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| 16:43 Uhr

Natur in der Bergbaufolgelandschaft
Neues Leben auf kargem Land

Die Experten Ingmar Landeck (l.) und Dr. Christian Hildmann gehören zum großen Kreis der Buchautoren. An der hochwertigen Publikation wurde seit dem Jahr 2015 gearbeitet. Beschrieben sind Arten und Lebensräume im Lausitzer und im Mitteldeutschen Revier.
Die Experten Ingmar Landeck (l.) und Dr. Christian Hildmann gehören zum großen Kreis der Buchautoren. An der hochwertigen Publikation wurde seit dem Jahr 2015 gearbeitet. Beschrieben sind Arten und Lebensräume im Lausitzer und im Mitteldeutschen Revier. FOTO: Richter-Zippack
Finsterwalde/Lauchhammer. Der Biologe Ingmar Landeck aus Finsterwalde hat verschollen geglaubte Arten entdeckt. Von Torsten Richter-Zippack

Ein nur gut einen Zentimeter großer Geselle lebt verborgen im Röhricht des Grünewalder Lauchs, einem früheren Braunkohletagebau bei Lauchhammer. Länger als 40 Jahre wird der saure See als Badegewässer genutzt. Einen Steinwurf vom Strand entfernt zieht der Lappländische Gelbrandkäfer seine Bahnen. Die Art gilt in Brandenburg als extrem selten und ist hier zuvor nur zweimal nachgewiesen worden. Der Finsterwalder Biologe Ingmar Landeck vom Forschungsinstitut für Bergbaufolgelandschaften (FIB) hat den Käfer mit der braunen Flügeldecke und der namensgebenden gelben Umrandung ausgerechnet in der gefluteten Grube des Tagebaus Plessa-Lauch aufgespürt. „Es handelt sich um eine Art der sauren Moorgewässer“, erklärt Landeck. Die Sensation: Die Käfer leben im Grünewalder Lauch, der kein Moorgewässer, aber sehr wohl sauer ist. Der Finsterwalder Wissenschaftler hat den Dytiscus lapponicus, so die lateinische Bezeichnung des Käfers, erstmals in der Lausitzer Bergbaufolgelandschaft aufgespürt – mit der Wasserfalle eigentlich auf der Suche nach maritimen Lebensgemeinschaften. „Da ist der Lappländische Gelbrandkäfer mit aufgetaucht“, erzählt der Wissenschaftler.

Auch der Gelbbeinige Stachelwasserkäfer steht auf der Liste der Neuentdeckungen des 48-jährigen Biologen. Diese Art hat Ingmar Landeck in einem Kleingewässer im Nordraum des Lausitzer Reviers südlich des Spreewaldes gefunden. Die Freude ist riesig. „Teilweise ist das ein echtes Hochgefühl“, beschreibt Ingmar Landeck die Emotionen des Augenblicks. Sogleich aber erklärt der sympathische Wissenschaftler mit der charakteristischen dunklen Brille, dass das Entdecken neuer Arten eigentlich sein Job ist.

Landecks Forschungsgebiet ist die Bergbaufolgelandschaft des Lausitzer Reviers, insbesondere die Gegend zwischen Finsterwalde und Lauchhammer. Dort haben die Bagger der drei Tagebaue Kleinleipisch, Klettwitz und Klettwitz-Nord in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Land komplett umgegraben. Die Bergleute hinterließen einen äußerst vielgestaltigen, mosaikartigen Landstrich. Die Nährstoff- und Störungsarmut hat in den vergangenen Jahrzehnten einen Lebensraum für Arten hervorgebracht, die in der stark vom Menschen genutzten Kulturlandschaft kaum mehr Platz haben.

Ingmar Landeck ist von Kindesbeinen an mit dieser Gegend verwurzelt. Bereits in seinem Elternhaus, das zwischen Finsterwalde und Pechhütte einsam, dafür mitten im Grünen steht, hat er sich für die Natur interessiert. „Neben bunten Blumen haben mich anfangs vor allem die Tagfalter begeistert“, erzählt der gebürtige Finsterwalder. „Die sehen so farbenprächtig aus“, begründet er. Nach und nach erschloss sich der angehende Wissenschaftler neue Artengruppen, beispielsweise Heuschrecken, holzbewohnende Käfer und Wildbienen. Bereits während seiner Schulzeit durchlief Landeck im Institut für Landschaftsforschung und Naturschutz, dem heutigen Forschungsinstitut für Bergbaufolgelandschaften, ein Praktikum. „Ich durfte die Käfer und Spinnen sortieren“, sagt Landeck.

Nach dem Studium der terrestrischen Ökologie in Halle (Saale) kehrte Ingmar Landeck ans Finsterwalder Institut zurück. Sein erstes Projekt befasste sich mit der erstmaligen Darstellung der enormen biologischen Vielfalt der Bergbaufolgelandschaft. „Damals war nur rudimentär bekannt, was für eine Perle die alten Tagebaue für unzählige Tier- und Pflanzenarten sind“, betont der Wissenschaftler. Heute seien in der Bergbaufolgelandschaft der Lausitz rund 5000 Arten bekannt, in älteren Lehrbüchern sei noch von 3000 die Rede. Gerade die konkurrenzschwächeren Arten finden trotz der oft kargen Verhältnisse ideale Lebensbedingungen, erklärt der Experte. Es gebe genügend Nahrung, kurze Wege und nicht zuletzt ausreichend Ruhe. Etwa 36 Prozent der bundesweit registrierten wasserbewohnenden Käferarten konnten hier nachgewiesen werden. Darunter ist auch der so seltene Lappländische Gelbrandkäfer, den Ingmar Landeck im Grünewalder Lauch entdeckt hat.

Auch die Tierwelt ist bemerkenswert. Der Braune Laubfresser, ein Regenwurm, der geschützte Schmetterling mit dem klangvollen Namen Kupferglucke und der höchst seltene Sand­ohrwurm sind hier heimisch. Die Ukelei, ein Raubfisch aus der Familie der Karpfen, und der Schmalbindige Breitflügel-Tauchkäfer kommen in Bergbaufolgeseen der Lausitz vor.

Der Lappländische Gelbrandkäfer ist überraschend aufgetaucht.
Der Lappländische Gelbrandkäfer ist überraschend aufgetaucht. FOTO: Christian Hildmann
26 Arten der Radnetzspinnen leben im Lausitzer Revier.
26 Arten der Radnetzspinnen leben im Lausitzer Revier. FOTO: Ralf Donat / LMBV
Der Wiener Sandlaufkäfer ist im Lausitzer Seenland festgestellt worden.
Der Wiener Sandlaufkäfer ist im Lausitzer Seenland festgestellt worden. FOTO: Ralf Donat / LMBV
Eine sich vermehrende Gottesanbeterin-Familie lebt am Sedlitzer See.
Eine sich vermehrende Gottesanbeterin-Familie lebt am Sedlitzer See. FOTO: Ralf Donat / LMBV
Die Kreuzkröte ist in der Bergbaufolgelandschaft weit verbreitet.
Die Kreuzkröte ist in der Bergbaufolgelandschaft weit verbreitet. FOTO: Ralf Donat / LMBV
Der Seeadler benötigt für die Horste ältere Wälder.
Der Seeadler benötigt für die Horste ältere Wälder. FOTO: Ralf Donat / LMBV
Bereits 1963 wurde der Sandohrwurm bei Lauchhammer belegt.
Bereits 1963 wurde der Sandohrwurm bei Lauchhammer belegt. FOTO: Ralf Donat/LMBV / LMBV
Die Schlingnatter kommt bei Plessa/Grünewalde und bei Spreetal vor.
Die Schlingnatter kommt bei Plessa/Grünewalde und bei Spreetal vor. FOTO: Ingmar Landeck / Ingmar Landeck/FIB
Die Segelfalter haben sich im Lausitzer Revier massiv ausgebreitet.
Die Segelfalter haben sich im Lausitzer Revier massiv ausgebreitet. FOTO: Ingmar Landeck/FIB