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| 16:09 Uhr

Offene Worte einer ehemaligen Finsterwalder Altenpflegerin
Knochenjob, wenig Geld, fehlende Anerkennung

 Nur 30 offene Stellen sind in der Altenpflege offiziell in Elbe-Elster gemeldet, sagt der Arbeitgeberservice – der Bedarf dürfte aber deutlich höher sein.
Nur 30 offene Stellen sind in der Altenpflege offiziell in Elbe-Elster gemeldet, sagt der Arbeitgeberservice – der Bedarf dürfte aber deutlich höher sein. FOTO: dpa / Frank Rumpenhorst
Finsterwalde. Eine ehemalige Pflegekraft spricht ganz offen über die schlechte Bezahlung in dem Knochenjob auf Teilzeitbasis. Sie selbst ist, wie sie sagt, trotzdem in dem Beruf aufgegangen und hat ihn geliebt. Von Josephine Japke

Mehr Geld, mehr Ausbildungsplätze, mehr Stunden – 111 Maßnahmen sollen den Pflegeberuf retten, sodass in den kommenden Jahren die steigende Nachfrage nach Pflegekräften bedient werden kann. Wie bitter nötig diese Maßnahmen sind, verrät eine ehemalige Altenpflegerin aus Finsterwalde. „Ich habe selber 17 Jahre in der Pflege gearbeitet und weiß, wie schlecht die Zustände, vor allem die Bezahlung, hier wirklich sind“, erklärt Bärbel Liebezeit.

Für 30 Stunden als häusliche Krankenpflegerin bekam sie 1200 Euro ausgezahlt, dazu Zuschläge. Am Ende des Monats dann 1400 Euro auf dem Konto für einen Knochenjob mit tonnenschwerer Verantwortung. „Nur private Träger können es sich leisten, ihren Vollzeitkräften bis zu 3000 Euro zu zahlen“, sagt sie und betont, dass allerdings nur die wenigstens Angestellten auch in Vollzeit beschäftigt sind. Sie selbst kenne viele, die nur für vier Stunden am Tag bezahlt arbeiten gehen dürfen, obwohl sie gern mehr möchten.

Das Amt für Statistik in Berlin-Brandenburg stimmt ihr zu: 2015 waren etwa 1700 Menschen in der Pflege beschäftigt. 91,6 Prozent von ihnen Frauen. Trotzdem arbeiten nur 27 Prozent der Frauen in Vollzeit, wohingegen etwa 44 Prozent der verbliebenen männlichen Beschäftigten in der Pflege Vollzeitangestellte sind. Laut Untersuchungen gaben 46 Prozent der in Teilzeit beschäftigten Frauen an, dass eine Vollzeitstelle nicht zu finden war. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit betrug für Teilzeitkräfte demnach 27,5 Stunden.

Auch die schlechte Bezahlung sieht die ehemalige Pflegerin als einen der Gründe, warum sich so wenige junge Menschen für den Pflegeberuf entscheiden. Sie selbst sei in dem Beruf aufgegangen und habe ihn geliebt. Seit zwei Jahren ist sie im Ruhestand und vermisst ihre Tätigkeit seitdem ständig. Trotzdem: „Natürlich ginge man noch lieber und erfreuter zur Arbeit, wenn das Gehalt besser wäre“, sagt sie und macht auf weitere Missstände aufmerksam: „Meiner Erfahrung nach gibt es in der Pflege kein Urlaubs- und kein Weihnachtsgeld und auch keine Nachtzuschläge. Das wäre gar nicht möglich.“ So schlecht die Umstände auch seien, es „ist immer noch besser, als arbeitslos zu sein“.

Abgesehen davon, dass Kollegen aus dem Westen mehr verdient hätten als Pflegekräfte aus den neuen Bundesländern, kann sie nicht verstehen, warum auch Krankenpfleger 800 Euro mehr verdienen würden als Altenpfleger. „Dabei tragen wir alle die gleiche Verantwortung und haben beinahe den gleichen Job“, meint Bärbel Liebezeit. Sie wünsche sich einfach mehr Anerkennung für die Altenpflege, die oft nur stiefmütterlich behandelt werde.

Sie selbst ist der Pflege nicht nur beruflich sondern auch privat verbunden. Ihr Mann hat Pflegestufe vier und wird von ihr selbst gepflegt. Auch hier würde sie sich mehr Unterstützung von der Politik wünschen. „Ich würde gar keinen finden, der das übernimmt, weil überall das Personal fehlt“, sagt sie.

Offiziell sind nur 30 offene Stellen in der Altenpflege gemeldet, wie Jean-Marie Ulrich vom Arbeitgeberservice Elbe-Elster bestätigt. „Den Bedarf schätzen wir aber deutlich höher ein“, sagt er.