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Bei einer Klassenfahrt die Notbremse gezogen

Konrad Ziegler im Rollstuhl mit seinen einstigen Schülern.
Konrad Ziegler im Rollstuhl mit seinen einstigen Schülern. FOTO: D. Babbe
Sonnewalde. Erich steht auf dem Sonnewalder Markt. Eine lange Fahrt im Güterzug hat die vertriebene Familie Töppel vom Sudetenland hinter sich. In der kleinen Schlossstadt werden sie in der Brauerei Niclas einquartiert. Wir schreiben das Jahr 1946, als Erich Töppel hier zur Schule geht. Nach 70 Jahren trifft sich seine Klasse von damals – die erste, die nach dem Krieg in Sonnewalde eingeschult wurde. Dieter Babbe

Der heute 76-Jährige erinnert sich noch gut, was in seiner Zuckertüte war: "Ein paar Kekse - und Mutter hat aus Kaffeesatz einen Kuchen gebacken, das war damals für uns Kinder schon eine Leckerei." Auch Ursula Rossow, verheiratet Michael, ging es nicht anders. Die Familie verschlug es aus Pommern über das zerbombte Berlin nach Sonnewalde. "Wir waren mit dem Handwagen unterwegs und hatten nur das, was wir am Leibe trugen und tragen konnten".

Gut ein Drittel der mehr als 30 Schüler in der Klasse waren "Flüchtlingskinder". Manche Einheimische hatten aber noch weniger als sie. Renate Essinger, geborene Häfner, zum Beispiel. Sie verlor in den letzten Kriegstagen ihren Vater, von den Sowjets erschossen, weil er im Volkssturm war und beim Einmarsch Widerstand geleistet hat.

Viel zu erzählen gibt es immer, wenn die beiden Frauen alle fünf Jahre ein Klassentreffen organisieren. Das 16. hat am Sonnabend in Babben stattgefunden, nachdem man sich im Sonnewalder Heimatmuseum traf und sich hier in die engen Bänke des alten Klassenzimmers zwängte. "Die Jungs, die in der Schule hinter den Mädchen saßen, haben damals immer unsere langen Zöpfe in die Tintenfässer getunkt. Das gab zu Hause tüchtig Ärger", erinnert sich Ursula Michael - die trotzdem dabei bleibt: "Wir hatten, anders als heute, noch Respekt vor den Lehrern und waren alle meistens brave Schüler."

Streich allen im Gedächtnis

Mit einer Ausnahme vielleicht. Ein Streich hat sich nicht nur bei ihr im Gedächtnis eingebrannt: "Es war bei unserer Abschlussfahrt in der 8. Klasse mit der Bahn nach Boltenhagen an die Ostsee. Irgendjemand von den Jungs fragte: Wer traut sich, die Notbremse zu ziehen. Einer traute sich. Als dann der Zug plötzlich bremste und stand, ermittelten die Eisenbahner schnell das Abteil mit den Übeltätern. Doch unser Klassenlehrer rettete die Situation - und den Notbremser vor einer Strafe." Einer seiner Schüler habe wohl schlaftrunken versehentlich am roten Griff gezogen, erklärte Konrad Ziegler den Eisenbahnern, die sich mit der Erklärung zufriedengaben.

Obwohl er zu vielen Klassentreffen eingeladen werde - die erste Sonnewalder Nachkriegsklasse sei ihm besonders ans Herz gewachsen, so Konrad Ziegler - sie sei schließlich von "Fräulein Bock", seiner späteren Frau, unterrichtet worden. Den Kindern nicht nur Unterrichtsstoff zu vermitteln, sondern sie aufs Leben vorzubereiten, wie Ziegler es sagt - das scheint ihm bei der Klasse gelungen. Aus seinen Schülern sind Fachleute geworden. Marianne Seeliger ist Ärztin, Klaus-Dieter Knöfel trägt einen Dr.-Titel als Wirtschaftswissenschaftler, Werner Malejka, übrigens der Junge, der bei der Klassenfahrt an der Notbremse zog, ist anerkannter Mathematiker.

Alle Schüler der 8. Klasse hatten am Ende ihrer Schulzeit im Jahre 1954 einen Lehrvertrag in der Tasche, nur Erich Töppel nicht. "Ich wollte eigentlich Seemann werden, doch meine Mutter hat mich nicht weggelassen", sagt er. Als eines Tages der Sonnewalder Schornsteinfegermeister Propp in die Schule kam und nach einem "Stift" gesucht hat, meldete sich Erich Töppel als einziger. Dass er schon bald nicht mehr Schornsteinfeger, sondern Polizist und später Soldat und Offizier wurde, ist schon wieder eine andere Geschichte.

Neue Heimat wurde ein Zuhause

"Weil wir im Sudetenland alles verloren haben, wollte mein Vater von Politik nichts mehr wissen. Er hat mir verboten, Junger Pionier zu werden, so musste ich manchmal heimlich zu den interessanten Nachmittagen gehen. Später habe ich meine eigenen Erfahrungen gemacht. In meiner neuen Heimat habe ich mich heimisch und wohlgefühlt", sagt Erich Töppel.