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Als eine Granate in die Villa Kaiser flog

Herbert Schönhals vor der "Villa Kaiser", die am 21. April 1945 beim Einmarsch der Sowjetarmee schwer zerstört wurde. Ein Bild zeigt, wie sie vorher aussah.
Herbert Schönhals vor der "Villa Kaiser", die am 21. April 1945 beim Einmarsch der Sowjetarmee schwer zerstört wurde. Ein Bild zeigt, wie sie vorher aussah. FOTO: Dieter Babbe
Finsterwalde. Es ist Sonnabend, der 21. April 1945. Eine Brandgranate fliegt in das Haus Lange Straße 38. Einige Bewohner haben sich vorher im Keller versteckt und überleben, während über ihnen das Gebäude in Flammen steht. Dieter Babbe

Herbert Schönhals kennt die Geschichte - obwohl für ihn der Tag, als Finsterwalde von der Sowjetarmee eingenommen wird, hundert Kilometer entfernt, in Leipzig, der Krieg bereits zu Ende ist. Kurz nach 8 Uhr erreichten sowjetische Verbände von Massen und Schacksdorf her die Stadt, wo sie nicht nur von weißen Fahnen empfangen werden. Insbesondere im und um den Wasserturm hatten sich SS-Verbände verschanzt und beschossen die Rotarmisten. Eine der SS-Stellungen befand sich in der Wiesenstraße. Damit ist offensichtlich das hochragende stattliche Bürgerhaus in der Langen Straße 38 zur Zielscheibe geworden. Die meisten Bewohner waren vor der Ankunft "der Russen" bereits geflohen und hielten sich in der Bürgerheide versteckt. Lediglich Julius Löwenstein und einige andere, darunter soll sogar ein Kind gewesen sein, konnten lebend das brennende Haus verlassen. Die "Villa Kaiser", wie sie früher genannt wurde, war eines von nur wenigen Gebäuden in Finsterwalde, die am Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus schwer zerstört wurden. So schwer, dass das innen völlig ausgebrannte Haus erst 1952 wieder aufgebaut werden konnte.

Die Geschichte des Hauses bis dahin kennt und erzählt Herbert Schönhals nur vom Hörensagen und seinen Recherchen. Der heute 91-Jährige ist erst 1956 hierher gezogen, bevor er sich die Wohnung selbst herrichten musste. Hier türmen sich inzwischen Berge mit gesammelten Recherchen, Dokumenten und aufgeschriebenen Unterlagen, die ihn, der längst zum Chronisten geworden ist, an die schlimmste Zeit seines Lebens erinnern.

Der Wehrmachts-Obergefreite der Luftwaffe ist bei seinen drei Fronteinsätzen zweimal verwundet worden. "Einen Steckschuss in der Hüfte habe ich heute noch", sagt Herbert Schönhals. Als der Panzerjäger im Herbst 1944 in Holland erstmals mit erbeuteten sowjetischen Kanonen auf die Alliierten schießen sollte, weil keine eigenen Waffen mehr da waren - "da wusste ich: Der Krieg ist zu Ende". Und als Herbert Schönhals davon erzählt, wie er nach dem größten Bombenangriff auf Nürnberg die verstümmelten, zur Unkenntlichkeit verbrannten, schon von Würmern zerfressene Leichen bergen musste, kann der alte Mann - obwohl das schreckliche Geschehen 70 Jahre zurückliegt - seine Tränen nicht mehr zurückhalten. "Um diesen ,Heldentod‘ nicht sterben zu müssen, landete ich beinahe vor dem Standgericht."

In seinem Haus in der Langen Straße 38 wird Herbert Schönhals immer wieder an den Krieg erinnert. Im Flur hängen Bilder vom Gebäude vor und nach dem Brand, das am Ende aussah "wie ein hohler Zahn", sagt nicht nur der älteste, auch der langjährigste Mieter. "Dort an der nördlichen Giebelseite war das Einschussloch der Granate noch bis Anfang der 70er-Jahre zu sehen", zeigt er auf die Stelle neben einem kleinen Fenster, die jetzt verputzt ist. Nach der Wende erst habe der Nachbar im Garten beim Umgraben einen Granatsplitter gefunden, "dem Profil nach eine Zehn-Zentimeter-Granate", weiß Herbert Schönhals.

Der gelernte Flugzeugbauer hat nach dem Krieg zuerst in einem Braunkohlewerk gearbeitet, später leitete er eines der ersten FDGB-Heime, studierte nach der Gründung der DDR Jura und war viele Jahre Kreisgerichtsdirektor in Finsterwalde - zuletzt Justiziar im VEB Schweißtechnik. Das Haus in der Langen Straße 38 ist seit fast 60 Jahren sein Zuhause.

Zum Thema:
Mit einer Veranstaltung am sowjetischen Ehrenfriedhof, unweit der ausgebrannten "Villa Kaiser" gelegen, erinnert die Stadt am 21. April um 11 Uhr an jenen Tag vor 70 Jahren, als in Finsterwalde mit dem Einmarsch der Sowjetarmee der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Zum Gedenken an die Kriegsopfer werden neben Gästen aus der Partnerstadt Montataire auch der 1. Botschaftssekretär der russischen Botschaft, Wladimir Kukin, erwartet. Auf dem Ehrenfriedhof sind 76 Sowjetsoldaten begraben, die in und um Finsterwalde ihr Leben lassen mussten. Auch unter der Bevölkerung gab es viele Tote, wobei die Zahlen schwanken. Am 21. April sollen sieben Finsterwalder während der Kampfhandlungen gestorben sein, am Tag danach ist von 26 Toten die Rede, vor allem durch Selbstmorde und Erschießungen. -db-