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| 01:00 Uhr

Würdevolle Erinnerung

Herzberg.. Rund 150 Herzberger hatten sich in der vergangenen Woche vor dem Haus in der Torgauer Straße 2 versammelt. Nach einer Andacht in der St. Marienkirche waren sie gekommen, um mit Lichtern in den Händen an die jüdische Familie Schlesinger, die von 1914 bis 1942 in der Stadt lebte, zu erinnern und an deren Haus eine Erinnerungstafel anzubringen. Von Birgit Rudow

Sechs Jahre waren vergangen von der Idee bis zu ihrer Realisierung. Bereits Anfang 1999 begann eine Gruppe Herzberger Gymnasiasten, sich mit „Jüdischen Spuren in unserer Heimat“ auseinanderzusetzen. Ein nicht einfaches Unterfangen, wie sich zeigen sollte. Einige Zeitgenossen der Schlesingers in der Stadt schwiegen. Das Amt für offene Vermögensfragen war wenig kooperativ. Die Schüler wälzten Zeitungen und Heimatkalender in Archiven und stießen auf erschreckende Zahlen darüber, wie viele Menschen im Raum Herzberg zu den Reichstagswahlen 1932 und 1933 Hitler gewählt hatten.
Wo die erste Gruppe 1999 aufgehört hatte, setzten Schüler der 11. Klasse des Grundkurses politische Bildung vier Jahre später an, widmeten sich der Geschichte der Familie Schlesinger mit dem Resultat, die Gedenktafel am Haus in der Torgauer Straße anzubringen. „Wir wollen uns nicht darüber beklagen, dass es mit der Tafel so lange gedauert hat“ , meinte Lehrer Frank Träger dann auch bei der feierlichen Einweihung, „denn auf diesem Weg haben sich so viele Menschen mit der oft verdrängten Geschichte beschäftigt, dass es auch noch länger hätte dauern können.“
Sehr zur Freude der Anwesenden waren zu diesem Ereignis, genau 67 Jahre nach der Reichskristallnacht, auch Nachfahren von Selma und Leopold Schlesinger nach Herzberg gekommen.
Israel Eliezri, Sohn der Tochter Paula Schlesinger, und sein Sohn Zohar wohnten mit einer Freundin der Familie der Zeremonie bei. Sie leben in Israel. Zohar Eliezri dankte im Namen der Familie dafür, dass die Herzberger Schüler einen Weg gefunden haben, das Andenken an die Vorväter, wenn auch sehr spät, an einem guten Ort, ihrem letzten Wohnsitz, zu verewigen. „Hier wird einer Art Gerechtigkeit Ausdruck verliehen, und ich hoffe, dass uns dies auf unserem Weg begleiten und leiten wird, damit derartige unmenschliche Gräuel und Verbrechen nicht wieder geschehen können“ , sagte Zohar Eliezri. Schweigend gedachten die Anwesenden der Familie Schlesinger stellvertretend für sechs Millionen ermordeter Juden.

Hintergrund Aus der Geschichte der Familie Schlesinger
  Selma und Leopold Schlesinger kamen 1914 nach Herzberg. Leopold wurde 1868 in Sandersleben, Selma 1866 in Güsten geboren. Am 17. Oktober 1914 öffneten sie ein Manufaktur-, Garderoben und Schuhwarengeschäft am Markt, am 20. Februar 1920 dann im eigenen Haus in der Torgauer Str.
Die jüdische Kaufmannsfamilie hatte vier Kinder: Berthold, Paula, Kurt und Walter. 1925 eröffneten Berthold, Paula und Kurt in Berlin vier Textilgeschäfte. Bertholds Frau wurde in der Kristallnacht entführt und verschwand für immer. Er selbst flüchtete vor den Nazis in die Schweiz. Kurt floh mit seiner Frau nach Brasilien. Von Paula ist überliefert, dass sie mit ihrer Tochter nach Osten flüchtete zu ihrem Mann und von dort aus nach Palästina. Walter wurde ins KZ Buchenwald verschleppt, wo an ihm medizinische Folterexperimente durchgeführt wurden. Als Flüchtling überlebte er in China und anderen Ländern, er starb 1980 in Bremen. 1955 wollte er nach Herzberg kommen, doch die DDR-Behörden verweigerten die Einreise.
Leopold und Selma Schlesinger blieben in Herzberg. Sie wurden 1938/39 gezwungen, ihr Haus zu verkaufen. Sie hatten weder Geld noch Lebensmittelkarten. Was wie eine Fahrt in ein Altenheim nach Halle aussehen sollte, endete 1942 mit dem Tod beider im KZ Theresienstadt.