Menschen, die straffällig geworden sind, landen nicht zwangsläufig hinter Gittern. Nicht selten werden sie vom Gericht mit einer Geldstrafe belegt. Können sie diese nicht zahlen und müssten stattdessen eine Ersatzhaftstrafe antreten, dann kann das Netzwerk HSI – Haftvermeidung durch soziale Integration - helfen. Vermittelt werden gemeinnützige Beschäftigungsstellen bei Kommunen, Vereinen oder Organisationen. Im allgemeinen Sprachgebrauch heißt es, der Verurteilte hat Sozialstunden zu leisten.

Wanderausstellung im Schloss Doberlug

Hintergründe und Zusammenhänge zum helfenden HSI_Netzwerk erzählt derzeit die Wanderausstellung „Arbeit statt Strafe – Wir sind dabei!“. Derzeit ist sie im im Museum Schloss Doberlug zu sehen. Auf mehreren Schautafeln stellt sich das landesweite HSI-Netzwerk vor. Anfang Dezember zieht die Ausstellung um ins Sänger- und Kaufmannsmuseum Finsterwalde.
Fred Richter, stellvertretender Bürgermeister der Kloster- und Gerberstadt, weiß aus eigener Arbeit, dass es „manchmal schwierig ist, die Betroffenen auf den richtigen Weg zu bringen“. Nicht selten fehle es ihnen an „Regeln für sich selbst“. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sind sie aus ihrem Lebensumfeld häufig nicht gewohnt oder sie haben beides wieder verlernt. Die Stadt Doberlug-Kirchhain bietet Beschäftigung in der Grünpflege und im Winterdienst. „Die Betroffenen verstehen aber oft nicht, dass das ein Angebot für sie ist. Man wird dann schon oft enttäuscht“, sagt Fred Richter. Deshalb sei es gut, dass die Ausstellung mal zeigt, „welchen Kraftaufwand die Gesellschaft unternimmt, um die Leute wieder zu integrieren“.

Eine Perspektive aufzeigen

„Im Land Brandenburg können wir etwa 1200 Beschäftigungsstellen anbieten“, fasst Claudia Möller, Koordinatorin des HSI-Netzwerks, zusammen. Das Projekt wird gefördert über das Ministerium für Justiz mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes Brandenburg. „Wir brauchen die Einsatzstellen, um den Menschen, mit denen wir zu tun haben, eine Perspektive aufzeigen zu können. Sie haben menschlich gesehen einen Anspruch auf Unterstützung. Müssen aber natürlich mitmachen“, unterstreicht auch Claudia Möller. Sie sehe es nicht ganz so negativ, wie Fred Ricter. „Es gibt Erfolge, aber in ganz kleinen Schritten.“ Es habe lange gedauert, bis die Betroffenen in einer Misere mit großen Problemen stecken, teilweise gehe die Planmäßigkeit seit der Kindheit verloren. „Wir leisten für sie ein Stück nachgeholte Erziehung oder Sozialisation.“
Die vier Landgerichtsbezirke in Brandenburg – Potsdam, Cottbus, Neuruppin und Frankfurt (Oder) – haben jeweils einen festen HSI-Partner. Für den Landgerichtsbezirk Cottbus ist das die BQS GmbH Döbern. Prokurist Frank Biewald erklärt: „Wir gehören seit 2017 zum HSI-Netzwerk und betreuen vier Landkreise.“ Als Netzwerkpartner arbeiten sie die Straffälligen ein und kontrollieren den ordnungsgemäßen Ablauf. Beschäftigungsstellen bietet BQS fast 580. Die kommunale Beschäftigungsgesellschaft hat 30 Mitarbeiter, gegründet wurde sie 1992 als Auffanggesellschaft für das Glaswerk Döbern.
Betreut werden im Programm „Arbeit statt Strafe“ Menschen ab 21 Jahren. Die Ältesten sind über 70. Bis zu 400 Personen im Jahr. Frank Biewald sagt: „Die meisten Probleme gibt es mit den Jüngeren. Da müssen überhaupt erst Arbeitstugenden entwickelt werden. Einige haben einfach niemanden um sich, der arbeiten geht.“

Skepsis bei Schulleitern

Der Landkreis Elbe-Elster ist wie die Stadt Doberlug-Kirchhain HSI Kooperationspartner und das schon seit zwölf Jahren. Andrea Emisc-Marczykowski beschreibt ein anderes Problem: „Die Akzeptanz zu finden, ist teilweise sehr schwierig. Wir setzen die Leute üerwiegend im Hausmeisterbereich ein. Davon sind die Schulleiter nicht immer begeistert und erkundigen sich im Vorfeld schon nach der Straftat, die derjenige begangen hat.“ In Finsterwalde und jetzt auch in Herzberg habe man Beschäftigung anbieten können. „In Elsterwerda und Bad Liebenwerda haben wir die Akzeptanz noch nicht gefunden“, sagt die Mitarbeiterin der Kreisverwaltung. Sie hofft, dass sich das durch mehr Öffentlichkeit ändern kann.
Die Finsterwalder Sozialarbeiterin Carl Ziegner-Zschiedrich hält den Kontakt zu den zu Integrierenden, natürlich aber auch zu den Arbeitgebern. Von ihrem Büro in Finsterwalde aus ist sie in den Kreisen Oberspreewald-Lausitz, Elbe-Elster, Spree-Neiße, Dahme-Spreewald bis hin nach Königs Wusterhausen unterwegs. Auch Hausbesuche sind durchaus fällig. „Wir haben Erfolg und Misserfolg. Das ist das Los der Sozialarbeiter. Aber es lohnt sich zu kämpfen. Wichtig ist, wenn es sein muss, auch mal jemanden in die Schranken zu weisen.“ Sie betreue eine Klientin in Calau seit zwei Jahren. „Sie war drogenabhängig und hatte Probleme mit ihren Kindern. Jetzt sind noch 32 Stunden offen. Sie ist clean, hat die Kinder wieder und einen Arbeitsvertrag. Sie kann den Rest jetzt abzahlen. Das ist doch ein Erfolg.“

Bis zu sechs Stunden am Tag

Sechs Stunden am Tag sollen die Teilnehmer arbeiten gehen. Das ist manchmal organisatorisch nicht möglich, wenn man beispielsweise vom Kitaplatz abhängig ist. „Ich betreue aber auch einen Alkoholiker in Elsterwerda, der kann nicht mehr als drei Stunden arbeiten. Bei 500 zu leistenden Stunden dauert das Betreuungsverhältnis dann entsprechend lange“, erzählt Carla Ziegner-Zschiedrich. Und es gibt „Stammkunden“, auch Leute mit vier Aktenzeichen gleichzeitig. Aber HSI ist kein Schlupfloch. „Alle zwei Monate ist ein Bericht an die Staatsanwaltschaft fällig. Und die machen auch nicht alles mit“, sagt die erfahrene Sozialarbeiterin.