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300 Schüler sagen „Bye, bye“

Finsterwalde.. In der Kühlzelle hängt kein frisches Fleisch – hier steht ein Strauß roter Rosen. Wer auch immer ihn dort reingestellt hat, er hat damit Hauke Andresen, dem Schulleiter des Oberstufenzentrums Elbe-Elster I (OSZ), ein Lächeln abgerungen. Auch wenn die ganze Situation eher traurig ist. Die Abteilung 4 für Ernährung und Hauswirtschaft des OSZ ist in dieser Woche aufgelöst worden. Schüler und Azubis werden in Sedlitz und Cottbus weiter unterrichtet. Ein jähes Ende für die Ausbildung in diesen Berufsfeldern im Elbe-Elster-Kreis. Von Heike Lehmann


 „Traurig, dass es jetzt im EE-Kreis in den Berufsfeldern keine Ausbildung mehr gibt“
 Hauke Andresen


Eine letzte Dienstberatung fand am Donnerstag in den Räumen in der Leipziger Straße statt. Danach macht sich eine Grabesstille breit. Seit 1992 wurden hier Mädchen und Jungen als Köche, Fleischer, Fachverkäufer des Nahrungsmittelhandwerks und Restaurant facharbeiter ausgebildet. Letztere setzen bereits seit vergangenem Jahr ihre Ausbildung am Ober stufenzentrum Lausitz in Sedlitz fort. Ihnen folgen jetzt die künftigen Köche. Die Fleischer und Fachverkäufer des Nahrungsmittelhandwerks werden am Oberstufenzentrum Spree-Neiße II in Cottbus weiter unterrichtet.
300 junge Leute weniger in Finsterwalde, die hier auf ihr Arbeitsleben vorbereitet wurden. „Von den elf Lehrern geht ein Teil mit nach Sedlitz, einige bleiben beim OSZ Elbe-Elster I in den Abteilungen Sozialwesen oder Wirtschaft und Verwaltung“ , informiert Hauke Andresen nüchtern über die Tatsachen.
Dass es so nüchtern nicht abgeht - auch in seinem Innern nicht - ist zu spüren, wenn er durch die menschenleeren, aber gut ausgestatteten Räume geht. „Diese Berufe haben ja eine lange Ausbildungstradition in Finsterwalde, 1992 wurde das hier alles neu aufgebaut“ , erzählt er. Beste Bedingungen für die Beschulung nach dem Berufsbildungsgesetz habe man hier geschaffen. Es war zwar eine kleine, aber feine Abteilung, die nicht etwa geschlossen wurde, weil hier ein schlechter Unterricht oder eine schlechte Ausbildung stattfanden. „Sehr engagierte und voll ausgebildete Lehrer haben die Schüler und Auszubildenden hier zu etlichen Erfolgen und Auszeichnungen bei Leistungsvergleichen geführt“ , blickt der Schulleiter zurück.
„Es ist traurig, dass jetzt in diesen Berufsfeldern im Elbe-Elster-Kreis keine Ausbildung mehr angeboten wird“ , so Andresen. Die Ausbildungsbetriebe müssen ihre Schüler und Azubis für das theoretische Rüstzeug in den Nachbarkreis Oberspreewald-Lausitz oder gar in den Spree-Neiße-Kreis schicken. Die Entscheidung darüber lag beim Schulträger, dem Landkreis Elbe-Elster, und der staatlichen Schulaufsicht. Joachim Pfützner, zuständiger Dezernent beim Landkreis Elbe-Elster zu den Beweggründen: „Es läuft seit einiger Zeit ein Abstimmungsprozess zwischen dem Oberspreewald-Lausitz- und dem Elbe -Elster-Kreis. Die stark zurückgehenden Schülerzahlen betreffen jetzt auch schon die Oberstufenzentren. Außerdem werden in beiden Kreisen zum Teil gleiche Ausbildungsprofile angeboten. Und die Gegebenheiten waren in der Leipziger Straße nicht so ideal. Das Gebäude ist zwar eine kreisliche Immobilie, das Umfeld gehört uns aber nicht.“ Der Elbe-Elster-Kreis hofft im Gegenzug auf einen Ausgleich. Dazu gehört unter anderem, so Pfützner, „dass der zukunftsträchtigere Zweig der sozialen Berufe mit der Ausbildung in Finsterwalde bleibt“ .
Hauke Andresen ist selbstverständlich bewusst, dass man sich als OSZ Elbe-Elster „der demografischen Entwicklung nicht verschließen kann. Auch unsere Einrichtungen werden immer weniger Schüler besuchen.“ Deshalb drängt er auf weitere Konzentrationen im Kammerbezirk, um die Schulstandorte der beruflichen Ausbildung über das Tal zu retten.
Dennoch hätte er sich für die Abteilung 4 einen gleitenden Übergang gewünscht. Vor dem 11. April hat von der Schließung noch keiner was gewusst. Um so schmerzlicher für die, die jahrelang hier gemeinsam wirkten. Antonius Axenti verriegelt die leere Räucherkammer. Die künftigen Fleischer hat er unterrichtet, jetzt trägt er seine persönlichen Sachen aus dem Haus. Was die Fleischer hier verarbeitet haben, kam im Sinne einer technologischen Strecke dann in die Kochtöpfe zwei Türen weiter oder in die Verkaufstheke im benachbarten Unterrichtsraum. „Per Video wurden die Verkaufsgespräche ausgewertet“ , verrät Hauke Andresen. „Deshalb sind die Azubis bei Arnolds oder anderen schon immer so perfekt im Verkauf.“
Den Schlusspunkt setzen im August die Fleischer im 3. Ausbildungsjahr mit ihrer Gesellenprüfung. „Die wird noch hier stattfinden“ , so Andresen. „Um die jungen Leute nicht zu benachteiligen.“ Geräte und Einrichtung werden verkauft. Bis dahin wird wohl niemand das „Bye, bye“ , den letzten Gruß der Köche aus dem 2. Ausbildungsjahr, vom Clipboard wischen.