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| 15:12 Uhr

Zeitzeugen halten Erinnerung wach

Bei Angelika Stamm in der Geschäftsstelle der Initiativgruppe am Mühlberger Schulplatz ist die neue Chronik zu haben. Foto: A. Posern
Bei Angelika Stamm in der Geschäftsstelle der Initiativgruppe am Mühlberger Schulplatz ist die neue Chronik zu haben. Foto: A. Posern FOTO: A. Posern
Mühlberg. Der Initiativgruppe Lager Mühlberg ist es zu verdanken, dass bald nach der politischen Wende das Stillschweigen über das Speziallager des sowjetischen Geheimdienstes NKWD gebrochen wurde. Zum 20. Jubiläum ist jetzt eine Chronik erschienen, die die Aktivitäten des Vereins reflektiert. Von Antje Posern

Erarbeitet und geschrieben wurde die Chronik von Historiker Andreas Weigelt aus Lieberose, der auch ein Kenner der Geschichte des Speziallagers in Jamlitz ist. Unterstützung bekam er dabei von den Zeitzeugen Elisabeth Schuster und Eberhard Hoffmann. Der 83-Jährige aus Burgstädt (bei Chemnitz) war von November 1945 bis zur Auflösung des Lagers im September 1948 in Mühlberg inhaftiert, kam dann nach Buchenwald und wurde erst im Februar 1950 entlassen. Wie viele seiner Leidensgenossen hat Hoffmann die Gründe für seine Lagerhaft nicht erfahren. Offiziell wurde dem damals 17-Jährigen zur Last gelegt, Mitglied der Organisation "Wehrwolf" gewesen zu sein. "Das war ich aber nicht", sagt Hoffmann. Rehabilitiert ist Hoffmann bis heute nicht. Begründet wurde die Ablehnung seines Antrages damit, dass er nicht strafrechtlich verurteilt worden sei. Er sei "nur interniert" gewesen "als Person, die eine potenzielle soziale Gefahr für die in der Nachkriegszeit in Ostdeutschland im Aufbau befindliche Gesellschaftsform darstellte", hieß es aus Moskau.

Im April 1990 kehrte der Burgstädter zum ersten Mal nach Mühlberg zurück. Schließlich gehörte er zu den ersten Mitgliedern der am 11. Januar gegründeten Lager-Initiativgruppe unter der Leitung von Gottfried Becker. Heute zählt der Verein 375 Mitglieder und wird seit Langem von Pfarrer Matthias Taatz geleitet, dessen Großvater ebenfalls im Lager inhaftiert war.

"Unser Anliegen war es von Anfang an, aufzuklären und der Opfer beider Lager zu gedenken", sagt Eberhard Hoffmann. Er selbst leitet die seit 1992 stattfindenden Arbeitseinsätze auf dem Gelände. So sei in den ersten Jahren erst einmal versucht worden, auf dem verwilderten Areal, auf dem kaum noch etwas an die einstige Nutzung erinnerte, das Lager überhaupt sichtbar zu machen. Weil er auch bei der Jugend die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der Geschichte wach halten will, gehört Hoffmann zu jenen Engagierten, die Schülergruppen durchs Lager führen und in der Lehrerweiterbildung beschäftigt sind.

Die jetzt erschienene, mehr als 200 Seiten zählende Chronik ist für den ehemaligen Lagerinsassen ein weiteres Zeugnis zur Mahnung und zum Gedenken. "Das darf nicht abreißen", fordert er. Gerade aus diesem Grund begrüßt Eberhard Hoffmann sehr die Initiative der Stadt Bad Liebenwerda, auf dessen Gemarkung das Lagergelände hauptsächlich liegt, zur Einrichtung eines Geschichtslehrpfades. Bis zum Jahresende soll dieser aufgebaut sein.

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Zum ThemaDas Lager Mühlberg war von 1939 bis 1945 Kriegsgefangenenlager Stalag IV B der Deutschen Wehrmacht. Zwischen 1945 und 1948 waren mehr als 21 800 Jugendliche, Frauen und Männer im Speziallager Nr. 1 des sowjetischen Geheimdienstes NKWD in Mühlberg inhaftiert. In dieser Zeit starben mehr als 6700 Gefangene. Zu Beginn des Jahres 1990 wurden die ersten Massengräber in der Nähe des Lagers gefunden.