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| 10:26 Uhr

5 Minuten Heimatgeschichte
Adam harft und Eva spann, wer war denn da ein Edelmann?

Adam (nicht als Harfner, sondern als Bauer) und Eva in einem Holzschnitt des frühen 16. Jahrhunderts...Entnommen: Röhrich, Lutz. Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Bd. 1, S. 67.
Adam (nicht als Harfner, sondern als Bauer) und Eva in einem Holzschnitt des frühen 16. Jahrhunderts...Entnommen: Röhrich, Lutz. Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Bd. 1, S. 67. FOTO: Rainer Ernst
Finsterwalde. Gab es revolutionäre Bauernkriegslyrik im Finsterwalder Bierhaus? Justizamtmann Beyer hatte gegen gefährliche Unruheherde vorzugehen. Von Rainer Ernst

Wie wir in unserer letzten Folge der „Fünf Minuten Heimatgeschichte“ gelesen hatten, befanden sich die kursächsischen Staatsbehörden 1790 in heller Aufregung. In einigen Landesteilen hatten die Untertanen gewagt, wegen ihrer drückenden Lebenssituation aufzubegehren. Es blieb dabei nicht allein bei grollenden Unmuts­äußerungen, sondern mancherorts kam es sogar zur Verweigerung der Fronleistungen, zu Tumulten und gewaltsamem Aufruhr.

Der Justizamtmann Beyer, der im Finsterwalder Schloss die sächsische Staatsmacht repräsentierte, erhielt von seinen Dresdner Vorgesetzen ständig Anweisungen, solche gefährlichen Unruheherde zu erkennen und dann entschieden gegen sie vorzugehen. Jedenfalls sollten auch hier die Untertanen deutlich verwarnt und damit eingeschüchtert werden. Das Verlesen eines entsprechenden kurfürstlichen Dekrets von der Kanzel nach den Gottesdiensten genügte dafür allein nicht. Deshalb wurden die beiden Finsterwalder Bürgermeister J. G. Miertzsch und J. G. Maschkloph angewiesen, alle Bürger am 28. Juni 1790 ins Rathaus zu befehlen, wo „selbige ernstlich verwarnet worden, durch ruhiges ihrer Unterthanen Pflicht gemäßes Ruhalten, die … gesetzten Strafen zu vermeiden, und sich nicht selbst unglücklich zu machen“. Am 1.9.1790 und am 7.12.1791 mussten die Einwohner im Rathaus abermals derartige Verkündigungen ihrer „preißwürdigsten Regierung“ über sich ergehen lassen. Den Viertelmeistern (Vertreter des Rates in den vier Teilen der Stadt) trug Amtmann Beyer auf, „daß ein jeder in seinen Viertel auf alle fremde verdächtige Leuthe genaue Aufsicht führen und in so ferne ihnen das mindeste von heimlichen Zusammenkünfften oder anderen Unordnungen zu Wißenschafft kommen möchte, sie solches sofort der Obrigkeit anzeigen“ müssten. Insbesondere in den „Bierhäussern“ sollten sie auf solche „unerlaubte Reden“ achten, deren Verkünder abmahnen oder „dem Rathe anzuzeigen“.

Ob den Viertelmeistern dabei auch ein revolutionäres Gedicht, eventuell als Lied vorgetragen, zu Ohren kam, ist natürlich eine auf die knallige zweite Überschrift zu diesem Artikel abzielende unseriöse Spekulation. Allerdings findet sich in dem untersuchten Finsterwalder Aktenkonvolut tatsächlich der handschriftliche Text einer aus 36 Versen bestehenden Dichtung. Obwohl keine Angaben über den Autor oder den Vortragenden überliefert werden, ist es ein Glücksfall, dass sich dieses Gedicht, das wohl 1790 in der Stadt und der Umgebung kursierte, erhalten hat. Mit scharfen Worten geißelte der unbekannte Verfasser die Not der Bauern und bejubelte die Furchtlosigkeit, mit der sie sich endlich gegen die Obrigkeit zur Wehr setzten: „Ihr waget Leben Gutt und Bluth / Woher nehmt ihr dan(n) diesen muth / Ihr sprecht, man hört nicht diesen Klagen / Wen(n) Wir es gleich den Fürschtern sagen / Das Wildt verwüstet Feld und Saadt / Wen(n) wir gleich wachen früh und spat / Viell Steuern haben wir zu geben / Weib Kind gesinde wollen leben / Drum machen wir uns selber Jagd / Wir haben Recht Gantz ungefragt“. Die Rechtmäßigkeit des Aufbegehrens begründete der Autor mit der Berufung auf das ursprüngliche Reich Gottes zu Zeiten Adams. Bewusst setzte der Dichter dabei auf die Wirkung sprachlicher Bilder, die er aus der Bauernkriegslyrik des 16. Jahrhundert entlehnte: „Hier lißt man nichts von Scklaverey / Ein Jeder mensch soll herschen frey / Freyheit ist ihm von Gott gegeben / darüber läßt man Leib und Leben / Wir schreiben uns von Adam Herr (her) / Wer ist der nicht von Adam wär / Adam harft und Efa spann / Wer war den(n) da ein Edelman / Komt her ihr stoltzen Edelleute / Wir haben Gottes Wort zur seite.“

Blick in die Sängerausstellung  des Finsterwalder Museums. Der Text des Gedichtes von 1790 dokumentiert die sprachliche Nachwirkung  revolutionärer Lyrik aus der Reformationszeit.
Blick in die Sängerausstellung des Finsterwalder Museums. Der Text des Gedichtes von 1790 dokumentiert die sprachliche Nachwirkung revolutionärer Lyrik aus der Reformationszeit. FOTO: Rainer Ernst

Die Originalhandschrift dieses Gedichtes – eine freundliche Leihgabe des Stadtarchivs Finsterwalde –  kann im Sänger- und Kaufmannsmuseum betrachtet werden.

Blick in die Sängerausstellung  des Finsterwalder Museums. Der Text des Gedichtes von 1790 dokumentiert die sprachliche Nachwirkung  revolutionärer Lyrik aus der Reformationszeit.
Blick in die Sängerausstellung des Finsterwalder Museums. Der Text des Gedichtes von 1790 dokumentiert die sprachliche Nachwirkung revolutionärer Lyrik aus der Reformationszeit. FOTO: Rainer Ernst

Zitate aus: Stadtarchiv Finsterwalde, Rep. 8, Nr. 132. Für die Hilfe bei der Transkription besonders schwer leserlicher Passagen in den Archivtexten geht ein Dank an Bernhard Wagner.