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| 18:22 Uhr

Wolfsattacke und Unfall mit Wolf
„Zum Glück war der Bock auf Hochzeit“

Hans-Jürgen Weber auf der Weide nahe Kröbeln. Der Zaun ist gut 1,40 Meter hoch.
Hans-Jürgen Weber auf der Weide nahe Kröbeln. Der Zaun ist gut 1,40 Meter hoch. FOTO: LR / Frank Claus
Kröbeln/Theisa. Wölfe reißen bei Kröbeln acht Schafe, weitere zwei Lämmer fehlen seit jener Nacht. Unfall mit Wolf bei Theisa. Von Frank Claus

Hans-Jürgen Weber aus Kröbeln ist nicht der Typ, der sofort Krawall schlägt. Auch nicht nach dem Wolfsriss in der Nacht vom 18. zum 19. September auf einer umzäunten Weide etwa 800 Meter von seinem Grundstück in Kröbeln entfernt. „Ich wollte erst Gewissheit von einem Wolfsgutachter haben“, sagt er am Montag. Seit Donnerstag vergangener Woche liegt das Gutachten vor. Im Behördendeutsch klingt ein Fast-Eingeständnis dann so: „Der Gutachter kam zur Einschätzung, dass ein Wolf beziehungsweise Wölfe als Verursacher nicht ausgeschlossen werden können“, schreibt Thomas Frey, Pressesprecher des Landesumweltamtes.

Was war passiert? In der Nacht vom 18. zum 19. September schlagen gegen 3 Uhr in der Frühe die zwei belgischen Schäferhunde an. Hans-Jürgen Weber wird unruhig, geht nach draußen, lässt die Hunde aus dem Zwinger. Seine Frau Bärbel schimpft: „Irgendwann kriegst du noch mal ’ne Latte über den Kopf.“ Vor Monaten hatten schon mal Unbekannte das Grundstück betreten. Die Hunde laufen bis zum Zaun an der Grundstücksgrenze und kommen blitzschnell zurück. „Mit ganz merkwürdigem, ängstlichen Bellen und eingezogenem Schwanz“, wie der 62-jährige Mann, der bislang im Schmiedewerk in Gröditz gearbeitet hat und seit 1. September in Rente ist, berichtet. Jetzt kann er sich ganz seiner Hobby-Landwirtschaft widmen.

Und irgendwann war der Hunger scheinbar gestillt.
Und irgendwann war der Hunger scheinbar gestillt. FOTO: Hans-Jürgen Weber

„Am nächsten Morgen kommt mein Kumpel, der unweit meiner Weide die gleiche Rasse hält und berichtet mir, dass alle meine Tiere am Boden liegen. Er hat noch geunkt und gemeint: Die wird doch nicht jemand vergiftet haben.“ Hans-Jürgen Weber fährt raus und ist entsetzt. Überall Wollfetzen, teils angefressene Tiere, etliche fein säuberlich abgefressene Knochen. „Ich wusste, dass es in der benachbarten Gohrischheide Wölfe gibt und ahnte, dass sie nun zugeschlagen haben.“ Doch was tun? Einfach hinnehmen und die Kadaver vergraben? Auf Anraten der Familie setzt er sich mit dem Wolfsgutachter in Verbindung. Weil der nicht gleich kommen kann, rät er, die Tiere abzudecken. Insgesamt zehn standen auf der Weide. Drei Muttertiere und sieben Lämmer. Allesamt Ostfriesische Milchschafe und Schwarzkopf Merino Sufflok. „Acht Kadaver habe ich gefunden, von zwei Lämmern fehlt jede Spur“, so Hans-Jürgen Weber.

Thomas Frey vom Landesumweltamt bestätigt einen „Rissvorfall“ am 19. September (Meldedatum 20. September) mit acht getöteten und zwei verschwundenen Tieren. Er schreibt: „Alle Kadaver waren stark bis extrem durch Nachnutzer, vor allem Vögel, verwertet. Alle Kadaver hatten eine Liegezeit von mindestens 48 Stunden. Im Kehlbereich eines Tieres war ein Kehlbiss mit geringer Unterblutung erkennbar, der Fangzahnabstand lag bei etwa 4,5 Zentimeter, die Zähne hatten die Decke nicht durchdrungen.“

Es waren mehrere Wölfe, die über die Schafe herfielen.
Es waren mehrere Wölfe, die über die Schafe herfielen. FOTO: Hans-Jürgen Weber

Was jetzt so formal klingt, hörte sich vom Wolfsgutachter vor Ort, so Hans-Jürgen Weber, noch ganz anders an.

„Ich hätte das Drama hier nicht filmen wollen“ und „Ich kann ihnen nicht bestätigen, ob es fünf oder sechs Wölfe waren, aber einer allein war es garantiert nicht“, habe der gegenüber Hans-Jürgen Weber geäußert. „Er hat mir sogar die Stelle an der Zaununterkante gezeigt, wo die Wölfe vermutlich die zwei fehlenden Lämmer hindurch gezogen haben. Dort hingen noch Wollreste.“

Das sind die Schafe gleicher Rasse auf der Nachbarweide.
Das sind die Schafe gleicher Rasse auf der Nachbarweide. FOTO: LR / Frank Claus

Ob er eine Chance auf Entschädigung hat? „Bis jetzt habe ich nichts gehört. Mein Zaun ist wie gefordert, gut 1,40 Meter hoch.“ Die stromführenden Drahtlitzen als Untergrabungsschutz hat er aber nicht. Irgendwie ist der Hobby-Landwirt trotz des Unheils noch froh: „Zum Glück war der Bock auf Hochzeit in Saathain.“ Insider wissen: Zum Zulassen. Und ans Aufgeben denkt er lange nicht: „Ich will mir wieder Milchschafe aus Dippoldiswalde holen.“ Seine Frau habe daraufhin nur sarkastisch gemeint: „Holst also doch wieder Wolfsfutter?“ und am Ende milde gelächelt: Tiere gehören bei Webers eben dazu.

Wölfe sind in diesem Jahr nach Angaben des Landesumweltamtes bereits drei Mal im Landkreis Elbe-Elster in Unfälle verwickelt gewesen. Zum letzten Mal vor einigen Tagen bei Theisa/Ziegelhäuser. Dort ist ein Jungwolf mit einem Pkw kollidiert. Weil der Wolf zunächst noch gelebt haben soll, ist Tierarzt Dr. Michael Kreher hinzugerufen worden. „Kurz nachdem ich eintraf, verendete das Tier. Weil der Wolfsbeauftragte aber nicht sofort kommen konnte, bin ich gebeten worden, das Tier in unserer Kühlzelle aufzubewahren. Das war der erste Wolf in unserer Praxis“, berichtet der Tierarzt. Der Autofahrer will eine Fähe mit zwei Jungwölfen gesehen haben. Einer davon sei ihm ins Auto gerannt.

Beleg des Wolfsangriffs: ein Teppich aus Wolle.
Beleg des Wolfsangriffs: ein Teppich aus Wolle. FOTO: LR / Frank Claus

Insgesamt sind 2018 im Landkreis drei Wölfe als Verkehrsopfer registriert. „Neben dem bei Theisa wurde ein Wolf westlich des Flugplatzes Lönnewitz und ein weiterer südlich von Elsterwerda gefunden. Darüber hinaus gibt es einen Fund mit anderer Todesursache im Landkreis“, so Thomas Frey vom Landesumweltamt.