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| 17:47 Uhr

Keine Chance für Südzucker-Beschäftigte
Zuckerfabrik Brottewitz wird doch dicht gemacht

 Ein Großteil der Zuckerwerker aus Brottewitz protestiert vor der Südzucker-Zentrale in Mannheim.
Ein Großteil der Zuckerwerker aus Brottewitz protestiert vor der Südzucker-Zentrale in Mannheim. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau / Frank Claus
Mannheim/Brottewitz. Alles hoffen hat nichts genützt: Die Aufsichtsrat der Südzucker AG hat am Montagabend die Schließung der zwei Werke in Brottewitz (Elbe-Elster) und Warburg (Nordrhein-Westfalen) bestätigt. Dabei waren Brottewitzer Zuckerwerker extra nach Mannheim gefahren, um für ihre Jobs zu kämpfen. Von Frank Claus

Er ist ohrenbetäubend laut, aber fair – der Protest der Zuckerrübenwerker aus Brottewitz und Warburg am Montag vor der Zentrale der Südzucker AG in Mannheim. Früh um 3 Uhr sind 90 Beschäftigte und Unterstützer in Brottewitz in die zwei Busse geklettert. Nach achteinhalb stündiger Fahrt mit zähfließendem Verkehr und Stau erreichen sie das Ziel und werden freudig von ihren Berufskollegen und Rübenanbauern aus Warburg empfangen. Mit ihren Tröten, Sirenen, Pfeifen und Rasseln übernehmen sie schnell die Lautstärke-Hoheit auf dem Platz vor dem weißen Hochhaus der Konzernzentrale.

Vertreter von Gewerkschaften treten ans Mikrofon, prangern den abrupten Sinneswandel des Südzucker-Vorstandes und die ihrer Meinung nach verfehlte Agrarpolitik von Bund und EU an. Ingolf Fechner, Gewerkschaftssekretär der NGG aus Cottbus: „Nicht mal eineinhalb Jahre nach Abschaffung der Zuckermarktordnung bekommt Südzucker kalte Füße und wer muss es ausbaden? Die Arbeiter. Es sterben mehr als zwei Zuckerfabriken, es stirbt eine Branche, es sterben Regionen.“

 Südzucker-Vorstand Dr. Wolfgang Heer spricht zu den Protestierenden.
Südzucker-Vorstand Dr. Wolfgang Heer spricht zu den Protestierenden. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau / Frank Claus

Leidenschaftlich argumentiert auch der Arbeitnehmervertreter und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Südzucker AG, Franz-Josef Möllenberg. Der ehemalige Bundesvorsitzende der NGG-Gewerkschaft will Zeit gewinnen, eine mögliche Entscheidung vertagen, um die Politik in die Pflicht zu nehmen. „Wenn man die 50 Jahre bewährte Zuckermarktordnung opfert, dann hat man sich schuldig gemacht“, sagt er, vor allem weil die Politik verzerrte Wettbewerbsbedingungen zugelassen habe. Mehrfach bekommt Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner ihr Fett weg. „Wir müssen Frau Klöckner sagen, dass so eine Agrarpolitik auf dem Rücken der Beschäftigten nicht geht.“

28 000 Landwirte seien, so Möllenberg, von der Misere betroffen, mehr als 5000 Beschäftigte in der Zuckerwirtschaft, etwa 40 000 bis 45 000 in Nachfolgegewerken sowie 50 000 Beschäftigte in der Süßwarenindustrie.

Zuckerwerker demonstrieren in Mannheim FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau / Frank Claus

Dass die Politik zügig reagiert, dieses „Vertrauen habe ich verloren“, sagt der Südzucker-Vorstand Dr. Wolfgang Heer, der die Aufsichtsratssitzung nach 15 Minuten angesichts des Lautstärkepegels vor der Zentrale unterbricht und mit dem gesamten Gremium vor die etwa 350 Demonstranten tritt. Südzucker verfolge mit der Schließung der zwei Werke nicht „Gewinnmaximierung, sondern Verlustreduzierung“, sagt er und führt den immensen Unternehmensverlust an. Zudem gebe es auf dem Weltmarkt eine massive, subventionierte Überproduktion vor allem in Indien, Brasilien, Pakistan und Thailand. Uneinheitlich geregelt sei der Zuckermarkt auch in der EU, wo elf Staaten trotz Wegfall der Zuckermarktordnung immer noch erhebliche staatliche Zuschüsse erhalten würden. Nachteile gebe es in Deutschland hinsichtlich des Pflanzenschutzes. Hinzu kämen die Unsicherheiten, die die Politik mit ihren Debatten zur Zuckersteuer und zur Zucker-Reduktionsstrategie verursachen würde. Der von der Südzucker AG initiierte wissenschaftlich begleitete Dialog mit Berlin und Brüssel habe zu keinen Ergebnissen geführt.