Die erste Nachricht von dem bevorstehenden Spektakel gab der "Niederlausitzer Anzeiger" Ende Juni 1912 mit der Meldung, dass ein Pilot der Fliegerschule Hans Grade demnächst Schauflüge über der Stadt plante. Damit konnte sich das kleine Lokalblatt sicher sein, das beherrschende Thema für das Stadtgespräch der nächsten Wochen geliefert zu haben. Der erste Motorflug der Gebrüder Wright hatte erst zehn Jahre zuvor stattgefunden, und mit einiger Sicherheit hatte die Mehrheit der Finsterwalder noch nie eine der fliegenden Kisten gesehen.

Offenbar war anfänglich vorgesehen, die Starts und Landungen in der Kreisstadt Luckau auszuführen. Allerdings war die Organisation eines solchen Spektakels ein kostspieliges Unternehmen, für das die örtlichen Veranstalter im Vorfeld eine Garantiesumme zeichnen mussten. Das ließ sich in der Fabrikstadt Finsterwalde mit ihren zahlreichen Unternehmern sicher viel leichter realisieren als in der kleinen Beamtenstadt Luckau. Schon bald stand mit dem 28. Juli auch ein Termin fest, auf den nun alles hinfieberte.

An geeigneten Flächen für die Starts und Landungen fehlte es in den Randgebieten der Stadt nicht. Vertreter der Grade-Fliegergesellschaft aus Bork (heute Borkheide bei Beelitz) besuchten am 10. Juli Finsterwalde und besichtigten verschiedene Plätze. Letztlich entschied man sich für ein Areal westlich des Restaurants "Waldfrieden", parallel zum Frankenaer Weg (Wohngebiet Beylich-/Hauptmann-Straße). Ausschlaggebend dafür könnte das Engagement des Radebeuler Unternehmers Sylvester Gornicki gewesen sein, der auch die Ausflugsgaststätte "Waldfrieden" in Heinrichsruh gebaut hatte. Den Finsterwaldern wurden unterdessen ein interessantes Schauspiel und ein "erstklassiger und weltbekannter Flieger" versprochen.

Eine Woche vor dem Flugtag erfuhren die Leser des Anzeigers dann den Namen des tollkühnen Mannes. Angekündigt wurde ihnen der Grade-Flieger Heinz A. Falderbaum. Er war sicher kein Unbekannter, hatte er doch gerade als einziger Starter den "Ueberlandflug Guben-Cottbus" erfolgreich absolviert. Falderbaum flog einen von Hans Grade konstruierten Eindecker, der als erstes wirklich flugfähiges deutsches Motorflugzeug gilt. Die segeltuchbespannte Holzrippen-Konstruktion wog mit ihrem 16 PS-Motor ganze 125 Kilogramm.

Ausdrücklich wurde betont, dass ein Aufstieg auch bei böigem Wetter erfolgen sollte: Das sollte sicher den inzwischen begonnenen Vorverkauf der Eintrittskarten unterstützen. Die Preise lagen zwischen 30 Pfennig (etwa 1,50 Euro) und 1,50 Mark (etwa 9 Euro). Besucher konnten das Geschehen aber auch von der eigenen Kutsche aus verfolgen. Für fünf Mark bekamen sie dafür einen Standplatz zugewiesen; dort konnten dann maximal vier Personen pro Kutsche das Geschehen vom privaten Logenplatz aus betrachten. Die Karten waren bei verschiedenen Finsterwalder Frisören und Gastwirten erhältlich. Außerdem betrieben Buchbindermeister Liederwald in Kirchhain, Albert Kien in Doberlug und ein Sonnewalder Hotel den Vorverkauf. Nachdem es gelungen war, einen Sonderzug für die abendliche Rückfahrt der Luckauer Gäste zu organisieren, wurden auch dort Karten verkauft. Für den Flugtag versprachen die Veranstalter neben mehreren Aufstiegen des Fliegers auch ein Konzert der Torgauer Militärkapelle.

Bereits drei Tage vor dem Flugtag traf das Fluggerät mit einem Bahntransport in der Stadt ein. Am Sonnabend testete der Pilot dann seine Maschine. Der Anzeiger schrieb dazu: "Heinz A. Falderbaum ist heute früh zu seinem ersten Flug aufgestiegen. Der Flug führte ihn in etwa 100 Meter Höhe nach der Gärtnerei Meinicke, von dort nach der Brauerei Haberland, dann umfuhr er den Waldfrieden und fuhr nochmals ein Stück in die Heide hinein. Nach 10 Minuten Flugdauer landete er glatt auf dem Flugplatz." Ein zweiter Flug erfolgte in den Nachmittagstunden. In der Stadt herrschte "unbeschreiblicher Jubel", und viele Bürger begrüßten den Flieger mit Hochrufen. Die abgeworfenen Werbezettel, an diesem Tag ein beliebtes Sammelobjekt der Finsterwalder Kinder, segelten noch durch die Luft, als der Flieger schon wieder festen Boden unter den Rädern hatte.

Am Sonntag war es dann soweit. Der erste Start war bereits um fünf Uhr morgens angesetzt. Dieser frühe Zeitpunkt war, genauso wie der zweite Start um 18 Uhr, sicher den tagsüber zu erwartenden Thermikturbulenzen geschuldet. Die leichte Bauweise des Grade-Fliegers machte ihn für Luftbewegungen jeder Art anfällig. Mehrere Tausend Zuschauer hatten den Eintritt bezahlt und beobachteten die Starts und Landungen aus nächster Nähe. Als besonders eindrucksvoll beschrieb der Anzeiger den dritten Flug am Abend. Während eines heranziehenden Gewitters verschwand der mutige Pilot für einige Zeit in den Wolken, aus denen er erst kurz vor dem Landeplatz wieder auftauchte. Insgesamt befand sich Falderbaum an diesem Tag 71 Minuten in der Luft.

Nachdem ein Herr, der nicht öffentlich genannt werden wollte, für den folgenden Dienstag erneut eine Garantiesumme hinterlegt hatte, setzten die Veranstalter ein zweites Schaufliegen an. Der Eintritt kostete nun nur noch zwischen zehn und 30 Pfennig. Wiederum versammelte sich eine große Menschenmenge. Der erste Flug führte Falderbaum in acht Minuten nach Sonnewalde. Dort konnte die fast komplett versammelte Einwohnerschaft beobachten, wie er auf der Hainwiese im Schlosspark landete und von der gräflichen Familie zu einem Imbiss in das Schloss geladen wurde. Darüber hinaus brachte der Abstecher dem Piloten einen Ehrenpreis der Stadt Sonnewalde ein. Eine knappe Stunde später schwebte das Flugzeug schon wieder über Finsterwalde. Dieses Mal verfehlte der Pilot allerdings den Landeplatz um einige Meter, was aber offensichtlich kein Problem darstellte. Nach einem letzten Rundflug "in prächtigen Kurven" war das mehrtägige Spektakel in Finsterwalde beendet.

Zum Thema:
"Herr Heinz A. Falderbaum, einer der kaltblütigsten Menschen, die überhaupt unter der Sonne zu finden sind . . ." (Niederlausitzer Anzeiger) Falderbaum, 1885 in Köln geboren, erwarb am 21. November 1911 als 138. Flieger einen deutschen Pilotenschein. Neben seiner Tätigkeit als Konstrukteur in der Flugzeugwerft von Hans Grade nahm er an vielen Flugschauen teil. Am 15. Februar 1915 stürzte Falderbaum an der Westfront tödlich ab. Im gleichen Jahr erschien im noch heute existierenden Verlag J. F. Schreiber der Modellbaubogen "Grade-Flugzeug mit dem Flieger Heinz A. Falderbaum". owr1