die meisten Leute immer zum Monatsanfang zu ihrem meist kleinen Geld kommen„ Lag es an der Formel 1, die auf dem Nürburgring ihre Kreise zog“ Oder war das Konzept nicht das richtige„
Viele Fragen wird man sich in der Kaufmannsgilde stellen müssen. Die erste wird sein: Hat es sich für uns gelohnt“ Mit einigen Blicken in die Finsterwalder Geschäfte dürfte das mehr als fraglich sein. Bei einigen Gastronomen wird die Kasse gut gefüllt gewesen sein. Der Figaro-Hof hat sich einmal mehr als idealer Veranstaltungsplatz erwiesen. Der Biergarten „Zur Erholung“ blieb seinem Ruf als Party-Garten treu. Die Marktpassage hatte deutlich mehr Kunden als an den Wochentagen.
Wer je eine Veranstaltung auf dem Finsterwalder Markt organisiert hat, weiß, wie schwer es ist, die große Fläche vor dem Rathaus so zu gestalten, dass sie einladend wirkt. Und wer je ein Programm auf eine Bühne gestellt hat, weiß, wie schwer es ist, immer ein großes Publikum anzusprechen. Ob Double von Schlagersängern, die ihre Erfolge vor einigen Jahren hatten, dazu das probate Mittel sind, darf angezweifelt werden.
Fazit: Die Worte des Vorsitzenden der Kaufmannsgilde Lutz Gerndt in der RUNDSCHAU-Beilage zum City-Sommer haben sich bestätigt: „Man soll Marketing-Veranstaltungen von Profis oder von extra dafür gegründeten Vereinen machen lassen.“