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Alte Dame lebt mit 130 weiter auf

Massen/Finsterwalde/Lichterfeld. Eine alte Dame feiert heute ihren 130. Geburtstag. Nach der Wende für alle Zeiten tot geglaubt, durchlebt sie seit einer Probefahrt 2012 eine Frischzellenkur. Die Rede ist von der Zschipkau-Finsterwalder Eisenbahn. Gabi Böttcher

Die von Gottfried Richter, Amtsdirektor im Amt Kleine Elster, bereits seit dem Jahr 2003 unternommenen Wiederbelebungsakte für die einstige bedeutende Industriebahn führten im Zusammengehen mit der Stadt Finsterwalde als Miteigentümerin der Strecke schließlich auf den Erfolgspfad. Mit im Boot oder besser gesagt im Triebfahrzeug ist Torsten Ratke, der mit seiner Firma Officeconsult als privater Betreiber der Strecke die Menschen auf die Schiene bringt. Und dies unter Schirmherrschaft des Lausitzer Dampflokklubs, wie er gern hervorhebt. Die anlässlich der Ersten Brandenburgischen Landesausstellung 2014 aufgenommenen Fahrten zwischen dem Besucherbergwerk F 60 in Lichterfeld, Finsterwalde und Doberlug-Kirchhain nutzten 931 Gäste. Im Jahr 2016 stieg die Zahl der Passagiere bereits auf 1563 und im vorigen Jahr auf 1822. Hinzu kommen weitere Fahrgäste in diversen Charterfahrten von der Familienfeier bis zum Firmenevent. Die Festivals am Bergheider See trugen laut Torsten Ratke in den zurückliegenden zwei Jahren zur höheren Nutzung bei. Und hatten den Nebeneffekt, dass auch andere Gäste auf die praktische Möglichkeit des Reisens zum Besucherbergwerk aufmerksam wurden. Amtsdirektor Gottfried Richter kann da angesichts des heutigen 130. Geburtstages der Bahn nur freudig ausrufen: "Und sie lebt immer noch." Für ihn steht neben der touristischen Nutzung, die bei entsprechenden Angeboten langfristig auch bis Sallgast ausgedehnt werden könnte, jedoch das Infrastruktur-Potenzial für den Gewerbe- und Industriepark in Massen und den Lausitz-Flugplatz im Zentrum. Es sei zwar kaufmännisch nicht ratsam, das Gleisnetz auf Vorrat auszubauen, aber man könne bei Gewerbeansiedlungen auf entsprechende Wünsche reagieren. Es bestehe auch die Bereitschaft des Unternehmens Kjellberg, im Areal der ehemaligen Baustahlmatte Gleise zur Verfügung zu stellen. Gegenwärtig setzt im Industriepark nur das Unternehmen Voestalpine auf die Vorteile des Gleisanschlusses. Das jedoch permanent.

Die Sängerstadt Finsterwalde wertet den Wiederbetrieb der Industriebahn als ein wichtiges Gemeinschaftsprojekt mit dem Amt Kleine Elster, das aus ihrer Sicht im Jahr 2009/2010 ins Rollen gekommen ist und seither Fahrt aufnimmt. Bürgermeister Jörg Gampe (CDU) verweist zudem auf drei engagierte Damen, die das Café "Altes Stellwerk" als wahren Geheimtipp direkt an der Bahnstrecke im Finsterwalder Bahnhof betreiben. "Erst im Juni waren wir hier mit einer Delegation aus unserer französischen Partnerstadt Montataire zu Gast, die sichtlich begeistert waren - vom Kuchen und der alten Eisenbahn-Technik", berichtet er.

Mit der Finsterwalder-Sallgaster Industriebahn würden sich tolle Möglichkeiten für die Region erschließen lassen, ist man auch im Finsterwalder Rathaus überzeugt. Besucher der Festivals "feel" und "Artlake" hätten die Bahn als zusätzlichen kulturellen Punkt und gleichzeitig als Transportmittel vom Bahnhof Finsterwalde zum Festivalgelände in Lichterfeld genutzt. Und im Jahr 2014 habe die Strecke auch als Verbindung zwischen der Landesausstellung in Doberlug-Kirchhain und deren Partnerausstellung "Paul Gerhardt. Leben, Lieder, Legenden" im Kreismuseum Finsterwalde sowie dem "liegenden Eiffelturm" in Lichterfeld gedient. Dazu seien die Anschlusszeiten von und nach Berlin mit dem R 3 beim Fahrplan berücksichtigt worden. "Zu solchen Anlässen könnte die Industriebahnstrecke auch zukünftig genutzt werden, sodass sie als ,fahrendes Denkmal' auf die Industriegeschichte der Sängerstadtregion aufmerksam macht", blickt man im Finsterwalder Rathaus in das nächste Lebensjahrzehnt der Bahn. Streckenbetreiber Torsten Ratke wiederholt anlässlich des Geburtstages seinen Wunsch: "Es wäre schön, wenn der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg uns als Ergänzungsangebot akzeptieren - und lieben würde."