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| 14:01 Uhr

Wie funktioniert Deutschland?
Demokratie auf Arabisch mitten in der Lausitz

Demokratie auf Arabisch heißt ein Seminar der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Erstaufnahmeeinrichtung in Doberlug-Kirchhain mit Rollenspiel. Saleh Gawan (35) aus Libyen nimmt seine Rolle engagiert an.
Demokratie auf Arabisch heißt ein Seminar der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Erstaufnahmeeinrichtung in Doberlug-Kirchhain mit Rollenspiel. Saleh Gawan (35) aus Libyen nimmt seine Rolle engagiert an. FOTO: Heike Lehmann
Doberlug-Kirchhain . Das mit der Demokratie ist gar nicht so leicht. Erst recht nicht, wenn man nur eine totalitäre Welt kennt. Geflüchtete in Doberlug-Kirchhain wollen dennoch lernen, wie Deutschland funktioniert – ein Angebot auf Arabisch. Von Heike Lehmann

Erst wenige Monate leben die Geflüchteten  in der Erstaufnahmeeinrichtung am Rande von Doberlug-Kirchhain. Deutschland ist ihnen fremd und als fremd werden sie von den Deutschen empfunden. Die meisten von ihnen sind über Eisenhüttenstadt in die Niederlausitz gekommen. Auch Saleh Gawan (35) aus Libyen, die Palästinenserin Fareela Shamma (58), die in Syrien gelebt hat, und der junge Syrer Rewan Omar (25). Die Drei haben in dieser Woche „Demokratische Bildung“ gebüffelt. Freiwillig wie 22 andere Geflüchtete und zusätzlich zu ihrem eigentlichen Integrationskurs.

Das zweitägige Seminar wird Brandenburger und weiteren Landesbüros der Friedrich-Ebert-Stiftung seit 2015 angeboten. Das Besondere: Seminarsprache ist Arabisch! Das ermöglicht allen, auf Augenhöhe zu diskutieren. Bei der Stiftung heißt es: „Die Nachfrage ist riesig.“ Seit 2015 hat man 40 Seminare in neun Bundesländern gehalten. In Doberlug-Kirchhain ist man ein zweites Mal.

Demokratie will gelernt sein. Rechte und Pflichten gehören ebenso dazu wie Rede und Gegenrede mit Argumenten.
Demokratie will gelernt sein. Rechte und Pflichten gehören ebenso dazu wie Rede und Gegenrede mit Argumenten. FOTO: Heike Lehmann

Dr. Chadi Bahouth hat das Konzept für das bundesweite Pilotprojekt mitentwickelt. Der Journalist, Coach und Gestalttherapeut leitet die zweitägigen Seminare auch selbst. Der 42-Jährige ist „halb Libanese, halb Palästinenser“, wie er sagt, und lebt seit vier Jahrzehnten in Deutschland. Er sieht die Wirkungen: „Für die meisten Teilnehmer ist es extrem empowerned. Sie treten danach selbstbewusster auf. Sie bekommen eine Vorstellung von der Staatsstruktur, den Grundwerten – von Rechten und Pflichten bei uns. Beispiele sind das Briefgeheimnis oder der Schutz der Wohnung. Es gibt Heime, wo die Briefe geöffnet bei den Empfängern ankommen, wo Zimmer betreten werden, ohne vorher anzuklopfen. Auch von der Freiheit des Wortes, festgeschrieben in Artikel 5 des Grundgesetzes, haben Geflüchtete aus der absolutistischen Welt keine Vorstellung.“ Bahouth lehrt aber auch, dass „mein Recht endet, wo das Recht des anderen beginnt“. Das führe zu teilweise heftigen Diskussionen. Meinungsfreiheit und Antidiskriminierung sind Seminarschwerpunkte. Frauen werden besonders bestärkt, sagt Chadi Bahouth. Im vertiefenden Rollenspiel habe er schon erlebt, dass gestandene Männer plötzlich geweint haben. „Sie haben zum Teil sehr traumatische Erlebnisse oft im Innern vergraben. Merkt die Gruppe, das geht uns allen so, bringt das Entspannung.“

Seminarleiter Dr. Chadi Bahouth mit libanesisch-palästinensischen Wurzeln.
Seminarleiter Dr. Chadi Bahouth mit libanesisch-palästinensischen Wurzeln. FOTO: Heike Lehmann

Entspannung ist ein Ziel im Miteinander der verschiedensten Nationalitäten und religiöser Strömungen, aber auch bei der Integration der Geflüchteten in die deutsche Gesellschaft. Konflikte zwischen Flüchtlingen und Cottbusern haben die Stadt deutschlandweit in die Schlagzeilen gebracht. In Doberlug-Kirchhain waren es überwiegend gewalttätige Auseinandersetzungen unter den Geflüchteten selbst, die sogar Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) in Sorge versetzt hatten. Theo Ripplinger, Leiter der DRK-Erstaufnahme in Doberlug-Kirchhain sagt erleichtert: „Wir haben das Problem mit den wenigen Störern in den Griff bekommen. Es ist alles wieder ruhig.“ Gut findet er, dass die Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in seiner Einrichtung stattfindet. Die Initiative dazu ging von Claudia Schmidt, Teamleiterin für Sozialbetreuung der Erwachsenen, aus. Sie hatte die Stiftung angeschrieben. Und sie freut sich, dass ein weiteres Seminar noch 2018 durchgeführt werden kann – dann auf Persisch.

Chadi Bahouth und Luise Bensmann (24), die vor fünf Jahren einen Freiwilligendienst in Palästina absolviert hat und perfekt arabisch spricht, verteilen die Rollen. Es gibt pro und kontra Geflüchtete und neutrale Rollen. Jeder Teilnehmer entscheidet selbst, wie er auftreten will. Es wird ein buntes Abbild der Gesellschaft. Eine Frau mit Kopftuch tritt energisch als Politikerin für Geflüchtete ein. Ein älterer Palästinenser im Rollstuhl schlüpft in die Pegida-Rolle und gewinnt zunehmend an Spiellaune und den ein oder anderen Lacher für sich. Ein junger Mann mit weißem Basecap ist ein Heimleiter. Es gibt drei Freiwillige in der Flüchtlingshilfe, zwei Geflüchtete, Journalisten und Polizisten. Jeder darf seine Rolle selbst ausgestalten. Der „Heimleiter“ sagt: „Ich bin der Chef, ich entscheide. Flüchtlinge interessieren mich weniger.“ Ein Geflüchteter mit roter Mütze erklärt: „Ich will einfach in Ruhe leben.“ Die Polizisten erklären sich als unbestechlich. Noch fehlt die Spontanität. Chadi Bahouth greift ein, gibt eine Szene vor. Eine lebhafte Diskussion nimmt ihren Lauf.

Im Rollenspiel gehen einige spontan aus sich heraus – für den Seminarleiter ein Instrument, die Mündigkeit der Teilnehmer zu erhöhen.
Im Rollenspiel gehen einige spontan aus sich heraus – für den Seminarleiter ein Instrument, die Mündigkeit der Teilnehmer zu erhöhen. FOTO: Heike Lehmann

In der Auswertungsrunde werden alle still und nachdenklich. Ein Mann kann die Tränen nicht zurückhalten. Betroffenheit macht sich breit. Das ist eine der Seminarszenen, die tief ins Innerste reichen. Der Libyer Saleh Gawan, ein Experte für Computertechnik, sagt: „So ein Seminar müsste öfter stattfinden – jeden Monat. Man könnte viel lernen, wie man sich verhalten und einbringen kann.“ Seit vier Monaten ist er in Deutschland. Er  habe erfahren, wenn er andere respektiert, wird auch er respektiert. Die staatenlose Diplom-Laborantin Fareeda Shamma ist mit Mann und Kindern nach Deutschland geflüchtet und fühlt sich in Doberlug-Kirchhain sicher und gut. Auch im Supermarkt hat sie gute Erfahrungen gemacht. Sie sagt: „Wir werden als Menschen gesehen. Wenn ich freundlich bin, bekomme ich auch eine freundliche Antwort.“ Es sei ihr bewusst, dass sie sich anpassen muss. „Auch zu Hause gibt es Leute, die mal nett und mal weniger nett sind“, sagt sie. Überrascht habe sie, dass sie sogar auf der Straße von Leuten freundlich gegrüßt werde.

Immer wieder Notizen macht sich der 25-jährige Rewan Omar während des Seminars. Er wirkt sehr ehrgeizig. Rewan wollte in Syrien Medizin studieren, doch die Eltern haben ihn wegen des Krieges weggeschickt. Er ist allein in Deutschland, würde gern bleiben und hier seinen Traum vom Studium verwirklichen. Doch er weiß, „dass das sehr schwer wird“, sagt er mit leiser Stimme.

Rewan Omar (25) aus Syrien (2.v.l.) wollte in der Heimat Medizin studieren. Seine Eltern haben ihn aus Angst vor dem Krieg nach Deutschland geschickt.
Rewan Omar (25) aus Syrien (2.v.l.) wollte in der Heimat Medizin studieren. Seine Eltern haben ihn aus Angst vor dem Krieg nach Deutschland geschickt. FOTO: Heike Lehmann