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Das letzte Kapitel vom alten Forsthaus

Viele sicherten sich beim Flohmarkt ein Erinnerungsstück aus der historischen Gaststätte an der Bürgerheide. Eberhard Melzer erklärt Adrienne Ibisch aus Staupitz eine alte Kamera. Auch der Hobbyfotograf Jürgen Schlinger hat einen interessanten Film gefunden.
Viele sicherten sich beim Flohmarkt ein Erinnerungsstück aus der historischen Gaststätte an der Bürgerheide. Eberhard Melzer erklärt Adrienne Ibisch aus Staupitz eine alte Kamera. Auch der Hobbyfotograf Jürgen Schlinger hat einen interessanten Film gefunden. FOTO: Dieter Babbe
Finsterwalde. Mehr als 100 Jahren zog es die Finsterwalder ins Forsthaus an der Bürgerheide. In der letzten Zeit war die Gaststätte allerdings bereits verwaist. Jetzt ist das Forsthaus noch einmal aufgelebt – vermutlich ein letztes Mal. Die Rede ist von Abriss. Dieter Babbe

Tiegel, Töpfe, Pfannen, viele Gläser, die Sammlung mit den Geweihen, das gesamte Inventar der Gaststätte - eine Fundgrube für Schnäppchenjäger und jene, die sich ein Andenken an das alte Forsthaus sichern wollten. Sogar der 150 Kilo schwere Panzerschrank, in dem noch unausgefüllte Scheckhefte aus DDR-Zeiten lagen, ging weg. Eberhard und Karin Melzer haben mit ihrem Flohmarkt noch einmal mehr als 200 Menschen in das Lokal am Waldrand gelockt. Bei der Gelegenheit hat der Fotografenmeister sein Lager ausgeräumt - etliche seiner alten Kameras und Objektive, die noch aus dem früheren HO-Fotoladen in Finsterwalde stammen, fanden neue Besitzer.

Auch Jürgen Schlinger, der leidenschaftliche Hobbyfotograf, kam zum Stöbern ins Forsthaus - und ging mit einer vollen Tasche wieder raus. "Ich darf das gar nicht meiner Frau erzählen, wenn ich schon wieder was angeschleppt bringe”, sagt der 84-Jährige, der bereits eine große Sammlung mit mehr als 320 Fotoapparaten hat. "Die ältesten sind über 130 Jahre alt, meine wertvollsten sind die Holzkameras. Aber auch ein paar Geheimkameras habe ich, die in einem Spazierstock und in einer Taschenuhr versteckt sind”, sagt Jürgen Schlinger. Zum Denkmaltag im September will er wieder einen Teil seiner Sammlung in Bauers Witwe zeigen.

Christiane Ostrowski aus Detmold ist gegenwärtig in Doberlug-Kirchhain zu Besuch und hat vom besonderen Flohmarkt in Finsterwalde gelesen. Stolz hält sie zwei Keramik-Eichhörnchen in die Kamera des LR-Reporters - und erklärt: "Ich sammle Eichhörnchen, wie andere Gartenzwerge. Sie erinnern mich an meinen Vater, der sehr klein war und deshalb den Spitznamen Eichhörnchen hatte.”

Das Forsthaus ist ein Stück Finsterwalder Geschichte - die jetzt zu Ende geht. Hier wohnten früher die Stadtförster, später gab es Gastwirtschaften. Der erste bekannte Gastwirt war Adolf Jaeschke, der von 1904 bis 1910 das Forsthaus betrieb. Später hießen die Gastwirte Traugott Burghardt und Paul Brandt. In der Nazi-Zeit sorgte eine "Affäre Forsthaus” für Aufsehen: Hier soll es feuchtfröhliche Treffen von NSDAP-Größen mit "spärlich bekleideten BDM-Maiden", wie der Chronist Peter Hennig herausgefunden hat, gegeben haben. Bürgermeister Münster hat eine außereheliche Vaterschaft den Posten gekostet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte Walter Melzer das Forsthaus kaufen. "Doch so einfach war das nicht", erinnert sich sein Sohn Eberhard. "Erst Präsident Wilhelm Pieck musste Druck machen, weil Staatseigentum damals nicht privatisiert werden durfte. Pieck hielt sich, als er in den 30er-Jahren in Finsterwalde war, im Forsthaus mal vor den Nazis versteckt - daran erinnerte er sich wohl", so Melzer. Im August 1952 konnte sein Vater endlich das Forsthaus übernehmen. Er richtete hier ein Café ein, das bis 100 Personen Platz bot, und eine Freitanzdiele hatte. Nachdem er plötzlich starb, waren Aufgebauer, Brohmann und Wollmann die Namen der Gastwirte. Von 1990 bis 2004 hat Katrin Fischer die Gaststätte geführt, sie wohnt jetzt in der Schweiz - ist aber noch die Besitzerin des Forsthauses. Melzers, die daneben wohnen, was früher das eigentliche Forsthaus war, haben den späteren Anbau für Familienfeiern zur Verfügung gestellt - "die letzte war ein 80. Geburtstag im Jahre 2011."

"Die Uhr vom Forsthaus ist abgelaufen", ist sich Eberhard Melzer sicher. "Hier müsste alles erneuert werden. Die Feuchtigkeit steckt in den Wänden. Außerdem ist der Bestandsschutz abgelaufen. Das Forsthaus steht zum Verkauf. Doch ich glaube, es steht eher vor dem Abriss."