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| 15:33 Uhr

Ausstellung zu abgebaggertem Ort
Auf den Spuren von Bergheide und Gohra

Wolfgang Bauer vom Heimatverein Sallgast zeigt die Fahne des Männerturnvereins Gohra aus dem Jahr 1902. Sie wurde vor dem Abriss des Feuerwehrgerätehauses auf dessen Dachboden gefunden. Für 5000 Euro müsste der bröckelnde Stoff restauriert werden – dafür werden noch Spender gesucht.
Wolfgang Bauer vom Heimatverein Sallgast zeigt die Fahne des Männerturnvereins Gohra aus dem Jahr 1902. Sie wurde vor dem Abriss des Feuerwehrgerätehauses auf dessen Dachboden gefunden. Für 5000 Euro müsste der bröckelnde Stoff restauriert werden – dafür werden noch Spender gesucht. FOTO: Daniel Friedrich / LR
Sallgast. Fast wäre es Sallgast ähnlich ergangen wie seinem einstigen Nachbarort Bergheide. Nun beherbergt das Sallgaster Schloss eine Ausstellung über das Dorf, das in den 1980er-Jahren dem Tagebau weichen musste. Von Daniel Friedrich

Wolfgang Bauer kann sich noch gut an Bergheide erinnern. Also junger Mann ist er öfters in den wenige Kilometer von Sallgast entfernten Ort gefahren und hat dort Verwandte getroffen, Freunde besucht oder in der alten Tagebaugrube gebadet. Schön sei es dort gewesen und durch die leicht hügelige Endmoränenlandschaft sehr reizvoll. Immerhin war Bergheide mit seinen 166 Metern über dem Meeresspiegel der höchstgelegenste Ort im Altkreis Luckau.

Das war vor 1987. Seitdem gibt es das Dorf nicht mehr. Es wurde – wie viele andere Orte im Lausitzer Braunkohlerevier – abgebaggert.

Als „Gohra/Gora“ taucht das einstige Bergheide erstmals 1487 in einer Belehnungsurkunde des Klosters Dobrilugk auf. Bis ins 20. Jahrhundert behält es seinen slawischen Namen, der „Berg“ bedeutet. 1937 weisen die Nationalsozialisten an, alle sorbisch/wendischen Ortsnamen einzudeutschen. Aus Gohra wird nach 450 Jahren Bergheide. „Die Erinnerung an das Dorf verblasst natürlich mit der Zeit. Da 2017 die Ersterwähnung 530 Jahre zurückliegt, wollten wir als Heimatverein Sallgast eine Ausstellung einrichten“, erzählt Wolfgang Bauer, der dem Verein vorsitzt.

Nach einem Aufruf im Frühjahr haben die Sallgaster Heimatforscher zahlreiche private Bilder, Dokumente und Originalgegenstände aus Bergheide erhalten: Verschiedene Ortsansichten, Hochzeitsfotos, Bilder des Männerturnvereins und von Postbotin Inge oder eine alte Kirchenbank, auf der 1985 letztmalig Gottesdienst gefeiert wurde. Sie alle zeugen von einem eigentlich gewöhnlichen Dorfleben, das jedoch schon in den 1960er-Jahren wortwörtlich auf der Kippe stand. „1964 mussten die ersten Bergheider umgesiedelt werden, weil der Braunkohlebagger weiter vorrückte“, berichtet Wolfgang Bauer. Von Westen her fraß sich der Tagebau Kleinleipisch an den Ortsrand heran, von Osten nährte sich der Tagebau Klettwitz und schließlich Klettwitz-Nord. 1987 – zynischerweise im 500. Jahr der Ersterwähnung – fiel auf Gemeinde- und Kreisebene die Entscheidung, dass auch der restliche Ort der Kohle wegen weichen muss. Zum Feiern zumute war damals niemandem. Dabei hatte die DDR-Regierung diesen Schritt bereits 1984 beschlossen, wie aus Unterlagen hervorgeht.

Auch die Pionierzeitschrift „Trommel“ berichtete 1982 über die bevorstehende Umsiedlung von Bergheide. Die Originalseite „Ein Dorf zieht um“ können sich Besucher im Sallgaster Schloss anschauen. Von kritischen Stimmen zur Abbaggerung des Ortes ist in dem Zeitungsausschnitt nichts zu lesen. Eher erzeugen die Autoren eine freudige Aufbruchstimmung: „Alle bekommen ein neues, schönes Zuhause. Am Stadtrand von Finsterwalde entsteht ein Wohngebiet, in dem die Bergheider wohnen werden. Sie bleiben also zusammen, das ist ein Trost. So mischt sich in den Abschiedsschmerz hier und da schon Neugier auf das Kommende“, heißt es darin.

Wieviele der ehemaligen Bergheider heute noch in der Umgebung leben, vermag Wolfgang Bauer vom Heimatverein nicht zu schätzen. Gezählt hat er jedoch die Gäste, die sich seit der Ausstellungseröffnung im Herbst die Schau im Schloss Sallgast angesehen haben: Über 600 seien es gewesen, an manchen Tagen ein wahrer Ansturm. Auch am morgigen Sonntag, den 10. Dezember, wird die Ausstellung von 14 bis 16 Uhr geöffnet haben.

Heimatforscher Manfred Rothe wird am Sonntag einen Vortrag über die Ur- und Frühgeschichte von Bergheide/Gohra halten.
Heimatforscher Manfred Rothe wird am Sonntag einen Vortrag über die Ur- und Frühgeschichte von Bergheide/Gohra halten. FOTO: Daniel Friedrich / LR

Dabei wird es auch einen Vortrag zur Ur- und Frühgeschichte des Ortes geben, den der Heimatforscher Manfred Rothe hält. „Ich werde über Knochenreste, Holzkohle und Tontöpfe berichten, die wir vor der Abbaggerung in Bergheide gefunden haben. Dort gab es während der Bronzezeit einen Grabhügel“, berichtet Rothe. Mindestens 1000 Jahre lang hätten die Bewohner damals ihre Angehörigen auf der Anhöhe mit rund 20 Metern Durchmesser begraben. Eine menschliche Siedlung müsse es also schon weit vor der urkundlichen Ersterwähnung gegeben haben, vermutet Manfred Rothe. Mit der Devastierung des Geländes sind auch jene Spuren, die bis dahin unentdeckt blieben, endgültig verschwunden. An Bergheide erinnern heute noch ein Gedenkstein und der gleichnamige See, in dessen Mitte der Ort einstmals gelegen war.