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| 15:44 Uhr

EU-Projekt
Geteiltes Echo: Spanische Azubis in Elbe-Elster

Ruben Bestilleiro (25 ) aus dem spanischen Galicien schließt demnächst seine Ausbildung zum Industriemechaniker ab. Ob er danach im Elbe-Elster-Land bleibt, steht noch nicht fest.
Ruben Bestilleiro (25 ) aus dem spanischen Galicien schließt demnächst seine Ausbildung zum Industriemechaniker ab. Ob er danach im Elbe-Elster-Land bleibt, steht noch nicht fest. FOTO: Daniel Friedrich / LR
Elbe-Elster. Seit fünf Jahren bilden Unternehmen in Elbe-Elster Jugendliche aus Spanien aus. Damit wollen sie sich neue Fachkräfte sichern und einen Beitrag gegen die Jugendarbeitslosigkeit im Heimatland leisten. Was ist aus den Azubis geworden? Von Daniel Friedrich

Als Ruben Bestilleiro aus der spanischen Region Galicien vor fast fünf Jahren nach Bad Liebenwerda kam, hatte er nur eine ungefähre Vorstellung von dem Land, in dem er die kommenden Jahre verbringen würde. „Mich hat damals mein Lehrer angerufen und gesagt, dass es ein Ausbildungsprojekt in Deutschland gibt“, erzählt der heute 25-Jährige. In seinem Heimatland hatte er eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker begonnen. Doch die Jobchancen waren angesichts hoher Jugendarbeitslosigkeit gering. Mit zehn weiteren jungen Spaniern machte er sich auf den Weg – etwas blauäugig, wie er heute sagt: „Wir haben in Spanien einen kurzen Vorbereitungskurs gehabt, dort etwas zur Kultur, zu den Normen und den Grußformen in Deutschland gelernt.“ Dass die Sprache ein größeres Problem werden könnte, daran hätten er und seine Mitstreiter nicht gedacht.

In Bad Liebenwerda angekommen absolvierte Ruben Bestilleiro ein dreimonatiges Praktikum bei Reiss Büromöbel. Parallel dazu besuchte er einen Deutschkurs. Es folgten Probearbeit, eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer sowie eine Ausbildung zum Industriemechaniker, vor deren Abschluss er nun steht. Ein mühsames Vorantasten mit bislang offenem Ende: „Ich weiß noch nicht, ob ich bleiben werde“, sagt Ruben heute. Auch wenn ihm das duale Ausbildungssystem in Deutschland gut gefalle, fehle es ihm an sozialen Kontakten nach Feierabend.

Von den einst zehn Spaniern ist neben Ruben Bestilleiro bis heute nur ein weiterer bei Reiss Büromöbel in Bad Liebenwerda übrig geblieben. „Die Integration mit den Kollegen ist gelungen und wir sind daran interessiert, die beiden Auszubildenden zu übernehmen“, meint Reiss-Geschäftsführer Hans-Ulrich Weishaupt. Sein Unternehmen habe sich anfangs neben einer Wohnung für die Spanier auch um Sprachunterricht gekümmert. Ihm sei es wichtig aufzuzeigen, dass ein Zusammenleben mit Menschen anderer Herkunft möglich und nötig ist. Die Europäische Union sei ein wichtiger Bestandteil des Austausches. „Doch es ist ein Irrglaube, zu meinen, die Fachkräftegewinnung aus dem Ausland funktioniere ohne weiteres“, stellt der Reiss-Geschäftsführer klar.

Auch der AWO-Regionalverband Süd in Falkenberg hat sich 2014 entschieden, an dem EU-Ausbildungsprojekt teilzunehmen. Drei Jahre lang hat die damals 21-jährige Spanierin Alba eine Ausbildung zur Altenpflegerin absolviert, die RUNDSCHAU hatte darüber berichtet. „Sie war sehr ehrgeizig, sowohl was das Erlernen der deutschen Sprache als auch das fachliche Wissen angeht“, berichtet Fachbereichsleiterin Simone Friedrich. Durch die Arbeit mit den Kollegen und Pflegebedürftigen sei sie von Anfang an gefordert gewesen, deutsch zu reden. Doch es fehlte an sozialem Anschluss. In der Kleinstadt Falkenberg fiel es der jungen Spanierin schwer, Kontakt zu Gleichaltrigen zu knüpfen oder gar Landsleute kennenzulernen. „Sie hatte zwischenzeitlich starkes Heimweh, wollte fast schon aufgeben. Aber durch Gespräche haben wir sie dann überzeugen können, ihre Ausbildung hier zu Ende zubringen.“ Nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung verließ Alba das Elbe-Elster-Land in Richtung Berlin. „Auch, wenn uns die drei Jahre viel Kraft gekostet haben, würden wir sicher wieder überlegen, uns nochmal an einem solchen Projekt zu beteiligen“, sagt Simone Friedrich in Anbetracht der angespannten Personalsituation in der Pflege.

Jean-Marie Ulrich vom Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur Elbe-Elster hat die EU-Projekte für junge Spanier bis 2015 eng begleitet. Danach fielen sie in die Verantwortung verschiedener, meist nur kurzlebiger regionaler Bildungsträger, weil das Förderprogramm auslief. Genaue Zahlen, wie viele Auszubildende seitdem tatsächlich im Elbe-Elster-Land Fuß gefasst haben, liegen ihm daher nicht vor. „Wir haben den Azubis damals ausbildungsbegleitende Hilfen und sozialpädagogische Unterstützung angeboten. Außerdem war es Voraussetzung, dass bereits im Heimatland intensiver Sprachunterricht gegeben wird, um das Ankommen hier zu erleichtern“, sagt Ulrich. Grundsätzlich seien die Auszubildenden aus dem Ausland überdurchschnittlich motiviert und deshalb eine lohnenswerte Investition, so eine Erfahrung: „Sie wissen, dass sie etwas liefern müssen, um hier erfolgreich zu sein.“ Das unterscheide sie von immer mehr deutschen Jugendlichen, die weniger Ansprüche an sich selbst stellten.

Doch es gibt auch zahlreiche andere Fälle: Beim Sonnewalder Landmaschinen-Unternehmen Schlieper etwa kündigten die spanischen Azubis bereits innerhalb weniger Wochen „trotz aller Versuche und jeglicher Unterstützung“, wie Geschäftsführerin Ricarda Schlieper bedauert: „Der ganze administrative Aufwand, der schon vorher immens war, blieb nach ihrem Ausscheiden erneut an mir hängen. Bankkonten mussten wieder aufgelöst und Mietverträge abgewickelt werden.“ Auch beim Orgelbau Voigt in Bad Liebenwerda zeigt man sich enttäuscht. Nach Angaben von Geschäftsführer Markus Voigt hatte der auszubildende Spanier im Sommer 2017 seine Prüfung nicht bestanden, „unter anderem wegen Sprachschwierigkeiten.“

Erfolglos war das Ausbildungsprojekt ebenfalls für das Elektronikunternehmen Uesa in Uebigau, berichtet Personalleiterin Petra Schäfer: „Unsere drei Spanier haben zwar fleißig ihren Job gemacht, aber nachdem wir ihnen dann einen Ausbildungsvertrag zum Industrieelektroniker angeboten haben, hat einer sofort abgelehnt.“ Die anderen beiden seien später aus unterschiedlichen Gründen ausgestiegen. Die Personalerin vermutet, dass ihnen die Möglichkeiten, die sie in Deutschland haben würden, falsch kommuniziert wurden: „Ich nehme an, dass sie hier arbeiten wollten, um Geld zu verdienen. Eine Ausbildung hat keiner erwartet.“

Ein überwiegend positives Fazit zieht dagegen die Sparkasse Elbe-Elster. Wie Personalleiter Riccardo Sawkin berichtet, hätten seit 2013 jährlich neben spanischen Jugendlichen auch Azubis aus Polen, Griechenland, Bulgarien, Syrien und dem Iran eine Ausbildung angetreten: „Die unterschiedlichen Nationalitäten spornen sich gegenseitig an und wir sind zufrieden. Zudem baut das Projekt unter den Kollegen auch mögliche Ressentiments gegenüber Ausländern ab.“ Da die jungen Menschen mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen nach Deutschland kommen, engagiert die Sparkasse für jeden Jahrgang einen Deutschlehrer, der sie für Alltagssituationen schult. Es habe sich herausgestellt, dass vor allem Jugendliche aus strukturell mit Elbe-Elster vergleichbaren Regionen eine hohe Bleibe-Wahrscheinlichkeit aufweisen. „Sie erwarten hier eben nicht ein Nachtleben mit 20 Kneipen vor der Haustür“, sagt der Personalleiter. Auszubildenden wie Sylwia Skrabulska (28), die im April ihre Prüfung ablegt, stünden nach erfolgreichem Abschluss viele Perspektiven im Unternehmen offen. „Ich habe mich hier gut eingelebt und möchte gern bleiben“, sagt die junge Polin.

Die Auszubildende Sylwia Skrabulska (28) im Gespräch mit dem Personalleiter der Sparkasse Elbe-Elster, Riccardo Sawkin. Die junge Polin beendet im April ihre Ausbildung und möchte gern bei der Sparkasse bleiben. Auch ihre Schwester arbeitet bereits hier.
Die Auszubildende Sylwia Skrabulska (28) im Gespräch mit dem Personalleiter der Sparkasse Elbe-Elster, Riccardo Sawkin. Die junge Polin beendet im April ihre Ausbildung und möchte gern bei der Sparkasse bleiben. Auch ihre Schwester arbeitet bereits hier. FOTO: Daniel Friedrich / LR