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| 16:58 Uhr

Aus der Geschichte
Winterkampf in der Brikettfabrik Louise

Was an Fotodokumenten über die Brikettfabrik in Domsdorf verfügbar ist, befindet sich bestens sortiert im Archiv des Vereins Freundeskreis Technisches Denkmal Brikettfabrik Louise. Der ehemalige Vorsitzende Jürgen Bartholomäus kann stets noch fundierte Erläuterungen geben.
Was an Fotodokumenten über die Brikettfabrik in Domsdorf verfügbar ist, befindet sich bestens sortiert im Archiv des Vereins Freundeskreis Technisches Denkmal Brikettfabrik Louise. Der ehemalige Vorsitzende Jürgen Bartholomäus kann stets noch fundierte Erläuterungen geben. FOTO: LR / Manfred Feller
Domsdorf. Noch mehr als heute war einst die Arbeit in der Kohle- und Energiewirtschaft eine Herausforderung für Mensch und Technik.

Die Hauptfeinde der DDR-Wirtschaft waren bekanntlich die vier Jahreszeiten. Allen voran der Winter. Und das besonders in der auf Braunkohle ausgerichteten Kohle- und Energiewirtschaft. Die Älteren werden sich erinnern, dass einst mit sinkenden Temperaturen die Kerzen stets griffbereit lagen. Denn bei Schnee, Eis und klirrender Kälte war der nächste Stromausfall nicht weit. Beispielsweise genau zum Jahreswechsel 1978/79.

Während die einen weiter feierten, war in den Braunkohletagebauen, Kraftwerken und Brikettfabriken Winterkampf angesagt. Auch in der Brikettfabrik Louise in Domsdorf etwas abseits der großen Kohlereviere der Lausitz, erinnert sich Jürgen Bartholomäus vor allem an die 1950er- und 1960er-Jahre. Damals war er Elektriker und später Leiter Elektrotechnik im Braunkohlenwerk Tröbitz mit drei Tagebauen sowie Brikettfabriken.

Um die Energieversorgung und Brikettproduktion in der auf heimische Rohbraunkohle fokussierten Wirtschaft aufrecht zu erhalten, wurden in harten Wintern lausitzweit Tausende Menschen aus den Verwaltungen, der Landwirtschaft, der Nationalen Volksarmee und selbst Häftlinge an die Kohlefront beordert.

„Auch in der Brikettfabrik Domsdorf wurde alles unternommen, um den Betrieb fortzuführen“, weiß Jürgen Bartholomäus. „Da sich im Winter der Kohlemangel bis in die Feinkohlenbunker und die Trockner bemerkbar machte, wurden alle verfügbaren Kräfte vor allem aus der Verwaltung, aber auch Hilfskräfte aus der Landwirtschaft mit langen Stangen ausgerüstet, um die an den Bunkerrändern festsitzende Kohle in den Entleerungsschacht zu stoßen. Auf Louise wurde die Blecheinfassung des Bunkers mit Dampf beheizt. Andere Betriebe hatten die Bunkerinnenwände mit angeblich Frost abweisenden Keramikplatten versehen.“ Doch dies habe aufgrund der mechanischen Beanspruchung oft nicht lange gehalten.

Die geförderte Braunkohle wies einen sehr hohen Wassergehalt auf. Bei tiefen Minusgraden „backte“ diese überall sehr schnell an. Das war auch in den Waggons nicht anders. Bis zu zwei Dutzend Hilfskräfte hackten die Eiskohle heraus, berichten Kumpel aus den großen Kraftwerken weiter östlich im Lausitzer Revier. Selbst Presslufthämmer kamen zum Einsatz. „Besonders schlimm war der Winter 1962/63“, so Jürgen Bartholomäus. Ab dann hielt seines Wissens nach die Kohlewagenheizung Einzug und erleichterte die Arbeit.

Wenn der große Chef ruft, dann treten alle Mitarbeiter zum Gruppenfoto vor der Brikettfabrik Louise in Domsdorf an. Dieses Bild von einer Belegschaftsversammlung entstand um das Jahr 1937. Vor all seinen Unterstellten steht der damalige Fabrikdirektor Wilhelm Lotz. Ein Enkel von ihm hatte im benachbarten Tröbitz gelebt.
Wenn der große Chef ruft, dann treten alle Mitarbeiter zum Gruppenfoto vor der Brikettfabrik Louise in Domsdorf an. Dieses Bild von einer Belegschaftsversammlung entstand um das Jahr 1937. Vor all seinen Unterstellten steht der damalige Fabrikdirektor Wilhelm Lotz. Ein Enkel von ihm hatte im benachbarten Tröbitz gelebt. FOTO: Archiv Louise Domsdorf

„In kalten Wintern gab es viele gefährliche Situationen zu überstehen. Für die Energieversorgung war es so manches Mal prekär. Aber irgendwie wurde es immer gemeistert“, kennt er den hohen Einsatz der Menschen.

Im Vergleich zu den großen Kraftwerken mit mehreren Bunkern von 30 000 Tonnen Fassungsvermögen ging es in Tröbitz sehr übersichtlich zu. Der Rohkohlebunker fasste 900 Tonnen. Nur die Brikettfabrik Louise brauchte täglich 1500 Tonnen Rohkohle, um daraus das Soll von 600  Tonnen Briketts zu produzieren. Weitere Kohle rollte zur zweiten lokalen Brikettfabrik und in die beiden Kraftwerke zur Energieerzeugung. Pro Schicht kamen aus dem Revier Lauchhammer bis zu sechs Züge mit jeweils acht Wagen und 320 Tonnen Rohbraunkohle an.

Beim Netzausfall im Winter wurden die Brikettfabriken vom Landesstromnetz getrennt und fuhren ihre Kraftwerke im Inselbetrieb. An den Schalttafeln bewegten sich die Zeiger der Armaturen zeitweise wie verrückt. Das war, so Jürgen Bartholomäus, immer dann der Fall, wenn die mit diesem Strom versorgten Bagger im Tagebau die gefrorene Abraumschicht mit hoher Leistung aufbrechen mussten.

„Kohlezüge, bei denen durch Kontaktschwierigkeiten zur Fahrleitung oder dem Ausfall der Steuereinrichtung die Heizung ausgefallen war, wurden im Bahnhof auf das Abstellgleis gefahren werden. In kleinen Betrieben musste man auf den Frühling warten, bis die Sonne Technik und Ladung aufgetaut hatte. In Großbetrieben standen mit Dampf beheizte Auftauhallen zur Verfügung“, erinnert sich Jürgen Bartholomäus.

Dieses Foto wird gehütet wie ein Schatz. Es ist das älteste Bilddokument über die Brikettfabrik Louise in Domsdorf und stammt aus dem Jahr 1896. Damals wurde die Braunkohle noch nicht aus dem Tagebau, sondern aus dem Tiefbau nach oben geholt – hier aus etwa 20 Metern Tiefe. Fördertürme waren dafür erforderlich.
Dieses Foto wird gehütet wie ein Schatz. Es ist das älteste Bilddokument über die Brikettfabrik Louise in Domsdorf und stammt aus dem Jahr 1896. Damals wurde die Braunkohle noch nicht aus dem Tagebau, sondern aus dem Tiefbau nach oben geholt – hier aus etwa 20 Metern Tiefe. Fördertürme waren dafür erforderlich. FOTO: Archiv Louise Domsdorf

Er könnte noch so manch eine Geschichte erzählen, obwohl er nicht so lange in der Kohle gearbeitet hat. Geboren in Ostpreußen, aufgewachsen in Maasdorf, lernte er von 1952 bis 1955 Elektriker in Domsdorf, durchlief als Absolvent der Fachschule Zwickau bis 1960 einige Betriebe im Kombinat Lauchhammer und wurde dann im Braunkohlenwerk Tröbitz Hauptenergetiker und ab 1968 Leiter Maschinen und technische Anlagen bei Hansa Tröbitz. Ab 1975 arbeitete er beim Elektroanlagenbau Tröbitz. Als Monteur war er mit Unterbrechungen etwa zwölf Jahre im Ausland tätig, so in Vietnam, Mosambik, der Mongolei und in Algerien. Im Ruhestand leitete er als Mitbegründer von 1994 bis Mitte 2018 den Förderverein Freundeskreis Technisches Denkmal Brikettfabrik Louise. Er ist dort weiterhin aktiv.

(mf)