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| 10:35 Uhr

5 Minuten Heimatgeschichte
Das Dekret des Kurfürsten am Stadttor

Dekret des Sächsischen Kurfürsten vom 26.8.1790 wie es auch an den Finsterwalder Stadttoren angeschlagen war. Aus dem Stadtarchiv Finsterwalde.
Dekret des Sächsischen Kurfürsten vom 26.8.1790 wie es auch an den Finsterwalder Stadttoren angeschlagen war. Aus dem Stadtarchiv Finsterwalde. FOTO: Rainer Ernst
Finsterwalde. Wie die Obrigkeit 1790 Rebellion und Aufruhr begegnen wollte. Von Rainer Ernst

Als 1789 der Sturm auf die Bastille das einst mächtige Königshaus in Frankreich erschütterte, fürchteten die Fürstenhäuser in Deutschland nicht zu Unrecht, dass der Funke der Rebellion auch in ihre Herrschaftsbereiche überspringen könnte. In Dresden klingelten denn auch im Sommer 1790 alle Alarmglocken, weil in einigen Landesteilen des sächsischen Kurfürstentums unüberhörbarer Unmut wegen der drückenden Lebensverhältnisse insbesondere der Bauern zu vernehmen war. Ihr Unwille erwuchs hauptsächlich aus dem strikten Verbot, gegen die überhandnehmende Wildplage, die die Ernteerträge schmälerte, vorzugehen. Das Jagdrecht stand allein dem Adel zu. Verzweifelt griffen einige Bauern zur Selbsthilfe: schossen das Wild auf ihren Feldern und verweigerten in einigen Gebieten sogar den gerichtlichen Gehorsam sowie die Ableistung der Frondienste.

Aufgeschreckt ließ Kurfürst Friedrich August III. nun in allen Regionen seines Landes, so auch in Finsterwalde, Amtsleute, Gerichtsbehörden und Bürgermeister anweisen, solche Unruheherde aufzuspüren, anzuzeigen und die Untertanen ausdrücklich zu warnen, sich an den Unbotmäßigkeiten zu beteiligen. Ein entsprechendes Dekret musste nach den Gottesdiensten in allen Kirchen des Kurfürstentums verlesen und seine Druckfassung öffentlich ausgehangen werden. In Finsterwalde waren dazu das Rathaus und die beiden Stadttore ausersehen.

Was dort den Bürgern verkündet wurde, hatte mit der sprichwörtlichen sächsischen Gemütlichkeit nichts gemein. Zunächst zeigte sich der Kurfürst enttäuscht, weil seine Landeskinder die „Landesväterlichen Absichten“ „auf Beförderung der Wohlfahrt“ nicht erkannt und nicht durch Wohlverhalten belohnt hätten. Ja, er musste sogar „höchst betrüblich“ vernehmen, dass gegen die von „Gottes Gnaden“ gegebene Herrschaft auf  „höchstverpönte, aufrührerische Art“ und sogar mit Gewalt opponiert wurde. Dagegen half wohl nur die nackte Drohung:  „Um aber Unsere gehorsamen Unterthanen deren bisher bezeigte unwandelbare Treue gegen die Obrigkeiten Uns zu besonderem gnädigsten Wohlgefallen gereichet, vor ähnlichen frevelhaften Beginnen zu warnen, und die in Empörung begriffenen von ihrem ferneren Beginnen abzuschrecken; thun Wir hiermit jedermänniglich kund und zu wissen, daß vom Dato (26. August 1790) dieser Unserer Verordnung an, alle diejenigen, welche entweder neue Empörungen verhängen, oder die bereits verhangenen fortsetzen, die Leistung derer ihren Gerichtsherrschaften schuldigen- in ungezweifelter Observanz beruhenden Dienste sich entbrechen oder die Ausübung wohlhergebrachter Huthungs- und anderer Befugnisse stören, oder sonst auf irgend einige Weise ihren Gerichts-Obrigkeiten den ihnen und ihren Anordnungen schuldigen Gehorsam zu entziehen sich erdreusten, zu ihrer Schuldigkeit auf das strengste anzuhalten, diejenigen aber, so sich denen zu diesem Endzwecke vorzukehrenden Masregeln mit Thathandlungen widersetzen, es sey Tumult und Auflauf, geschehe es auch nur aus bloßer Neugierde, sich einfinden, und auf geschehenes Ermahnen und Zurufen sich nicht sogleich nach Hause begeben, oder gar als Urheber und Anstifter der Empörung sich verdächtig machen, mit militärischer Gewalt, sollte es auch mit Verletzung ihres Leibes oder Verlust ihres Lebens geschehen müssen, dazu gebracht, oder diejenigen, so bey solcher Gelegenheit ergriffen werden, … ohne allen weiteren Proceß auf den Vestungsbau, oder in die Zucht- und Arbeitshäuser (…) gebracht werden sollen.“

Militäreinsatz gegen rebellische Bauern in der Sächsischen Schweiz. Abbildung entnommen: Geschichte der frühbürgerlichen Revolution in Deutschland (1974).
Militäreinsatz gegen rebellische Bauern in der Sächsischen Schweiz. Abbildung entnommen: Geschichte der frühbürgerlichen Revolution in Deutschland (1974). FOTO: Rainer Ernst

Neben der Drohung wusste die Obrigkeit schon 1790, andere probate Herrschaftsinstrumente zu nutzen: Verrat und Geldgier: 100 Thaler wurden denjenigen als Belohnung versprochen, die „Rädelsführer und Aufwiegler“ denunzierten.

Gönnerhaft versprach der Kurfürst aber am Ende seines Dekrets, die „gerechten Klagen“ der Untertanen ernstlich in Bedacht zu nehmen und bei „Billigkeit“ auch deren Ursachen zu beheben.

Zitate aus: Stadtarchiv Finsterwalde, Rep. 8., Nr. 132,