Von Dr. Rainer Ernst

Der Finsterwalder Kaufmann Johannes Wittke gehörte während des Ersten Weltkrieges sicherlich zu den wichtigsten Postkunden in der Stadt. Das lag nicht in erster Linie an seiner Geschäftstätigkeit als Besitzer des Kolonialwarenladens, der heute das historische Kernstück des Kreismuseums bildet, sondern an seinem Ehrenamt als Vorsitzender des örtlichen Kriegervereins. 1917 gehörten diesem 70 Mitglieder an, wovon 28 „im Felde“ standen.

Wittke sah es als seine Aufgabe an, einen Lebensmut stärkenden Verbindungsfaden zwischen den in Russland oder Frankreich stehenden Soldaten mit der Heimat zu erhalten. So schrieb er ihnen mehrmals im Jahr Briefe, informierte sie über das Geschehen in der Stadt und gratulierte zum Geburtstag oder zu militärischen Beförderungen. Insbesondere bei den Weihnachtsgrüßen ließ er es nicht allein bei Worten. Er schnürte kleine Päckchen mit „Liebesgaben“, meist Tabak, Zigarren und Zigaretten, mitunter sogar einem Fläschchen Schnaps, was natürlich bei den Empfängern große Begeisterung auslöste.

Dankbar schrieb Infanterist Schrickel während der Pause eines Artelleriebeschusses am 30. Dezember 1916 aus Russland: „Den ersten Schluck aus der Pulle werde ich auf das Wohl der Familie Wittke trinken.“ Bewundernd setzte er hinzu: „Die Verpackung der Flaschen war ja glänzend durchdacht.“

Die Briefe und Karten der Soldaten, die sie von den Fronten oder oft auch aus Lazaretten schrieben, hob Kaufmann Wittke sorgfältig auf. Auch seine Tochter, die nach dessen Tod 1928 das Geschäft übernahm, hütete sie achtsam. In einem Dachbodenschrank des Geschäftshauses überdauerten sie die Wirren späterer Jahre und konnten so wiederentdeckt und in den Bestand des Museums übernommen werden. Diese Schriftstücke bilden eine wichtige Informationsquelle über den Ersten Weltkrieg. Sie dokumentieren, mitunter emotional ergreifend, den Alltag des mörderischen Krieges, die Hoffnungen, manchmal auch die Ängste ihrer Verfasser. Strotzten sie 1914 noch von Siegesgewissheit und patriotischem Pathos, so offenbarten sie später vor allem den Wunsch – wie es Wittkes Neffe zwei Tage vor dem Heiligen Abend 1917 aus Russland schrieb, dass bald „das Morden und Brennen seinem Ende entgegen gehen“ möchte. Keimende Zuversicht dafür spricht aus einem Brief von Paul Matschulla, den er am 7. Dezember 1917, wenige Wochen nach dem Ausbruch der Oktoberrevolution, von der Ostfront abgesandt hatte: „Da ich heute Zeit habe, will ich auch mein Versprechen einlösen. Also haben Sie nochmals recht vielen Dank für die Zigarren, denn hier gibt es bald gar keine und dann ein Kraut, also kaum zum rauchen … Nun werde ich wohl hoffentlich keinen Urlaub mehr brauchen. Seit heute Mittag ist hier Waffenstillstand, aber schon gestern waren die Russen bei uns. Schade, dass wir nicht in Stellung sind, denn seit 8 Tagen liegen wir in Kaserne und machen strammen Dienst. Es sieht bald aus, als wenn es die Ausbildung für den Westen ist. Die Freude am Sonntag als bekannt wurde, von 10 ab fällt kein Schuß mehr, können Sie sich ja denken. Als die Meldung kam war aber auch keiner zum Halten ... das ,Hurra’ rufen wollte nicht aufhören … Jedenfalls hat man doch jetzt eine kleine Hoffnung gesund nach Hause zu kommen. Hoffentlich können wir doch bis Friedensschluß hier im Osten bleiben. Schön ist es ja gerade auch nicht, denn wir haben schon einige Tage über 10 ° Kälte und wenn sich das Wetter nicht ändert, wird uns der Winter sehr lange kommen, aber es ist doch immer noch besser als im Westen. Gesundheitlich geht es mir jetzt wieder ganz gut, aber im Oktober bis November da wollte es bald nicht mehr gehen. Ich hatte das Sumpffieber …“

Der Krieg ging dann, wie es Paul Matschulla befürchtet hatte, im Westen unter sinnlosen und fürchterlichen Blutopfern noch fast ein ganzes Jahr weiter. Wenigstens ein weiteres Kriegsweihnachten blieb Wittkes Briefpartnern aber erspart.

Zitate und Abbildungen: „Briefkonvolut Wittke“ im Bestand des Sänger- und Kaufmannsmuseums Finsterwalde