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| 01:02 Uhr

Bald läuten wieder drei Glocken

Friedersdorf / b. Rückersdorf.. Es war gestern morgen um Punkt neun Uhr – als ein Riesenkran mit seinem langen Arm ganz vorsichtig die Haube vom Boden abhob und auf den Kirchturm setzte. Zuvor steckten die Bauleute zwei Hülsen, gefüllt mit alten und neuen Dokumenten, in die vergoldete Kugel. Obendrauf kam die Wetterfahne mit den Jahreszahlen 1703 und 1933 – Jahre, in denen ebenfalls an der Kirche gebaut wurde. Dutzende Friedersdorfer standen am Straßenrand und waren Augenzeuge, wie ihr altes Gotteshaus wieder seinen Turm zurück bekam. Ein Tag, der ins Friedersdorfer Geschichtsbuch gehört. Von Dieter Babbe

„Wir sind froh und glücklich, dass die Schäden an unserer Kirche jetzt so schnell behoben wurden - nachdem es lange gedauert hat, im vorigen Jahr sind bereits lockere Steine vom kaputten Turm gefallen. Es bestand Lebensgefahr, die Kirche musste abgesperrt werden“ , erinnert Gerold Schwuttge, der Ortsbürgermeister - einer der vielen Schaulustigen, die bei Sonnenschein, aber kühlen Temperaturen ausharren. Und er fügt an: „Die Turmrekonstruktion haben wir vor allem unserem Diakon zu verdanken - er hat den Stein ins Rollen gebracht.“ Und auch Jürgen Herrmann, der Vorsitzende vom Förderverein, will sich am Mittwochmorgen das Ereignis nicht entgehen lassen. Zwei Jahre lang hat der Verein für die Sanierung der Friedersdorfer Kirche geworben und Geld gesammelt: „Wir waren bei den Umzügen zum Finsterwalder Sängerfest und zur Stadtfeier in Doberlug dabei, haben Konzerte organisiert, Karten von der Kirche verkauft, sind auf Märkten gewesen - über 3 000 Euro sind so zusammen gekommen.“
Kein geringer Betrag, wenngleich die Arbeiten an der Kirche bislang über 120 000 Euro gekostet haben. „Das Geld kam aus verschiedenen Töpfen. Die Rechnungen sind alle bezahlt“ , freut sich Mathias Leh mann, der Diakon in Friedersdorf - einer von jenen, die das Geschehen mit dem Fotoapparat festhalen: „Ich bin erleichtert, dass wir die Arbeit soweit geschafft haben.“
Das Geld reicht sogar noch für die Kirchenuhr, die in Friedersdorf in zwei Richtungen die Zeit anzeigte - aber schon seit Jahrzehnten still steht und nicht mehr geschlagen hat. Die Zeiger standen auf einem Fleck und waren völlig verrostet. „Das Uhr- und auch das Zeigerwerk sind aber noch in Ordnung und können wieder in Gang gebracht werden“ , weiß Norbert Würsig von der Meißner Firma Turmuhrenbau - dort wird die Friedersdorfer Uhr gegenwärtig repariert. Während die beiden Ziffernblätter samt Zeiger noch in diesem Jahr eingebaut werden, wird das Uhrwerk erst im nächsten Jahr fertig. Unklar ist noch, ob es wie einst mit der Hand aufgezogen werden soll. „Das würde bedeuten, jemand muss jeden Tag hoch in den Turm steigen“ , erinnern sich ältere Friedersdorfer an früher: „Oder sollten wir lieber einen Elektromotor einbauen und die Arbeit machen lassen?“ Norbert Würsig würde das alte Uhrwerk erhalten: „Es ist etwas Besonderes, das gibt es kaum noch woanders. Man könnte tricksen: Über einen Flaschenzug mit Gewichten lässt sich die Gangzeit auf drei Tage verlängern.“ Darüber wird man im Friedersdorfer Gemeindekirchenrat noch reden müssen.
Beredet ist in dieser Woche im Ortsbeirat bereits etwas anderes: „Wir wollen im nächsten Jahr damit beginnen, den alten Kirchsteig, auf dem die Leute früher am Sonntag zum Gottesdienst gegangen sind, wieder auszubauen. Dann soll sich auch der Dorfgraben durch den Anger schlängeln. 130 000 Euro kostet das“ , hat Ortsbürgermeister Schwuttge ausgerechnet. Wo das Geld herkommt, ist noch unklar.
Am 10. Dezember, das lässt Diakon Lehmann gestern schon mal alle wissen, wird er zum „großen Bahnhof“ in die Kirche einladen: Bauleute, Spender und Sponsoren, die Friedersdorfer natürlich. Dann wird bei einem Festgottesdienst der reparierte Turm feierlich eingeweiht. Und es gibt vermutlich eine Premiere: „Erstmals nach langer Zeit werden wieder alle drei Glocken läuten“ , hofft der Kirchenmann. Lange schlug nur eine Glocke, eben weil der Turm marode und einsturzgefährdet war. Dabei hat Friedersdorf eine einmalige Glocke in dem Dreiklang - nämlich die älteste in ganz Deutschland, so sind sich die Friedersdorfer sicher. Und verweisen stolz auf die große Zuckerhutglocke aus dem 12. Jahrhundert, die alle Kriege überstanden hat.
Sicher wird zum Festgottesdienst kein Platz mehr frei bleiben, vermutet Christa Schulz. Sie hat viele Jahre in Friedersdorf gelebt und wohnt jetzt in Rückersdorf. Sie befürchtet aber: „Danach wird die Kirche wieder leer. Das Gebäude ist aber nicht nur ein Denkmal zum Bestaunen, hier sollen die Menschen wieder mehr Gott erkennen“ , so hofft sie. Deshalb hat sie gestern früh auch ihre kleine Enkeltocher Julia mitgebracht.
Eine volle Kirche - das wünscht sich natürlich auch Diakon Mathias Lehmann. Und auch das: „In 100, vielleicht 150 Jahren wird die Kugel womöglich wieder vom Turm geholt werden. Dann müsste man noch mal dabei sein können . . .“