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| 17:11 Uhr

20. Internationales Puppentheaterfestival
Rattenscharf – Theater im Gewächshaus!

Puppentheater im Gewächshaus. Zum wiederholten Mal wird die Gärtnerei Winde in Schönborn zum Gastgeber. 90 Besucher lassen sich das nicht entgehen.
Puppentheater im Gewächshaus. Zum wiederholten Mal wird die Gärtnerei Winde in Schönborn zum Gastgeber. 90 Besucher lassen sich das nicht entgehen. FOTO: LR / Frank Claus
Schönborn. Ganz stark – „Ursula von Rätin“ hat es am Samstagabend in Schönborn geschafft: Puppentheater, das ist beileibe nicht nur was für Kinder. Von Frank Claus

Siebzig Stühle hat er gestellt und nach dem Kartenvorverkauf gemeint: „Die reichen dicke.“ Hätte er doch bloß auf seine Frau gehört! Rüdiger Winde, der Gärtnermeister aus Schönborn, im täglichen Geschäft ohnehin dafür bekannt, dass er für seine Kunden von der einen zur anderen Ecke der Gärtnerei flitzt, muss am Sonnabend noch ein Stück zulegen. „Stell mal lieber 90“, hat Ehefrau Gundula gesagt und Recht behalten. Auch der letzte Stuhl aus der Werkstatt muss noch herangeschafft werden.

Puppentheater im Gewächshaus, selbst für die erfahrene Puppenspielerin Cornelia Fritzsche aus Dresden, die der Ratte „Ursula von Rätin“ ihre Stimme leiht und sie zum „Leben“ erwachen lässt, ist das Neuland. Schnell stellt sie dar, wofür sie am Abend da ist: „Rätin mit einem ,t’ ist richtig, denn das kommt nicht von Ratte, sondern von Rat geben.“

Gestatten, „Ursula von Rätin“, gespielt von Cornelia Fritzsche. Nach tosendem Applaus und zwei Zugaben kommt sie von der Bühne.
Gestatten, „Ursula von Rätin“, gespielt von Cornelia Fritzsche. Nach tosendem Applaus und zwei Zugaben kommt sie von der Bühne. FOTO: LR / Frank Claus

Lebenserfahrung hat die „Rätin“ genügend, war als männliche Ratte gefeierter Bühnenstar – und landete schließlich im Fundus, aufgehängt an einem Haken. Ein Glück, dass Cornelia Fritzsche das Schaumtier dort entdeckte. Die Geschlechtsumwandlung hat „Ursula von Rätin“ gut überstanden, wie das meist lose und oft hintersinnige Mundwerk bestätigt.

So erzählt die „Rätin“ vom Bühnenleben und gibt immer wieder Einblicke in die Biografie der Frau, die ihr Stimme und Bewegung verleiht. Es ist eine Biografie, die so oder ähnlich viele Ostdeutsche durchgemacht haben in den Wendetagen: Euphorie, Jobverlust, Ernüchterung und Neuanfang. Sie lässt das Schicksal – vor dem man zaudern oder es anpacken kann – vor der Tür stehen. Sie macht das mit so viel Hintersinnigkeit und Humor, dass immer wieder Szenenapplaus aufbrandet. Sie spielt mit den Vorzügen und Macken von Mann und Frau, bezieht das Publikum ein, ohne jemanden aus der ersten Reihe nach vorn zu bitten, sorgt mit dem Wechsel ihrer Tonlage und der dazugehörigen Gestik dafür, dass sie keinen Moment aus den Augen gelassen wird.

Sie beweist, dass Puppenspiel harte Arbeit, Kunst ist. Tosender Applaus, freudig erregte Besucher. Ohne zwei Zugaben kommt sie nicht von der Bühne. „Das hätte ich so nicht erwartet“, „das war ganz stark“, „ich dachte immer, Puppentheater ist nur was für Kinder“ und „Herr Winde, im nächsten Jahr sind wir wieder dabei“, raunen sich die Gäste und dem Gastgeber zu. Die „Rätin“ hat es wieder mal geschafft. Was für ein rattenscharfer Auftakt in die bevorstehende Festivalwoche.