| 17:25 Uhr

Ein Dorf diskutiert über den Kultur-Standort
„Ein Lottogewinn für Crinitz“

Der Crinitzer Bürgermeister Horst Hofmann (2.v.r.) erläutert zahlreichen Besuchern, wie aus dem alten Kulturhaus ein neues Gemeindezentrum werden könnte. 120 Crinitzer sprachen sich am Sonnabend mit ihrer Unterschrift für ein neues Gemeindezentrum im alten Kulturhaus aus.
Der Crinitzer Bürgermeister Horst Hofmann (2.v.r.) erläutert zahlreichen Besuchern, wie aus dem alten Kulturhaus ein neues Gemeindezentrum werden könnte. 120 Crinitzer sprachen sich am Sonnabend mit ihrer Unterschrift für ein neues Gemeindezentrum im alten Kulturhaus aus. FOTO: Dieter Babbe / LR
Crinitz. Ein neues Gemeindezentrum soll dort entstehen, wo einst Karat und die Puhdys spielten. Besucher drängeln sich bei der Vorstellung des Projektes im alten Kulturhaus. Von Babbe

Mindestens zwei Dinge gibt es in der Töpfergemeinde Crinitz, die es woanders so nicht gibt: Das Dorf hat immerhin 1300 Einwohner – aber keine Gaststätte mehr und auch kein Bürgerhaus zum Tagen und Feiern. Dafür amtiert hier der mit 82 Jahren wohl älteste Ortsbürgermeister im Elbe-Elster-Kreis – nach wie vor ein agiler Mann voller Ideen und Elan. Am vergangenen Sonnabend erst brachte Horst Hofmann, seit einem Vierteljahrhundert Bürgermeister in Crinitz, wieder mindestens 140 Leute auf die Beine.

Es herrscht ein Kommen und Gehen im früheren Kulturhaus vom ehemaligen Crinitzer Steinzeugwerk, wohin der Bürgermeister – auf Anregung des Grundstücksbesitzers - vier Stunden lang zur Besichtigung eingeladen hat. Zeitweise bildet sich sogar eine wartende Menschenschlange vor den Unterschriftenlisten: Die Crinitzer können wählen, wo ihr neuer Bürgertreff entstehen soll – entweder in der früheren Töpferei Matthias, die manche im Dorf favorisieren, oder hier auf dem früheren Werksgelände, wo einst mehr als 250 Leute, viele Crinitzer darunter, ihre Arbeit hatten.

Für den Bürgermeister ist die Antwort längst klar: „Das Kulturhaus ist der ideale Standort für ein Bürgerzentrum“ – und Hofmann spricht sogar von einem „Lottogewinn für unsere Gemeinde“. Durch einen ausgehandelten Deal mit dem jetzigen Grundstückseigentümer bekäme Crinitz das Kulturhaus praktisch zum Nulltarif. Und er argumentiert: In den Saal, der durch eine Schiebetür noch vergrößert werden kann, passen mehr als 400 Leute. Toiletten und eine Küche sind bereits vorhanden und in einem guten Zustand, wie die Bausubstanz insgesamt. „Natürlich sind die Heizung und die Fenster zu erneuern, 100 000 Euro müssen wir sicher in die Hand nehmen und ins Haus stecken“, nennt Hofmann eine Summe – „aber keinen Millionenbetrag, der uns beim Ausbau der alten Töpferei blühen würde“.

Bei vielen Besuchern werden beim Rundgang durch das alte Kulturhaus Erinnerungen wieder wach – wie bei Jürgen Poreschack. „Ich habe von 1973 bis 1987 im Betrieb als Hebezeug- und Staplerfahrer gearbeitet. Der Saal war unser Speiseraum, schön, wenn der jetzt wieder genutzt wird“, freut sich der heute 74-Jährige. Und Monika Steinigk wird die 70er Jahre nicht vergessen: „Ich war damals im Crinitzer Jugendklub aktiv, der wegen der Konzerte in der Region einen guten Ruf hatte. Der Saal war brechend voll, als hier sogar die Puhdys und Karat gespielt haben“, zeigt die Frau in Richtung der nicht mehr vorhandenen Bühne, wo die bekannten Musiker standen. Und auch Marga Mattuschka freut sich schon auf den Tag, wenn hier das neue Bürgerhaus öffnet. „Es wäre hier zu weit abgelegen im Dorf, wie Kritiker behaupten, ist doch nicht richtig. Ich habe meinen 80. Geburtstag etliche Kilometer weit im Nachbardorf Babben gefeiert, viele andere Crinitzer müssen zu Familienfeiern nach Bergen oder in andere umliegende Dörfer fahren – da ist das Kulturhaus im Ort vergleichsweise einen Katzensprung entfernt.“

Seit 1912 gibt es das Steinzeugwerk, in dem Blumentöpfe, später auch Rohre und Fußboden- und Fassadenplatten hergestellt wurden. 1998 entstand die Crinitz Baukeramik GmbH, die vor zwei Jahren die Produktion einstellen musste. Während sich in den Werkhallen Unternehmen ansiedeln sollen, ist auf dem Freigelände ein großer Solarpark geplant. Das alte Kulturhaus, in dem zuletzt Steinplatten zugeschnitten wurden, steht seit Langem leer.

Die allermeisten Besucher scheinen sich in Sachen Gemeindezentrum mit Bürgermeister Hofmann einig: Genau 120 Unterschriften stehen am Sonnabendnachmittag auf der Liste mit dem Vorschlag Kulturhaus, ein leeres Blatt Papier bleibt dagegen die Unterschriftenliste mit dem Vorschlag alte Töpferei. Am 12. März soll in der Gemeindevertretersitzung nach jahrelanger Diskussion etlicher Varianten endlich entschieden werden, wo das neue Crinitzer Gemeindezentrum entstehen soll. Horst Hofmann hat sich jedenfalls schon mal fest vorgenommen, in drei Jahren im Kulturhaus ganz groß seinen 85. Geburtstag zu feiern. Möglicherweise dann als der älteste Bürgermeister weit und breit: Denn der rüstige Senior schließt nicht aus, bei der Kommunalwahl im nächsten Jahr noch einmal zu kandidieren – „zumindest als Gemeindevertreter, sofern bis dahin meine Gesundheit mitspielt“.