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| 02:48 Uhr

Allah im Elbe-Elster-Land

Ein Hauch von Orient in Trebbus. Scheich Abdullah Halis Dornbrach (l.) im Gespräch mit Mahmud Ahliragi.
Ein Hauch von Orient in Trebbus. Scheich Abdullah Halis Dornbrach (l.) im Gespräch mit Mahmud Ahliragi. FOTO: Wendler
Trebbus. Seit 20 Jahren leben in Trebbus Muslime. Ihr Oberhaupt Abdullah Halis Dornbrach ist Konvertit mit Berliner Wurzeln. Der Dorfpfarrer ist sein bester Freund. Doch nicht jeder im Ort begegnet den ungewöhnlichen Nachbarn gelassen. Simone Wendler

Ab dullah Halis Dornbrach ist ein großer, schwerer Mann mit kräftigen Händen. Grauer Vollbart, ein älteres Brillengestell auf der Nase, bequeme Hose mit Zugbund und T-Shirt. Auf den ersten Blick könnte der 67-Jährige Mitglied einer ländlichen Ökokommune sein. Wäre da nicht die anliegende grüne Kappe auf seinem Kopf. Dornbrach ist Muslim, religiöser Lehrer und Oberhaupt einer Gemeinschaft der Sufi-Bruderschaft Mevlevi.

"Mevlevihane", auf Deutsch Haus der Mevlevi, steht über der Tür des Gebäudes mitten in Trebbus, in dem Dornbrach mit seiner Frau Nuriye lebt und das auch eine Moschee, einen Gesprächsraum und ein Esszimmer beherbergt. Dahinter befinden sich Garten, Gästehaus und Seminarräume .

Vor 2 0 Jahren war das alte Gehöft halb verwildert und verfallen. Heute ist es ein "Institut für Islamstudien", getragen von einem Verein mit etwa 50 Mitgliedern in ganz Deutschland. Sie sind Anhänger des Sufismus, einer mystischen Form des Islam. Frauen im Haus tragen Kopftuch, doch keinen Schleier. Männer geben Besucherinnen die Hand.

Auch im Gespräch macht Dornbrach schnell klar, dass er für radikale Muslime keinerlei Verständnis hat. "Die Salafisten sind ein Krebsgeschwür", schimpft er. Und Ahnung vom Islam hätten die ohnehin nicht. Im Koran stehe, wie man sich einer Bedrohung erwehren soll. Leute in die Luft sprengen gehöre nicht dazu: "Das Paradies, wo die hinkommen, das möchte ich sehen."

Anhänger des Sufismus

Zum Trebbuser Islam-Institut gehören acht Hektar Acker- und Weideland und ein Stallgebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Hühner kratzen dort im Mist. Inzwischen haben sich einige Mitglieder der muslimischen Gemeinschaft in dem 320-Seelen-Dorf Häuser gekauft.

Trebbus, ein Ortsteil von Doberlug-Kirchhain, hat alte große Gehöfte, eine trutzige Feldsteinkirche, Bäckerladen und Gastwirtschaft. Doch das Dorf an einer Durchgangsstraße leidet wie viele andere in der Region unter Einwohnerschwund. Bauernhäuser sind preiswert zu haben. Mehrere Höfe stehen leer .

Skeptische Beobachtung

Zu zügler der muslimischen Gemeinschaft werden von manchem Dörfler deshalb mit Unsicherheit und Skepsis betrachtet. "Offen sagt hier aber keiner was, die reden nur hinten herum", erzählt eine Frau, die auch ihren Namen nicht nennen will. Es gebe Ängste, die Zahl der muslimischen Einwohner könnte wachsen.

Ein paar Häuser weiter werkelt ein 40-Jähriger in seiner Garage. Über die Dörfler, die statt der Bibel den Koran lesen, kann er nichts Negatives sagen: "Die sind still, die tun mir nichts." Trotzdem sagt er auch, dass man die ungewöhnlichen Nachbarn schon beobachte und dass der Islam nicht nach Deutschland gehöre.

Ortsvorsteher Andreas Ritter kennt solche Stimmen. "Die Meinung im Dorf ist zweigeteilt", sagt er. Das sei schon eine ungewöhnliche Situation in einem so kleinen Ort. Insgesamt käme man aber gut miteinander aus, auch wenn sich die muslimische Gemeinschaft aus religiösen Gründen nicht an typischen Dorffesten mit Bierausschank und Schweinefleisch auf dem Grill beteiligt.

Abdullah Halis Dornbrach versucht, Skepsis und Misstrauen mit Offenheit zu begegnen. Seit er nach Trebbus kam, seien Gäste immer im Haus willkommen gewesen, versichert er. Schulklassen, Feuerwehr- und Sportgruppen aus der Umgebung machten davon Gebrauch. Dass trotzdem Gerüchte gestreut würden, sei eben Dorf, sagt der Scheich: "Hier ist sonst nicht viel los."

Und er gibt einige dieser Geschichten zum Besten. Dass er vor Jahren einen zahmen Raben des Försters erschossen haben soll, oder dass er in Berlin eine ganze Kette von Döner-Ständen sein Eigen nenne. Wütend wird Dornbrach, wenn ihn jemand als Ausländer bezeichnet.

Er ist in Berlin aufgewachsen, und auch alle anderen Mitglieder des Trebbuser Institutes seien deutsche Staatsbürger, die meisten Konvertiten wie er. "Der einzige Türke hier im Haus ist Puschel", sagt Dornbrach und nimmt den roten Kater, der auf diesen Namen hört, auf den Schoß. Das in der Türkei geborene Tier lässt sich genussvoll den Bauch kraulen.

Dornbrach ist 1965 als junger Mann Muslim geworden und nennt sich seitdem Abdullah Halis. Schon mit 16 Jahren fing der Sohn einer katholischen Mutter und eines evangelischen Vaters an, Arabisch zu lernen. Studienreisen führten ihn nach Syrien und in die Türkei. Er entrollt eine lange, schmale Schriftrolle, ein Beleg, so versichert er, dass er ein rechtmäßiger Religionslehrer sei und kein Scharlatan.

Dass er vor 20 Jahren nach Trebbus kam, sei Zufall gewesen, der finanzielle Rahmen ein entscheidender Faktor. "Das Gebäude bot sich für diesen Preis an, der Rest war harte Arbeit." Nach einer Bürgerversammlung hatte die Gemeinde Anfang der 90er-Jahre der Nutzungsänderung zugestimmt.

Vor einigen Jahren hat Dornbrach sogar für den Bürgermeisterstuhl kandidiert. Gewonnen hat er nicht. Aber durch sein Antreten hätten sich andere Kandidaten gemeldet und die Wahlbeteiligung sei mit 85 Prozent hoch gewesen, ist er trotzdem zufrieden.

Gewinn für das Dorf

Dornbrach und seine Gemeinschaft erwirtschaften ihren Lebensunterhalt selbst. Der Scheich schreibt Bücher, es finden Seminare statt, Zimmer werden vermietet und in der Küche wird das Essen für den evangelischen Kindergarten im Ort gekocht. Das islamische Institut hat ein paar Arbeitsplätze für Einheimische geschaffen. "Wir wollen hier nur in Ruhe unsere Religion und Tradition leben", sagt der Scheich.

Rechtsextremisten in der Region wollen dabei stören. Anfang des Jahres tauchten NPD-Flugblätter in Trebbus auf. Im Februar pöbelte der Kreisverband Lausitz der rechtsextremen Partei auf seiner Internetseite gegen die "Islamisierung des Elbe-Elster-Kreises". Ziel ihres Angriffs war neben dem Institut für islamische Studien der örtliche Pfarrer, Hartmut Nocke .

Seit el f Jahren ist Nocke Pfarrer in Trebbus. Die evangelische Kirche ist hier noch stark. Jeder zweite Dörfler ist Kirchenmitglied. Neben dem evangelischen Kindergarten gibt es auch eine evangelische Grundschule im Ort. Nocke und Dornbrach, die in Sichtweite rechts und links von der Kirche wohnen, sind befreundet.

In dem NPD-Pamphlet sei "verdrehtes Insiderwissen" verwendet worden, sagt der Pfarrer. Bei der letzten Kommunalwahl gab es rund ein Dutzend Stimmen im Ort für die NPD. Dass es Angst vor Fremdem und vor der Zukunft gebe, räumt Nocke ein. Doch auf die Frage, ob sich der Charakter des Dorfes durch die muslimische Gemeinschaft geändert habe, antwortet er trocken: "Ja, na und."

Das muslimische Institut sei ein Gewinn für das Dorf. "Weil es sie als Nachbarn gibt, weil sie Häuser erhalten, die sonst zerfallen würden, weil sie Arbeitgeber sind und weil sie etwas Exotik in den Ort gebracht haben." Die Veränderung des Ortes sei auch dem Wandel geschuldet, dem die ganze Region unterliege.

Als Indiz des guten Miteinanders von Christentum und Islam in Trebbus prangt an der Tür zur Mevlevihane gut sichtba r eine Kreideschrift. Es ist die Segensbitte der Sternensinger, die im Januar durch den Ort zogen.