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| 12:00 Uhr

Tarifvertrag
Mehr Geld für Pflege-Azubis

Franziska Meinhard (32, l.) und Annett Meyer (43) freuen sich über 25 Prozent mehr Geld bei ihrer Ausbildungsvergütung. Doch Geld allein reiche nicht aus, um den Job attraktiver zu machen, sagen sie.
Franziska Meinhard (32, l.) und Annett Meyer (43) freuen sich über 25 Prozent mehr Geld bei ihrer Ausbildungsvergütung. Doch Geld allein reiche nicht aus, um den Job attraktiver zu machen, sagen sie. FOTO: Daniel Friedrich / LR
Finsterwalde. Mit überdurchschnittlich hoher Vergütung versucht ein Seniorenheim in Elbe-Elster die Pflegeausbildung attraktiver zu machen. Die zusätzlichen Kosten müssen die Bewohner tragen – ein Spannungsfeld. Von Daniel Friedrich

Der Blick auf ihre Lohnzettel ist für Franziska Meinhard (32) und Annett Meyer (43) seit diesem Jahr ein erfreulicher: Die jungen Frauen sind zwei von derzeit neun Auszubildenden zur Pflegefachkraft im Seniorenzentrum „Albert Schweitzer“. Mit dem Jahresbeginn 2018 ist für sie ein neuer Tarifvertrag in Kraft getreten. Er hebt die Ausbildungsvergütung deutlich an: „Je nach Ausbildungsjahr erhalten wir nun durchschnittlich 25 Prozent mehr Geld. Das sind im Monat gut 200 Euro mehr“, sagt Franziska Meinhard. Die Auszubildende im dritten Lehrjahr erhält nun 1065 Euro monatlich. Zudem bekommen die Azubis ein Weihnachtsgeld in Höhe von 65 Prozent des monatlichen Entgelts, sowie bei erfolgreichem Ausbildungsabschluss eine vom Prüfungsergebnis abhängige Prämie. Zwar habe sie ihre Ausbildung nicht des Geldes wegen begonnen, doch eine zusätzliche Anerkennung sei die Vergütungserhöhung schon, findet Annett Meyer.

Grund für die Entscheidung zu einem neuen Tarifvertrag sei gewesen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und neue Anreize zu schaffen, erklärt die Geschäftsführerin des Finsterwalder Seniorenzentrums, Sigrid Jähnichen. „Schon zuvor haben wir unser Entgelt am Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes angelehnt“, sagt sie. Auch wenn der Landkreis als 100-prozentiger Gesellschafter hinter der Pflegeeinrichtung stehe, müsse das Geld für deren Betrieb selbst erwirtschaftet werden, betont sie. „Natürlich wird hinterfragt, warum die Preise für Pflege steigen“, berichtet Sigrid Jähnichen. Allerdings sei die Nachfrage nach Pflegedienstleistungen so hoch, dass sie davor keine Sorge habe.

Zusätzliches Geld bedeutet zusätzliche Kosten. Die Leistungen aus der Pflegekasse decken diese nicht ab, da die Pflegeversicherung nur eine Teilversicherung ist. „Die Kosten für die Ausbildung werden also auf die Heimbewohner und die Nutzer der ambulanten Pflege umgelegt“, erklärt Verdi-Gewerkschaftssekretär Ralf Franke. Dazu wird die anfallende Ausbildungsvergütung (32 Euro pro Monat und Pflegeplatz) in den sogenannten einrichtungseinheitlichen Eigenanteil eingerechnet, der für alle Bewohner des Pflegeheims (außer mit Pflegegrad 1) gleich ist. Zusammen mit den Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Investitionen ergibt sich der Geldbetrag, den ein Heimbewohner letztlich an die Pflegeeinrichtung entrichten muss. Im Finsterwalder Schweitzer-Heim liegt er seit Jahresbeginn bei 1418 Euro. Somit müssen die Bewohner rund 200 Euro mehr bezahlen als noch 2017.

Kritisch sieht Ralf Franke die direkte Weitergabe der Kostensteigerung an die Bewohner vor allem, weil Pflegeheime auch finanzielle Überschüsse erwirtschaften. Diese dürfen gemeinnützige GmbHs wie das Schweitzer-Heim nicht ausschütten, sondern müssen sie grundsätzlich dem satzungsmäßigen Zweck zuführen. So hat das Schweitzer-Heim in Finsterwalde laut Bilanz im Geschäftsjahr 2015 einen Jahresüberschuss von über 800 000 Euro eingefahren. Damit summierten sich die Gewinnrücklagen auf 4,87 Millionen Euro.

Problematisch könnte die neue Tarifsituation gerade für kleinere Pflegedienste werden. Sie können sich höhere Löhne kaum leisten. Bei den wenigen interessierten Azubi-Anwärten gehen sie schon jetzt oft leer aus. Annegret Kretschmer vom Pflegepark „Am kleinen Spreewald“ in Wahrenbrück etwa bildet seit längerem nicht mehr aus. Ein Grund: Zu wenig qualifizierte Bewerber. Sie nutzt nun Umschlungsmaßnahmen der Arbeitsagentur, um junge Mitarbeiter zu gewinnen. Ebenso gute Erfahrungen damit hat auch Heike Dietze gemacht. Die Leiterin eines ambulanten Pflegedienstes in Uebigau schult derzeit einen Auszubildenden zum Altenpfleger um. „Es melden sich nur noch wenige Leute direkt nach der Schule bei uns. Die Umschulung hat den Vorteil, dass die Bewerber mehr Lebenserfahrung mitbringen, schon etwas reifer sind und mitunter bereits eine eigene kleine Familie haben“, berichtet Heike Dietze. Nach einem Tarifvertrag könne Sie die dreijährige Ausbildung jedoch nicht vergüten.

Auszubildende Franziska Meinhard hat bereits ihren künftigen Arbeitsvertrag im Seniorenzentrum „Albert Schweitzer“ unterschrieben. Womöglich trägt der neue Tarifvertrag, der übrigens für alle gut 260 beschäftigten Pflegekräfte einen höheren Lohn vorsieht, schon seine ersten Früchte. Mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein ist das allerdings nicht. Bei weniger Auszubildenden und steigendem Pflegebedarf wird man sich zukünftig anderweitig nach Pflegekräften umsehen müssen.