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| 19:30 Uhr

Ein Problem für Sehschwache
Busfahrer, bitte laut sprechen!

Jürgen Lehmann ist viel mit Bus und Bahn, dazwischen mit seinem zusammenklappbaren Fahrrad, unterwegs.
Jürgen Lehmann ist viel mit Bus und Bahn, dazwischen mit seinem zusammenklappbaren Fahrrad, unterwegs. FOTO: Dieter Babbe
Finsterwalde/Herzberg . Deutliches Sprechen wünschen sich nicht nur Schwerhörige, sondern auch viele Blinde und Sehbehinderte, deren Selbsthilfegruppe Geburtstag feiert. Von Dieter Babbe

Schlecht gesehen hat Jürgen Lehmann schon von Geburt an. Dennoch konnte der gebürtige Jessener lange ein völlig „normales“ Leben führen. Bis sich seine Sehkraft plötzlich so verschlechterte, dass er nicht mehr arbeiten konnte. Inzwischen hat der Herzberger gelernt, sein neues Leben zu meistern – und er hilft sogar anderen Blinden und Sehschwachen dabei. Eine ganz besondere Gruppe, die jetzt ein kleines Jubiläum feiert.

Gelernt hat er Koch, doch beruflich tätig war er viele Jahre in einer Dreherei. Als dann die Wende kam musste Jürgen Lehmann umschulen, wurde Hausmeister in Kitas und in anderen Einrichtungen und arbeitete in einem Futtermittelwerk. Mit seinem Handicap beim Sehen kam er gut zurecht – er kannte es ja nicht anders. Mit dem linken Auge kann er nur hell und dunkel unterscheiden, das rechte Auge ist stark kurzsichtig. Doch eine Kontaktlinse half lange, die Sehschärfe gut einzustellen. Doch plötzlich verkrümmte sich auf diesem noch sehenden Augen die Hornhaut – die Sehkraft ging von 90 auf nur noch 40 Prozent zurück. Der Augenarzt riet Jürgen Lehmann dringend, auf die Kontaktlinse zu verzichten, sonst werde er völlig blind.

Jürgen Lehmann konnte nicht mehr arbeiten, wurde zum Rentner – und was für ihn das Schlimmste war: „Ich musste mein Auto mit 50 Jahren stehen lassen!“ Dass er dermaßen stark in seiner Bewegung eingeschränkt und insbesondere auf die Hilfe seiner Frau angewiesen war, musste der heute 60-Jährige erst seelisch verkraften. Und seine Frau war es dann auch, die ihm eine Brücke baute. „Sie kam zu meinem 50. Geburtstag auf die Idee: Lass dir statt Blumen lieber Geld schenken – und das spendest du für einen guten Zweck.“

So bekam Jürgen Lehmann Kontakt zur Bezirksgruppe des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes in Finsterwalde. Wo er nicht nur das Geburtstagsgeld übergab, sondern sogar als Mitglied „hängen“ blieb. Als man hier bei der nächsten Wahl einen neuen Vorsitzenden gesucht hat, stimmten alle für Jürgen Lehmann.

Fortan hat der stark sehgeschädigte Mann eine Aufgabe gefunden, die ihn voll ausfüllt. Bis zu zehn Mal im Jahr trifft sich die etwa 25 Mitglieder zählende Gruppe in Finsterwalde, meist in der Hertha-Klause im Süden der Sängerstadt. „Hier hören wir Vorträge zum Beispiel von den Johannitern, wie der Hausnotruf funktioniert, eine Apothekerin erklärt, wie wir selbst Tropfen in die Augen träufeln, eine Physiotherapeutin macht mit uns Sport im Sitzen oder Stehen am Tisch.“ In der Gruppe hilft man sich auch, um erfolgreich im Behördendschungel klar zu kommen, damit Anträge auf Unterstützung richtig gestellt und auch genehmigt werden. Wer noch gut sehen kann, begleitet andere, die es nicht mehr alleine schaffen, beim Arztbesuch. Bei Fahrten und Ausflügen, wie zum Senftenberger See oder in den Kleinen Spreewald, kommt auch die Geselligkeit nicht zur kurz. „Das ist ganz wichtig für Blinde und Sehschwache, die sich oft in ihre vier Wände zurückziehen. Blinde und Sehschwache sieht man in der Öffentlichkeit oft nicht“, erklärt Jürgen Lehmann.

An seinem Engagement hat sich auch nichts geändert, als die Bezirksgruppe vor Jahren aus dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband ausgetreten ist. „Unsere Mitglieder waren unzufrieden: Wir haben uns nicht mehr ausreichend vertreten gefühlt“, sagt der Sprecher der „offenen unabhängigen Selbsthilfegruppe für Menschen mit Augenleiden, für blinde und sehbehinderte Menschen sowie Angehörige“, wie man sich fortan nannte – und Jürgen Lehmann wurde zu ihrem Sprecher. „Freilich, sprechen gehört auch zu meiner Aufgabe“, erzählt er – und davon, wie er jüngst erst Kontakt zur Elster-Nahverkehrsgesellschaft gesucht hat. „Wenn Blinde und Seh-, und übrigens auch Hörgeschädigte, mit dem Bus fahren, dann ist für sie eine deutliche akustische Haltestellenansage durch den Fahrer ganz wichtig, damit sie an der richtigen Stelle aussteigen. Das vermisse ich sehr oft in den Bussen.“

Apropos Bus. Jürgen Lehmann ist heute wieder so mobil wie früher – auch ohne sein Auto. „Ich benutze viel die Nahverkehrsmittel Bus und Bahn – und dazwischen mein Handgepäck“, verweist der 60-Jährige schmunzelnd auf sein zusammenklappbares Fahrrad. Damit ist er nahezu täglich unterwegs, besucht Gruppenmitglieder zwischen Finsterwalde und Herzberg, wenn sie Geburtstag haben – oder organisiert, wie dieser Tage erst, eine ganz besondere Geburtstagsfeier.

Am 25. Juli trifft man sich um 15 Uhr in der Schacksdorfer Gaststätte Zierenberg, um das 5. Jubiläum der Selbsthilfegruppe zu feiern. Für Jürgen Lehmann ist das eine gute Gelegenheit, auf die besondere Gruppe aufmerksam zu machen. „Denn Blinde und sehbehinderte Menschen werden in Deutschland nicht gezählt, man ist nur auf Vermutungen angewiesen“, bedauert auch der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband. Der schätzt, dass es in der Bundesrepublik 1,1 Millionen Betroffene gibt, für den Elbe-Elster-Kreis wären das dann weit über 1000 Menschen. Einige von ihnen würde der Sprecher in seiner Gruppe, in der der Altersdurchschnitt bei mehr als 75 Jahren liegt, schon gerne bei den regelmäßigen Treffs begrüßen. Schließlich will man auch nach außen stark sein und auftreten. „Brandenburg hat in diesem Jahr zwar das Blindengeld um 26,60 auf jetzt 345,80 Euro im Monat erhöht, zahlt aber mit das geringste Blindengeld im Vergleich zu anderen Bundesländern. Mit dem Geld sollen die Betroffenen die Nachteile ihrer Behinderung ausgleichen können“, sagt Jürgen Lehmann – und verweist darauf: Als blind zählen erst Menschen, die nicht mehr als zwei Prozent der normalen Sehschärfe besitzen.

Übrigens, dass man trotz Blindheit Freude am Leben haben kann, dafür steht auch Christa Groth aus Finsterwalde. Seit ihrem 51. Lebensjahr völlig erblindet, gehört die heute 76-Jährige von Anfang an zur Selbsthilfegruppe. Bei der Schacksdorfer Geburtstagsrunde wird sie ein kleines Programm mit eigenen Texten und Gedichten vortragen.

Wer Kontakt zur Selbsthilfegruppe sucht, ihr Sprecher Jürgen Lehmann ist in der Herzberger Feldstraße 14a zu erreichen. Telefonisch: 03535 408407, Fax: 03535 408457, E-Mail: info.shg-fiwa@gmx.de