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| 12:59 Uhr

Ein perfekter Tag in Lieskau
Traditionen erhalten das Leben im Dorf

20. Almabtrieb in Lieskau FOTO:
Lieskau. Mit Franky, Paul, Oskar und Co. ist in Lieskau zum 20. Mal der Herbst mit dem „Niederlausitzer Almabtrieb“ eingeläutet worden. Von Jana Zadow-Dorr

Kaum verabschiedet sich der heiße Sommer von den Feldern und Wiesen, werden die Tiere – und als Lieskauer Variante auch Kinder, Hexen und weitere Dorfbewohner – in die heimischen Höfe zum Überwintern gebracht. Der erste Oktobersonntag war auch bei der 20. Auflage des ganz besonderen Almabtriebes dafür der perfekte Tag.

Ein bunter Bauernmarkt mit vielen Gelegenheiten zum Schauen, Kosten und Probieren, ein mit Spannung erwarteter Almabtrieb vom sagenhaften 15 300 Zentimeter hohen Berg, Blasmusik und ein echtes Lieskauer Festprogramm – das sind die bewährten Zutaten für ein Spektakel, welches unzählige Besucher aus allen Winkeln Deutschlands nach Lieskau lockte. „Ich bin zum fünften oder sechsten Mal hier. Gemeinsam mit dem Enkel und meiner Tochter sind wir vor allen Dingen auf die Tiere gespannt“, erzählt Roswitha Lesewitz aus Lauchhammer. „Es ist sehr anerkennenswert, wie die Tiere immer so geschmückt werden. Und es ist schön zu sehen, dass die Alten gemeinsam mit den Jungen und Jüngsten dieses Fest auf die Beine stellen!“

Dieser Zusammenhalt zwischen den Generationen zeigt sich beim Abtrieb in den verschiedenen Bildern, denn das ist der Unterschied zu der alpinen Urfassung: In Lieskau werden nicht nur Kühe, Pferde, Kaninchen, Tauben, Gänse, Hühner oder 900 Schafe ins Tal getrieben, sondern stellen sich Großfamilien oder die gesamte Kinderschar des Dorfes den Gästen beim Gang vom Berg vor. Auch solche traditionelle Tätigkeiten wie das Holzrücken per Pferd – seit dem ersten Almabtrieb 1999 dargestellt vom Lieskauer Altbauern Kurt Richter – gehören zum Niederlausitzer Almabtrieb.

Von Anfang an dabei ist der Landwirt Silvio Schapp aus dem benachbarten Göllnitz. In den ersten Jahren ließ er zunächst seine Kuhherde über die Lieskauer Alm zum Winterstall laufen. Aber irgendwann kannten die Kühe den Weg schon zu genau und liefen ohne Almabstecher in ihren Stall. Seitdem lassen es seine Familie und er mit den Kühen als Herde und wählen einzelne Exemplare, mit denen sie den Abtrieb bereichern. Diesmal kamen sie mit einem ganz besonders schwergewichtigen Bullen namens „Franky“.

Zum ersten Mal gehörten Uta und Jürgen Schlüter zu den Aktiven des Almabtriebes. Durch einen RUNDSCHAU-Artikel auf das Spektakel aufmerksam geworden, konnte Bärbel Jünigk, die stets aufmerksame Vorsitzende des gastgebenden Traditionsfördervereines Lieskau, die beiden Besucher aus Dabern sofort für die Festivität gewinnen. Familie Schlüter ist nämlich mit Paul und Oskar, dreieinhalbjährigen Zwillingen der Rasse DSN Deutsches Schwarzbuntes Niederungsrind, unterwegs. Sprich: mit einem Ochsengespann. Vor kurzem bei einer Hochzeit in Finsterwalde, nun beim Niederlausitzer Almabtrieb, sonst zu Hause bei der Grünlandpflege, beim Heuwenden oder Nachmähen.

„Wir hatten früher selbst Tiere auf dem Dorf zu Hause – deshalb gefällt es mir so sehr, wie hier durch den Almabtrieb diese Tradition lebendig gehalten wird“, antwortet Sandy aus Lindthal auf die Frage, warum sie als junge Frau nach Lieskau gekommen ist. „Es weiß ja sonst kaum noch ein Kind selbst auf den Dörfern, wie eine richtige Kuh aussieht oder eine Sense benutzt wird.“

Eine, die mit dieser Tradition regelrecht aufgewachsen ist, weil ihre Eltern ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern des Traditionsfördervereins gehören, ist Diane Schmidt, geborene Rostock und jetzt wohnhaft in Wandlitz. „Ich bin seit der ersten Veranstaltung dabei: Zuerst als Kind, dann mit Kinderwagen, jetzt mit meinem fünfjährigen Großen bei der Kindergruppe. Außerdem helfe ich beim Kaffeeverkauf, wenn meine Mutti beim Programm tanzt. Letztlich ist es doch so: Wenn keiner mehr etwas macht, geht alles den Bach runter. Das wollen wir alle ganz bestimmt nicht.“ Weshalb die erwachsen gewordenen Kinder beim herbstlichen Traditionsfest wie selbstverständlich mitfeiern und helfen.

Der Almabtrieb selbst hat in den Jahren eigene Traditionen geschrieben. So haben seit vielen Jahren die „Schönen Herren kommen“ in Gestalt der Holzland-Alphornbläser aus dem Saale-Holzland-Kreis zu Beginn des Abtriebes ebenso ihre Fans wie die Oberländer Musikanten, die den ganzen Tag über im Festzelt die eher ältere Generation zum Tanzen locken. Hannelore und Helmut Paff aus Senftenberg kamen extra mit einer Überraschung: „Die Oberländer feiern in diesem Jahr ihr 35. Gründungsjubiläum. Dafür strickten und stickten wir ihnen einen Fan-Schal und schenkten ihn hier in Lieskau der Kapelle.“

Etwa seit 2001 gehört zum Almabtrieb das vom Dorf gestaltete Showprogramm – fast immer unter der Regie von Annette Zickert. Jetzt begeistern die großen und kleinen Flachlandbubenplattler, die Almrocker, Wandermädels oder so berühmte Stars a la DJ Bobo, Helene Fischer und Andreas Gabalier (natürlich in Lieskauer Version) die Besuchermassen. Auch hier reichen sich die Generationen sozusagen die Hände – um das Leben im Dorf zu bereichern und zu stärken.

20. Almabtrieb in Lieskau FOTO: