| 18:27 Uhr

5 Minuten Heimatgeschichte
Bürgerrecht und Bürgerpflicht

Eideshandlung im Mittelalter, Sachsenspiegel, Inselreihe 347 (1933).
Eideshandlung im Mittelalter, Sachsenspiegel, Inselreihe 347 (1933). FOTO: Rainer Ernst
Finsterwalde. Städte leben vom Fleiß, vom Können und vom Engagement ihrer Bürger, aber nicht jeder, der in einer Stadt lebte, durfte sich bis weit in das 19. Jahrhundert hinein Bürger nennen. Von Dr. Rainer Ernst

Das Bürgerrecht war ein juristischer Titel, der längst nicht allen Einwohnern einer Stadt gebührte. Bürger und Einwohner bildeten also keine synonymen Begriffe. Für statistische Angaben der Gesamtheit aller in einer Stadt lebenden Personen wurde deshalb bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die Seelenzahl angegeben. Dazu gehörten natürlich die Bürger, aber auch deren Frauen und Kinder, die formal kein Bürgerrecht besaßen, und die Nichtbürger, die in den historischen Quellen als Insassen, Inwohner, auch Beisassen, Hintersassen oder Schutzverwandte bezeichnet werden. So gab es 1846 in Finsterwalde bei einer Seelenzahl von 5073 lediglich 491 Bürger.

Als in Finsterwalde, das ja bis 1815 zum Königreich Sachsen gehörte,  im Jahre 1833 die revidierte preußische Städteordnung eingeführt wurde, erfolgte auch eine Modifizierung des Bürgerrechts, das nicht zuletzt darauf abzielte, den Bürgern eine „angemessene Theilnahme an der Verwaltung des Stadtwesens“ zu ermöglichen und dadurch deren „Sinn und Eifer für das gemeinsame Wohl ihrer Stadt zu erhöhen“. Allerdings blieben bei diesem hehren Ansinnen die meisten Einwohner nur Zaungäste. Denn das Bürgerrecht durfte nur erhalten, wer im Stadtgebiet über Grundeigentum von wenigstens 300 Reichstalern (Rst.) verfügte oder ein örtliches Gewerbe mit einem jährlichen Nettoeinkommen von 200 Rst. betrieb. Daneben durften auch diejenigen das Bürgerrecht erlangen, die aus anderen Quellen ein jährliches Einkommen von 400 Rst. nachweisen konnten und wenigstens zwei Jahre in der Stadt gewohnt hatten. Für diese Bevölkerungsschicht galt das Bürgerrecht als Pflicht. Einige  wohlhabende Finsterwalder scheuten offenbar, das Bürgerrechtsgeld zu zahlen. Dessen Höhe schwankte im Laufe der Jahre, überdies galten für in der Stadt Geborene und für Neuhinzuziehende unterschiedliche Sätze.

Neu in Finsterwalde war auch ein Dr. Burdach. Die Stadtverordneten und der Magistrat forderten ihn, nachdem sie sich über die Vermögensverhältnisse des 1797 in Lieberose geborenen Mediziners erkundigt hatten, auf , das Bürgerrecht zu erwerben und das damit verbundene Bürgerrechtsgeld zu entrichten. Burdach kam dieser Aufforderung umgehend nach und legte am 18. Mai 1838 im Rathaus den Bürgereid ab: „Ich Christian August Burdach schwöre zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, daß Sr. König. Majestät von Preußen, meinem allerhöchsten Herrn, ich unterthänig, treu und gehorsam sein, meinen Vorgesetzten willige Folge leisten, meine Pflichten als Bürger gewissenhaft erfüllen und zum Wohl des Staates und der Gemeine, zu der ich gehöre, nach allen meinen Kräften mitwirken will. So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum zur ewigen Seeligkeit. Amen.“ Nach der Eideshandlung erhielt Burdach „in der üblichen Feierlichkeit“  bei Anwesenheit der Magistratsmitglieder den Bürgerbrief ausgehändigt. Darin hieß es, dass ihm nun alle „Rechte und Wohlthaten, welche einem Finsterwalder Bürger zustehen“, theilhaftig würden und dass er, solange er sich der Bürgerrechte nicht als unwürdig zeigte, durch die Kommune „gegen Jedermann kräftigst“ geschützt wird. Nun konnte Dr. Burdach, der in Finsterwalde als Arzt wirkte, das wohl wichtigste Bürgerrecht in Anspruch nehmen:  Er durfte an der Wahl für die städtischen Gremien teilnehmen und sich sogar von den anderen Bürgern in diese Körperschaften wählen lassen.

(Hauptquellen: Stadtarchiv Finsterwalde, Rep. 8, Nr. 31 u. 32, Kreisarchiv, Bestand Finsterwalde, Nr. 888 u. 891)