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Als Kinder noch barfuß in die Schule mussten

Konrad Ziegler erklärt hier den Sechstklässlern Carlo, Amelie und Leon sowie der Schulleiterin Carola Elsner, wie vor Jahrzehnten die beiden Quallen in die Gläser kamen.
Konrad Ziegler erklärt hier den Sechstklässlern Carlo, Amelie und Leon sowie der Schulleiterin Carola Elsner, wie vor Jahrzehnten die beiden Quallen in die Gläser kamen. FOTO: Dieter Babbe
Sonnewalde. "Wo haben früher die Lehrer ihre Autos geparkt", will der wissbegierige Carlo wissen – angesichts des immer vollgestellten und viel zu kleinen Parkplatzes an der Sonnewalder Grundschule. Konrad Ziegler, 44 Jahre Lehrer an dieser Schule, überrascht den Elfjährigen mit seiner Antwort: "Mit dem Auto kam in den ersten Jahren nach dem Krieg kein einziger Lehrer, eher mit dem Fahrrad, falls die Russen das nicht mitgenommen hatten. Dieter Babbe /

Ich bin immerhin schon mit einem Hühnerschreck nach Großbahren gefahren, als ich dort eine Zeit lang Lehrer war", berichtet der 90-Jährige. Und auch davon: "Die Schüler sind damals zu Fuß und viele sogar barfuß in die Schule gekommen, wo sie sich erstmal aufwärmen mussten. Schuhe gab es in der Nachkriegszeit auf Bezugsschein", so Konrad Ziegler.

Wie gebannt lauschen Carlo Matthes aus Brenitz, Amelie Teichmann aus Zeckerin und Leon Rothe aus Ossak den Worten des alten Lehrers. Die Sechstklässler sind die Ersten aus der Sonnewalder Grundschule, die gut vorbereitet den Zeitzeugen nach seinen Erinnerungen befragen. So erfahren die Elf- und Zwölfjährigen auch davon, dass es früher Lehrergärten gab, wo heute der Schulhof ist - "später entstand hier eine Kampfbahn für die vormilitärische Ausbildung der Schüler", berichtet Konrad Ziegler - der nach dem Zweiten Weltkrieg nie wieder eine Waffe in die Hand nahm. Die Kinder erfahren, dass es früher schon Sportfeste in Sonnewalde gab - "immer zum Kindertag am 1. Juni. Da freuten sich die Schüler, weil schulfrei war, aber weniger darüber, dass sie die drei Kilometer um die Hainwiese rennen mussten". Die erste Klassenfahrt an der Schule hat Konrad Ziegler 1948 organisiert - noch gegen den Willen des skeptischen Direktors. "Die Fahrt auf einem Lkw in den Spreewald war für die Kinder wie für die Eltern ein tolles Erlebnis", erinnert sich Konrad Ziegler, der fortan dreimal im Jahr Klassenfahrten mit seinen Schülern unternahm.

Von einer Fahrt an die Ostsee Mitte der 50er-Jahre brachte er zwei von den Schülern gefangene Quallen mit, die seit dem gut konserviert in einem Glas schwimmen und bis heute erhalten geblieben sind. Ebenso wie der Fischotter, der vor Jahrzehnten am Brenitzer Lugkteich von einem Zug angefahren, danach präpariert wurde und der noch immer im Biologieraum der Schule steht.

Nur einige der Spuren, die der langjährige und von seinen Schülern hoch verehrte Lehrer, obwohl seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr im Schuldienst, an der Sonnewalder Schule hinterlassen hat - abgesehen von den vielen Erinnerungen und den schriftlichen Überlieferungen in den zahlreichen Büchern. "Der Name Konrad Ziegler ist weiter allgegenwärtig an unserer Schule", würdigt Carola Elsner, die Schulleiterin, als sie dieser Tage mit ihren Schülern den 90-Jährigen besucht.

Sie legt besonderen Wert darauf, dass die Kinder ihrer Schule auch ihre historischen Wurzeln kennenlernen: Während alle Drittklässler den alten Klassenraum mit Schiefertafel und Tintenfass im Sonnewalder Heimatmuseum besichtigen, besuchen die Sechstklässler jetzt nacheinander in kleinen Gruppen den dienstältesten Lehrer ihrer Schule - der seit Jahren an Parkinson erkrankt und an den Rollstuhl gefesselt, aber geistig nach wie vor hellwach ist. Für Konrad Ziegler war es "ein besonders glücklicher Tag", er fühlte sich in alte Zeiten zurückversetzt, als Carlo, Amelie und Leon ihn mit Fragen löcherten. Weitere neugierige Sechstklässler haben sich bei ihm bereits angemeldet.