| 19:16 Uhr

Gegen das Vergessen
„Danke, das gibt Hoffnung“

Etwa 200 Besucher verfolgten im „Weltspiegel“ den Dokumentarfilm „Wir sind Juden aus Breslau“.
Etwa 200 Besucher verfolgten im „Weltspiegel“ den Dokumentarfilm „Wir sind Juden aus Breslau“. FOTO: Jürgen Weser
Finsterwalde. Ein Dokumentarfilm lockt fast 200 Besucher ins Finsterwalder Kino. Das ist ungewöhnlich. Von Jürgen Weser

Fast 200 Zuschauer erlebten in dieser Woche „Wir sind Juden aus Breslau“ im „Weltspiegel“. Viele Bürger der Stadt und Umgebung sowie Schüler aus mehreren Schulen ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, den preisgekrönten Kino-Dokumentarfilm zu erleben und mit Regisseur Dirk Szuszies ins Gespräch zu kommen.

„Deutschland ist noch nicht verloren“, blickte Szuszies erfreut in den Zuschauerraum. Nicht überall werden er und seine Regiepartnerin Karin Kaper so mit offenen Armen empfangen wie in Finsterwalde auch dank Unterstützung von Kino-Chef Torsten Siegert, erzählt Szuszies im Gespräch. Das ist kein Wunder, denn der Film mit 14 jüdischen Zeitzeugen, die zwischen 1921 und 1934 geboren wurden und im damaligen Breslau ihre Jugend verbrachten, ist ein aufrüttelndes Dokument. Die Brisanz  besteht darin, dass die Filmemacher mit einigen Überlebenden des Holocaust, die über die Welt verstreut leben, in das heutige Wroclaw zurückkehrten, dort mit Jugendlichen in einen Dialog kamen, während der Streifen gleichzeitig die antisemitische Welle von 2015 in Wroclaw zeigt.

Die 1933 „deutscheste Stadt Breslau“, wie es im Film heißt, beherbergte 1933 auch die drittgrößte jüdische Gemeinde in Deutschland. Heute ist in der Stadt kaum Platz für jüdisches Gedenken. Der Film weckt mit verschiedenen Lebensschicksalen der Zeitzeugen Verständnis für ganz unterschiedliches jüdisches Leben. Er zeigt die Schicksale der Familien in Konzentrationslagern und Umstände für das Überleben, stellt liberale und konservative Juden vor, benennt Konflikte zwischen deutschen Juden und Ostjuden und zeigt das Gemeinschaftsleben in den Kibbuzen der Nachkriegsjahre. Er macht heutige israelische Politik verständlich. aber scheut sich auch nicht vor Kritik am Handeln des israelischen Staates. Stark ist, dass der Film niemanden schont, die Filmemacher nur die Zeitzeugen zu Wort kommen lassen und sich selbst jeden Kommentars enthalten.

Mutig zeigt der Film die heutige nationalistische Entwicklung mit ihren fremdenfeindlichen Tendenzen mit eindrucksvollem Bildmaterial auch aus Wroclaw, weshalb es in Polen zunächst schwierig war, mit manchen Institutionen über den Film ins Gespräch zu kommen, wie Dirk Szuszies berichtete. Zunächst von drei großen Filmfestivals abgelehnt, hat sich die Dokumentation als reine Kinoproduktion inzwischen durchgesetzt, den Deutsch-Polnischen Kulturpreis Schlesien 2017 und die Ehrenmedaille der Europäischen Kulturhauptstadt Wroclaw erhalten.

Die Anspannung und das emotionale Mitgehen waren während der Aufführung im Finsterwalder Kinosaal spürbar. Noch im Bann des Gesehenen fiel es den meisten Besuchern schwer, ins Gespräch mit Dirk Szuczies zu kommen. Wie die Idee zum Film entstanden sei, wollte der Finsterwalder Bernd Heidenreich wissen. Wie man sich bei den Dreh­arbeiten gefühlt habe, ob es auch Anfeindungen gab, wie es war, mit dem Filmteam in jüdische Familien „einzudringen“, ob es einen weiteren Film in Folge geben wird, waren weitere Fragen.

„Ich bedanke mich beim Filmteam“, sprach Altpfarrer Klaus Geese vielen Besuchern im Kinosaal aus der Seele. „Ich bedanke mich auch bei den vielen Jugendlichen im Saal, die so aufmerksam dem Film gefolgt sind. Ihr seid super, das gibt Hoffnung.“ Beeindruckt vom Gesehenen waren  auch die Massener Oberschülerinnen Eileen Preg und Jessica Zehring. „Wir werden im Unterricht bestimmt noch darüber sprechen.“ Der ehemalige Museumsleiter Dr. Rainer Ernst bestätigte tags darauf beim zufälligen Marktgespräch mit Regisseur Dirk Szuszies, bevor dieser zur nächsten Vorführung nach Bautzen abreiste, dass er den Film „für sehr wichtig hält“.  „Wir sind Juden aus Breslau“ kann auch als CD bestellt werden.

Regisseur Dirk Szuszies im Gespräch mit den Zuschauern.
Regisseur Dirk Szuszies im Gespräch mit den Zuschauern. FOTO: Jürgen Weser