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Als der Wasserturm-Platz zur Frontlinie wird

L. A. Kusnezow ist einer der 76 Rotarmisten, die zum Kriegsende in Finsterwalde gestorben sind und hier ihre letzte Ruhe gefunden haben.
L. A. Kusnezow ist einer der 76 Rotarmisten, die zum Kriegsende in Finsterwalde gestorben sind und hier ihre letzte Ruhe gefunden haben. FOTO: Babbe
Finsterwalde. Finsterwalde, Hindenburgplatz, heute Platz am Wasserturm. Wir schreiben den 21. April 1945, ein Sonnabend. Seit den frühen Morgenstunden toben schwere Kämpfe zwischen SS-Leuten, die die Stadt verteidigen wollen, und der anrückenden Sowjetarmee. Am Wasserturm verläuft die Frontlinie, an der es am Ende des Tages viele Tote gibt. Auf den Tag genau nach 70 Jahren hat Finsterwalde am Dienstag vor den Gräbern der gefallenen Rotarmisten an das Kriegsende in der Stadt erinnert. Dieter Babbe

Rund um den Wasserturm, vor der Gaststätte "Zum Elefanten", aber auch an der Doppelturnhalle und vor der damaligen Autovermietung Liefring (heute ein Bestattungsinstitut) in der Cottbuser Straße waren Panzersperren aufgestellt, die die Männer vom Volkssturm mit Panzerfäusten verteidigen sollten. Etwa 180 SS-Leute hatten sich rund um den Wasserturm verschanzt und feuerten schwer bewaffnet von ihren Stellungen auf die aus der Cottbuser Straße anrückenden Sowjetsoldaten der 13. Gardepanzerarmee. Auch vom Wasserturm aus schossen Mitglieder der Hitlerjugend auf die Panzer. Und die schossen zurück - das Konsumhaus zum Bahnhof hin wurde voll getroffen und brannte, ebenso die Villa Kaiser in der Langen Straße. Die Einschüsse am Wasserturm sieht man heute noch.

So schilderten es Zeitzeugen, die die Kämpfe am 21. April aus nächster Nähe erlebt haben. In einem bisher unveröffentlichten Beitrag, der der RUNDSCHAU vorliegt, hat der Heimatgeschichtler Manfred Woitzik die Stunden, Tage und Wochen um das Ende des Krieges und die Befreiung von Finsterwalde vom Hitlerfaschismus in einer bisher umfangreichsten Darstellung nachgezeichnet. Darin wird auch der Versuch beschrieben, die Stadt kampflos zu übergeben.

Berta Schuster bekam vom sowjetischen Truppenkommandeur den Auftrag, als Parlamentärin die Stadt zur Übergabe aufzufordern. Begleitet von einem sowjetischen Leutnant, der Sohn des Kommandeurs, wollte sie die Aufforderung dem deutschen Stadtkommandanten überbringen. Doch als immer wieder auf beide geschossen wurde, telefonierte Berta Schuster von der Fleischerei Schemmel aus mit dem Stadtkommandanten. Der hatte eine kampflose Übergabe der Stadt zugesagt - eine Zusage, an die sich allerdings die SS-Leute nicht hielten. Der Sohn des Parlamentärs, der sie begleitet hatte, ist noch am gleichen Tag erschossen worden.

"Sie träumten bereits davon, wieder nach Hause zu kehren, als sie wenige Tage vor dem Ende des schrecklichen Krieges noch der Tod ereilte", sagte Wladimir Kukin, 1. Botschaftssekretär der Russischen Botschaft, am Dienstag vor dem Sowjetischen Ehrenfriedhof, wo Finsterwalde an das Ende des Zweiten Weltkrieges gedachte und die hier begrabenen 76 Rotarmisten mit Kränzen ehrte. Mit mehr als 27 Millionen Kriegstoten haben die Sowjetvölker die größten Opfer im Zweiten Weltkrieg bringen müssen. Unendliches Leid habe die barbarische Nazi-Diktatur über die ganze Welt gebracht - "das darf niemals wieder passieren", mahnte Frank Zimmermann, der in Vertretung des erkrankten Bürgermeisters Jörg Gampe vor dem Ehrenfriedhof das Wort ergriff. Die Nachgeborenen seien nicht mitschuldig am Krieg, aber sie stünden in der Verantwortung, damit sich so etwas Schreckliches nicht wiederhole, erklärte Martin Gorholt, Staatssekretär der Brandenburgischen Landesregierung. Für Jean-Pierre Bosino, Bürgermeister von Montataire, ist die lange Städtepartnerschaft mit Finsterwalde ein wichtiger Beitrag für Völkerverständigung und Frieden. Und Vize-Landrat Peter Hans betonte die Verpflichtung des Landkreises, die sowjetischen Gräber und Gedenkstätten auch in Zukunft zu pflegen.

Botschaftssekretär Wladimir Kukin, der in der Russischen Botschaft für die Kriegsgräberfürsorge zuständig ist, würdigte im RUNDSCHAU-Gespräch den gepflegten Zustand des Ehrenfriedhofes in Finsterwalde. Neben einer neuen Umzäunung und der Sanierung der großen Stele hatte die Stadt im vorigen Jahr erst den breiten Weg zum Obelisk befestigt. Gemeinsam mit dem brandenburgischen Innenministerium wolle er, so Kukin, nach Wegen suchen, wie auch die zum Teil kaputten Grabplatten und die schon unleserlichen Inschriften erneuert werden können. Inzwischen seien von allen Gräbern die Namen der Toten bekannt, sagte Wladimir Kukin.

An der Gedenkveranstaltung nahmen auch eine Delegation aus der französischen Partnerstadt, Feuerwehrleute aus Montataire und Finsterwalde, Schüler des Sängerstadt-Gymnasiums sowie Abgeordnete aus den Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung und Alt-Bürgermeister Johannes Wohmann teil.

Die umfangreiche Publikation von Manfred Woitzik unter dem Titel "Was geschah vor 70 Jahren in Finsterwalde?" wird in der nächsten Ausgabe des "Speicher"-Heftes des Kreismuseums veröffentlicht, der bis zum Herbst erscheinen soll.