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Zyklop findet in Herzberg ein neues Zuhause

Herzberg.. Ungewöhnliche und schaurig anzusehende Gestalten haben in Herzberg Quartier bezogen. Jenny Wix die Vasenfrau, Rosalie Bradford, die mit 544 Kilogramm wahrscheinlich dickste Frau der Welt, Zang Ju Sing, der 2,44 Meter große chinesische Riese, Bill Dax, dessen Gesicht von drei Augen geziert ist oder Grace McDonald, die einen Wettbewerb als hässlichste Frau der Welt gewann, gehören zu ihnen. Von Sven Gückel

All diese Figuren, insgesamt sind es 25, gehören zu einer illustren Gesellschaft, deren äußeres Merkmal Anomalitäten an ihrem Körper sind. Ein Dach über dem Kopf finden sie zurzeit bei Zirkuschef Roland Krämer, der zukünftig vielen Menschen die Begegnung mit seinen Untermietern möglichen machen will.

Grusel in Sankt Petersburg
Sankt Petersburg, die Stadt der weißen Nächte - von da kommen viele hoch begabte Artisten. Nach diesen suchten vor nicht allzu langer Zeit auch Roland Krämer und seine Frau Edith vom Herzberger Zirkus Rolands. Ihrem Publikum wollten sie neue Attraktionen bieten. Doch statt einer jungen und schönen Ballerina, entdeckten die beiden ein kleines Gruselkabinett. Eingestaubt und zum Teil leicht beschädigt, hatte eine Gruppe alter Wachsfiguren in einem Hinterhof seit Jahren auf ihre Entdeckung gewartet. „Wir waren von den lebensgroßen Nachbildungen so angetan, dass wir uns spontan zu ihrem Kauf entschlossen“ , sagt Roland Krämer. Statt eines Artisten, fuhren die Krämers aus Herzberg mit einer grusligen Reisegruppe im Gepäck nach Hause.
Das besondere an den Wachsfiguren ist: Sie wurden nach einst lebenden oder noch auf dieser Welt weilenden Personen nachgebildet. So beispielsweise der dunkelhäutige Zyklop, der sein Dasein fernab der Öffentlichkeit im amerikanischen Bundesstaat Mississippi fristet. Oder Perry, dessen Augäpfel so groß sind, dass er sie selbst im Schlaf nicht schließen kann. Dafür kann der noch lebende Amerikaner sie wie eine Libelle bewegen.
Geschaffen wurde der ungewöhnliche Wachsfigurenkreis von russischen Zeroplastikern. Auf jedes Detail hätten sie bei ihrer Arbeit geachtet, sagt Roland Krämer. So wurden echte menschliche Haare verwendet sowie Augen, wie sie als Implantate in der Medizin verwendet werden. „Man hat bei jeder Figur den Eindruck, in ihr stecke wahres Leben drin“ , schwärmt Edith Krämer. Um die leichten Blessuren der 25 Figuren verschwinden zu lassen, reiste eigens eine Restaurateurin aus Sankt Petersburg nach Herzberg zu den Krämers. Galina Krestianinova arbeitet nun für etwa zwei Wochen auf dem Gelände des Zirkus Rolandos, um Bienenwachs, Farbe und Haare wieder an der richtigen Stelle anzubringen.
Ihren ersten öffentlichen Auftritt in Deutschland werden die Anomalien im August zum Schul- und Heimatfest in Jessen erleben. Reno Sperlich habe ihn dazu ermuntert, sagt Roland Krämer. In einem extra dafür hergerichteten Wagen soll das Gruselkabinett fortan zu sehen sein. Nach Jessen folgen Ausstellungen in Berlin und Wittenberg, erzählt Roland Krämer weiter. „Wir haben unzählige Nachfragen.“

Eine Tradition wieder beleben
Einen festen Platz sollen die Wachsfiguren nicht erhalten. „Es ist die Wiederbelebung einer alten Tradition“ , so Zirkuschef Krämer. Statt wie in vergangenen Zeiten die lebenden Personen auf Jahrmärkten oder im Zirkuszelt das Volk belustigte, sollen nun ihre in Wachs gegossenen Abbildungen für Spaß und vor allem Gruselschauer sorgen. Damit die Wachsfiguren den Transport besser überstehen können, verstärkt die Restaurateurin sie eigens mit Glasfaser. „Was Galina hier vollbringt, ist ein wahres Kunstwerk“ , schwärmt Roland Krämer. Stundenlang könne er der Russin bei der Arbeit zuschauen.
Dass ihre Wanderausstellung, die es so noch nicht in Deutschland gibt, ein Erfolg wird, daran zweifeln die Krämers nicht. Denn, was Madame Tussaud in London kann, das können die Rolandos aus Herzberg schon lange.