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| 18:15 Uhr

VI. Niederlausitzer Böllertreffen
Bemerkenswerte (laute) Traditionspflege

VI. Niederlausitzer Böllertreffen FOTO: Jana Zadow-Dorr
Doberlug-Kirchhain. Im ehemaligen Schwimmbad im Stadtteil Kirchhain hatten sie Samstagnachmittag das Sagen: die „Schwarze Barbara“, „Ilse“ oder „Hüdra“. Von Jana Zadow-Dorr

Mit Kanonen und Standböllern kamen Schützenvereine aus Mühlberg, Uebigau, Doberlug, Kirchhain, Massen, Sonnewalde, Luckau, Boblitz und Peitz zum VI. Niederlausitzer Böllertreffen angereist. Für diese „sehr bemerkenswerte Traditionspflege“, wie Landrat Christian Heinrich-Jaschinski das Böllertreffen in seiner Begrüßungsrede benannte, übernahm er als Landrat gern die Schirmherrschaft. Ihm liege es insbesondere am Herzen, junge Leute für dieses sportliche und zugleich geschichtsbewahrende Hobby zu begeistern.

Das sechste Niederlausitzer Böllertreffen und das gesamte Festprogramm aus Anlass des 300. Jubiläums der Privilegierten Schützengilde 1718 Kirchhain NL e.V. zogen auf jeden Fall Jung und Alt in ihren weit hörbaren Bann, angefangen bei den einzelnen Mitgliedern der Schützenvereine bis hin zu den reichlichen Besuchern. Der Schützenverein mit der weitesten Anreise kam dabei aus Oldenburg in Niedersachsen.

Horst und Sylvia Töpritz mit dem Nachbau eines französischen Modells.
Horst und Sylvia Töpritz mit dem Nachbau eines französischen Modells. FOTO: Jana Zadow-Dorr

Insgesamt 21 Standböller unterschiedlichster Bauweisen standen in Reih und Glied bereit für das „Böllern“ – wobei das Schießpulver mit einem Korken verdämmt wird und letztendlich „nur“ heiße Luft den Rohren entweicht. Mit sechs Standböllern reiste die Königlich privilegierte Schützen-Gilde Mühlberg/Elbe e.V. an. Günter Jahn gehört dabei der 20 Jahre alte Standböller „Mühlberg“, nachgebaut nach einem Modell aus dem Jahre 1854, gegossen in Gröditz. „Ich habe den Standböller inzwischen meiner Tochter Dana weitergegeben und übernehme nur noch das Schießen, wenn sie verhindert ist. Wir möchten damit dieses Brauchtum der Schützengilden aufrechterhalten. Deshalb organisierten wir Mühlberger 2004 auch das erste brandenburgische Landesböllertreffen“, erzählt Günter Jahn, während er mit letzten Handgriffen den Standböller für das Salutschießen bereit stellt. Die achte brandenburgische Meisterschaft im Böllerschießen findet demnächst in Neuzelle statt.

Günter Jahn mit seinem Standböller.
Günter Jahn mit seinem Standböller. FOTO: Jana Zadow-Dorr

Neben den Standböllern gehörten auch sieben Kanonen zum Böllertreffen. Jede hat ihre eigene, zum Teil faszinierende Geschichte. Geschichten, die vom Moderator des Böllertreffens Bernd Rogge vor dem Salutschießen dem Publikum erzählt und die auch gern von den Besitzern neugierigen Besuchern mit weiteren Details serviert werden. Zwei von ihnen sind Horst und Sylvia Töpritz vom Schießklub „Weidmannsheil“ Massen, die neben ihrem Enthusiasmus eine Kanone und drei Flaggen mitbrachten: „Eine Flagge für die Niederlausitz, eine für unser Amt Kleine Elster und die sächsische Flagge für unsere Kanone.“ Diese sei zwar der Nachbau eines französischen Modells von 1813, jedoch in Sachsen mit einem Kaliber von 22 mm gegossen. Beide sind begeisterte Mitglieder des Schützenvereins: Sylvia Töpritz verteidigte in diesem Jahr gerade zum siebenten Mal den Titel der Amtsschützenkönigin, Horst gehört zu den Begründern des Niederlausitzer Böllertreffens, welches 2007 in Finsterwalde erstmals stattfand.

Fast einem Krimi gleich ist die Geschichte einer etwa 1872 gebauten Hochzeitskanone: Sicher schon im Krieg, aber auch über die Jahre bis zur Wende war sie im Zwischenboden der Boblitzer Dorfschmiede versteckt. Ihre Entdeckung erfolgte zufällig, die Finder übergaben sie dem Schützenverein. Die Hochzeitskanone kommt somit nun zu Treffen wie diesem oder eben bei Hochzeiten und anderen festlichen Anlässen zum Saluteschießen zum Einsatz.

Der einzige ohne Verein, dennoch amtlich zugelassener Kanonier ist Hartmut Brechtel aus Schönborn. Er brachte seine „Hüdra“ in Stellung, die vor zehn Jahren von ihm selbst erbaut worden ist. Da er das Kanonenrohr mit einem Hydranten ummantelte, entstand der eigenwillige Name der Kanone mit einem Kaliber von 50 mm.

Die Ehre des ersten Schusses beim Böllertreffen hatten selbstverständlich die Kirchhainer Gastgeber, deren Kanone mit 90 mm Kaliber zugleich die größte Vertreterin ihrer Zunft war. Der Vorsitzende Günter Voigt erzählt: „Der Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen schenkte 1878 der Gilde diese ehemalige Festungskanone aus Danzig – mit der Maßgabe, diese zu Salutschüssen beim Königsschießen und bei anderen Festlichkeiten zu nutzen.“

Der Verein achtete im Übrigen akribisch darauf, dass sowohl alle Standböller als auch die Kanonen „amtlich beschossen“ waren, also den Tüv für Geschosse hatten. Und dass alle Schützen die Berechtigung zum Bedienen der Böller und Kanonen vorweisen konnten. Bestimmte Regularien sind einzuhalten, um die Sicherheit der Schützen und Besucher zu gewährleisten.

Der Dank des Vereines ging dabei auch an die Stadt Doberlug-Kirchhain sowie die Freiwillige Feuerwehr Kirchhain, die materiell und finanziell das Niederlausitzer Böllertreffen unterstützt haben.

VI. Niederlausitzer Böllertreffen FOTO: Jana Zadow-Dorr