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| 11:17 Uhr

Heimatgeschichte
1936: Finsterwalde feiert – unterm Hakenkreuz

Ausschnitte aus dem Film „600-Jahr-Feier in Finsterwalde“ aus dem Jahr 1936, der am Mittwoch gezeigt wird. Aus „Der Speicher“, Heft 18
Ausschnitte aus dem Film „600-Jahr-Feier in Finsterwalde“ aus dem Jahr 1936, der am Mittwoch gezeigt wird. Aus „Der Speicher“, Heft 18 FOTO: Dieter Babbe
Finsterwalde. Seit fast 70 Jahren ist eine Straße nach ihm benannt: Doch wer war eigentlich Johannes Knoche? Die Antwort gibt der neue „Speicher“ – es ist Nr. 18 dieser Reihe. Von Dieter Babbe

Freunde der Heimatgeschichte aus der Finsterwalder Region im Allgemeinen und Fans des „Speicher“-Heftes im Besonderen werden jetzt aufatmen. Nach zweijähriger Pause erscheint endlich die Ausgabe 18 der Publikation des Finsterwalder Kreismuseums und seines Fördervereins. „Objektive, aber auch subjektive Gründe“ haben zur Unterbrechung der regelmäßigen Erscheinungsweise der Jahresschrift geführt, schreibt Dr. Rainer Ernst, der Herausgeber, im Vorwort.

Und so erinnert der langjährige Leiter des Finsterwalder Sänger- und Kaufmannsmuseums und von 2015 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2017 des Museumsverbunds Elbe-Elster, gleich im ersten Beitrag an ein Ereignis, das sich vor zwei Jahren zum 80. Male jährte, hätte schon in dem Jahr erscheinen sollen – und das nur noch ganz wenige persönlich erlebt haben. Anfang des Jahres 1980 waren es noch deutlich mehr Bürger, die ziemlich verwundert zur Kenntnis nahmen, dass zwei Jahre später in Finsterwalde eine 700-Jahr-Feier stattfinden sollte – wo doch 1936 erst eine große 600-Jahr-Feier gefeiert wurde. Kein Widerspruch, erfuhr die Öffentlichkeit damals: In der DDR wurde die Ersterwähnung des Namens Finsterwalde, 44 Jahre davor die Verleihung des Stadtrechts zum Anlass für ein Stadtfest genommen. Wie dieses Volksfest 1936 zum Propagandaspektakel für die Nazis und den NSDAP-Landtagsabgeordneten Michael Münster wurde, der von 1933 an – ohne demokratische Legitimation – bis 1941 Bürgermeister von Finsterwalde war, schildert Ernst sehr detailliert und mit bisher unbekannten Bildern.

Einige Seiten weiter ist erstmals so ausführlich von einem anderen Mann aus dieser Zeit die Rede. Obwohl bereits seit 1950 eine Straße in Finsterwalde nach ihm benannt ist, kennt Johannes Knoche wohl kaum jemand. Manfred Woitzik, einst Kreisarchitekt im Finsterwalder Altkreis, hat erste Forschungsergebnisse zu dem Druckereibesitzer und SPD-Kommunalpolitiker zusammengetragen und Knoche als Stadtverordnetenvorsteher, was er von 1919 bis 1932 und in der Amtszeit von immerhin drei Bürgermeistern war, gewürdigt.

Vereinzelte, noch erhalten gebliebene Spuren der Finsterwalder Industriegeschichte zeichnet der langjährige Eisenbahner Gerhard Kieß sehr detailliert nach: das Entstehen, den Verlauf und den Niedergang der Industriebahn. 3,8 Kilometer führte die einst vom Bahnhof bis zur Koswigschen Tuchfabrik, zu DDR-Zeiten der VEB Feintuch, durch die Stadt, wo mehr als ein Dutzend Betriebe Bahnanschlüsse hatten.

Auch wenn Rainer Aurig Finsterwalde im Mittelalter mit einer räumlichen Ausdehnung von nicht mehr als 400 mal 250 Metern und die Entwicklung zur Rechts­stadt beschreibt, ist der neue „Speicher“ nicht nur Finsterwalde-lastig. So porträtiert Andreas Hanslok den kursächsischen Rat Heinrich von Gersdorf, dem 1550 vom Kaiser die Pfandherrschaft Dobrilugk übertragen wurde und an den noch immer der prächtige Grabstein in der Kirchhainer Stadtpfarrkirche erinnert.

Horst Firme berichtet aus einer Zeit, als sich der junge Gersdorf gegen den Vorwurf wehrte, sein Vater habe die Doberluger Klosterkirche als Hundezwinger, Gefängnis und Viehstall missbraucht. Wolfgang Bauer stellt die Familie von Robert Fedor von Loebenstein vor, dem letzten adligen Schlossherr in Sallgast, der das Schloss und den Schlosspark in einen englischen Landschaftspark umgestaltete. Rudolf Bönisch hat – erstmals für einen Kreis im Land Brandenburg – für die Kirchen des Elbe-Elster-Gebietes sämtliche Gemälde eines biblischen Themas – vom letzten Abendmahl – abgebildet und tiefgründig beschrieben.

Der neue „Speicher“ erscheint im bekannten Gewand – dank der Piktografen, die wieder die Außenhaut zu verantworten haben. Und auch Eckhard Böttger, der 2010 viel zu früh verstorbene Maler und Grafiker, lebt mit dieser Publikation weiter: Auch Heft 18 ist nach seinem Layout gestaltet.

Ergänzend zum Beitrag von Rainer Ernst über die 600-Jahr-Feier in Finsterwalde wird bei der Vorstellung des neuen „Speicher“-Heftes (am Mittwoch, 28. November, 18 Uhr, im evangelischen Gemeindehaus Arche) ein 82 Jahre alter Film aus dem Nazi-Deutschland gezeigt: Finsterwalde in Feststimmung. Bei der Suche auf einer Datenbank nach anderen Filmaufnahmen hat das Team des Kreismuseums zufällig die alten Aufnahmen vom Stadtfest entdeckt, die bis zur Wende im Archiv des Kjellberg-Betriebes schlummerten und danach im Bundesfilmarchiv landeten.

Ausschnitte aus dem Film „600-Jahr-Feier in Finsterwalde“ aus dem Jahr 1936, der am Mittwoch gezeigt wird. Aus „Der Speicher“, Heft 18
Ausschnitte aus dem Film „600-Jahr-Feier in Finsterwalde“ aus dem Jahr 1936, der am Mittwoch gezeigt wird. Aus „Der Speicher“, Heft 18 FOTO: Dieter Babbe