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23 000 sowjetische Gefangene haben wieder einen Namen

Zeithain. In der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain (Sachsen) ist am gestrigen Donnerstag dem Kriegsende vor 70 Jahren und der Befreiung des Kriegsgefangenenlagers Zeithain, Zweiglager des Stammlagers in Mühlberg/Elbe, gedacht worden. Enthüllt wurden Stelen mit den Namen von 23 000 im Kriegsgefangenenlager Zeithain von 1941 bis 1945 verstorbenen sowjetischen Gefangenen.

Die Gedenkveranstaltung ist vorbei. An einer der Stelen steht Alexander Bozhemolow. Er ist aus Moskau angereist, zum zweiten Mal binnen zwei Jahren. Denn sein Onkel hat jetzt wieder einen Namen. Fjodor Antoschin ist 1941 im Kriegsgefangenenlager umgekommen, so wie weitere 23 000 sowjetische Kriegsgefangene. Lange Zeit wusste die Familie nichts über den Verbleib ihres Onkels. Den Mitarbeitern der im Jahr 2000 gegründeten Dokumentationsstelle der Stiftung Sächsische Gedenkstätten ist es zu verdanken, dass aus Nummern wieder Namen werden. Sie haben ein Totenbuch mit den Namen von 23 000 sowjetischen Kriegsgefangenen angefertigt. Insgesamt starben in Zeithain mehr als 30 000 Menschen. Alexander Bozhemolow ist aufgewühlt, zieht zwei Fotos aus einer Folie, die seinen Onkel zeigen.

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich erinnert in seiner Rede daran. "Man nahm ihnen den Namen weg, um ihre Identität als Menschen auszulöschen. Das Totenbuch dagegen ist Ausdruck unserer demokratischen Staatlichkeit. Das Totenbuch gibt den Opfern wieder einen Namen. Es setzt unser Verständnis von Menschenwürde gegen den Zynismus der NS-Täter."

Dabei wurden sowjetische Kriegsgefangene mehrfach bestraft. Tillich: "Stalin hatte von seinen Soldaten den Widerstand bis zum Tode gefordert. Ihr Überleben in deutschen Lagern galt als Verrat. So ging es für viele Überlebende direkt wieder in Gefangenschaft."

Sachsens Landtagspräsident Matthias Rößler: "Die Aufarbeitung dieses Teils der Vergangenheit hat Jahrzehnte lang auf sich warten lassen, zumal das Schicksal der Überlebenden in der UdSSR selbst mit einer Stigmatisierung verbunden gewesen ist. (…) Die DDR hatte die Tabuisierung des Themas in der Sowjetunion nachvollzogen, sodass das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen erst im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts Eingang in die deutsche Erinnerungskultur gefunden hat."

Und Rößler warnt angesichts aktueller Entwicklungen: "Ich wage es auch zu bezweifeln, dass die Erinnerung alleine genügt, um den Krieg aus Europa zu verbannen."

Wladimir M. Grinin, Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, würdigt die Arbeit der Gedenkstätte und der Kriegsgräberfürsorge und sagte, "dass auf dem Wege der Versöhnung inzwischen eine gigantische Distanz zurückgelegt worden ist".