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Bergen-Belsen – wo das Grauen seinen Anfang nahm

Die 6. Klasse der Evangelischen Grundschule Tröbitz in Bergen-Belsen mit Religionslehrer Thomas Deffke (r.).
Die 6. Klasse der Evangelischen Grundschule Tröbitz in Bergen-Belsen mit Religionslehrer Thomas Deffke (r.). FOTO: Lehmann
Tröbitz/Bergen-Belsen. 1945 wurden in Tröbitz mehr als 2000 jüdische Häftlinge aus dem "Verlorenen Transport" in den Häusern aufgenommen, gepflegt und versorgt. 70 Jahre später haben Tröbitzer Einwohner und Schüler den Ort aufgesucht, wo der Zug seinen Ausgangspunkt hatte – Bergen-Belsen. Heike Lehmann

Die Idee für diese Fahrt in die Gedenkstätte Bergen-Belsen (Niedersachsen) hatte Bürgermeister Holger Gantke. Wenige Tage nach der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung des "Verlorenen Transports" machen sich am Dienstag mehr als 40 Einwohner und Schüler der Evangelischen Grundschule auf, um jenen Ort kennenzulernen, wo das Grauen seinen Anfang nahm. Im Bus sitzen Gemeindevertreter, Senioren, die die Zeit mit den Juden im Dorf als Kinder miterlebt hatten, Männer und Frauen, die sie nur aus den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern kennen. Die mitgereisten Schüler und Lehrer betreuen die Ausstellung der Gemeinde in ihrer Schule und haben die Gedenkfeier am 23. April mitgestaltet.

Als alle vor dem Modell stehen, das ihnen eine Vorstellung von der Größe des einstigen Kriegsgefangenen- und späteren "Aufenthaltslagers" speziell für jüdische Austauschhäftlinge vermittelt, dämpfen sie automatisch ihre Stimmen. Dr. Thomas Rahe, wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, zollt ihnen Lob für den Umgang mit ihrer speziellen Geschichte um den "Verlorenen Transport". Es war einer von drei Räumungstransporten mit je 2500 Austauschjuden, die kurz vor Kriegsende Richtung Theresienstadt geschickt wurden. Rahe beeindruckt mit Fakten: Als das KZ Bergen-Belsen am 15. April 1945 befreit wurde, waren unter den rund 55 000 Häftlingen noch etwa 25 000 Juden. "Ein Drittel aller Juden, die zu der Zeit noch im Reichsgebiet lebten", so Rahe. Bergen-Belsen wurde zunächst als Kriegsgefangenenlager genutzt - erst ab 1943 für Juden, die gegen im Ausland internierte Deutsche ausgetauscht werden sollten. "Es war von Beginn an ein Familienlager mit zahlreichen Kindern", so Rahe. Bekanntestes Opfer ist Anne Frank.

Die Tröbitzer Schüler erschließen sich die Lagergeschichte dann auf kindgerechte Weise anhand des Schicksals eines zehnjährigen Kindes. "Sie sind sehr interessiert und wissen Dinge, die Zwölfjährige eigentlich noch nicht wissen", lobt Susanne Seitz, die betreuende Lehrerin von Bergen-Belsen, hinterher.

Nach heutigem Wissen haben 52 000 Menschen in Bergen-Belsen ihr Leben verloren, darunter 20 000 sowjetische Kriegsgefangene. Noch einmal 13 000 Menschen starben in den ersten vier Wochen nach der Befreiung. Das erfahren die erwachsenen Tröbitzer von Dr. Ulrike Bartels. Sie führt über das Gelände, wo von den Baracken bis auf wenige Fundamente nichts mehr zu sehen ist. Umso eindringlicher schildert sie den Lageralltag, geprägt von Schikanen, Qualen, fehlender Hygiene und grassierenden Krankheiten.

In der Ausstellung der Gedenkstätte - 2007 erst eingeweiht - finden die Tröbitzer viele Anknüpfungspunkte zur eigenen Geschichte. Werner Mann war 1945 zehn Jahre alt und später Bürgermeister im Dorf. Bei den Medienstationen stößt er auf Sonni Schey. Über Kopfhörer hört er andächtig zu. Sonny wurde in Tröbitz befreit. "Sie hat dann bei uns das Kinderlager in der Schildaer Straße geleitet", sagt Werner Mann, der bis heute Kontakt zu ihr hat.